Homo selfieniensis

Seit die Zeitgenossen es auch fotografisch festhalten, kann niemand mehr übersehen, wie sehr unsere Gesellschaft zum Selfienarium geworden ist, zur PR-Society durch und durch. Deshalb könnte die Krise des Journalismus doch mehr sein als ein Finanzierungsproblem.

„Wir über uns“, diese Grundformel der PR, lautet im Singular „ich über mich“. Das Selfie mag eine besonders unschuldige Ausdrucksform der Ichbezogenheit sein, die es auf die Anderen als Kulisse, Publikum, Kunden abgesehen hat. Trotzdem macht das Selfie die Eigensucht noch ein bisschen salonfähiger. Jeder sein eigenes Model – selbstgeschneiderte Selbstvorführung. Mit Selbstbestimmung, mit Emanzipation haben Selfies so viel zu tun wie Wulffs schnorrende Schnäppchenjagd mit Freundschaft.

Das Selfie, so selbstbezüglich es entsteht, hat die anderen im Blick, denn es ist eine Darstellung für andere. Mit Selbstauslöser zu fotografieren war auch früher möglich, aber solche Fotos waren, wie Selbstporträts von Künstlern, die Ausnahme. Im Normalfall wurde die mediale Darstellung des Selbst nicht nur für andere, sondern auch von anderen gemacht. Für die fremdbestimmte Präsentation des Selbstbildes gilt: Die Dargestellten können versuchen, sich von ihrer schönsten Seite zu zeigen, aber solange sie nicht dafür bezahlen wie im Fall der Werbung, müssen sie damit rechnen, dass die Bilder, die dabei herauskommen, nicht ihrem Selbstbild entsprechen. Aktuelle Darstellungen, die sich gerade nicht nach den Wünschen der Dargestellten richten, sondern stattdessen unabhängig an Kriterien der Realitätsnähe und kollektiver Relevanz orientieren, heißen Journalismus. (Dass es derzeit Veröffentlichungen gibt, die sich auch Journalismus nennen, obwohl sie nur auf Kriterien der Vermarktung, der Quoten, Auflagen, Klicks zielen, steht auf einem anderen, hier nicht diskutierten Blatt.)

Das Selfie wäre als lustige Episode auf die leichte Schulter zu nehmen, gäbe es da nicht das Internet als die Selfie-Bühne schlechthin. Als erstes Massenmedium lädt das Internet Organisationen und Personen massenhaft ein, selbstgemachte Selbstbilder zu publizieren, also wegzulassen, auszublenden, zu verbergen, was störend wirken, und herauszuputzen, ins Schweinwerferlicht zustellen, dazu zu dichten, was gut ankommen könnte. Wer den Candystorm zum Standard macht, braucht sich über Shitstorms nicht zu wundern.

Gezerre zwischen Verdunklung und Entblößung

Der homo selfieniensis, könnte man meinen, sei älter als Handykamera und Internet. Gehört doch die Darstellung des Selbst – Stichwort Individualisierung – auf jedem Markt zur Bürgerpflicht. Selbstvermarktung als wirtschaftliche Existenz- und soziale Karrierebedingung: Keine Mietwohnung, kein Arbeitsplatz, keine Bewerbung, keine Beziehung ohne „Selfie“, ohne die Herstellungskosten in Kauf zu nehmen für die Darstellung seiner selbst von der besten Seite. Doch diese Shows bleiben unter der Kontrolle der jeweils Anwesenden, die intervenieren können. Wie gut die Inszenierung auch vorbereitet sein mag, das Risiko der unerwarteten Zwischenfrage, einer überraschenden Situationsveränderung besteht. Show alleine reicht nicht, der Leistungsfähigkeit wird, mindestens versuchsweise, auf den Zahn gefühlt. Das ändert sich, wenn fast alle Organisationen und sehr viele Personen in der Lage sind, der Öffentlichkeit eine selbstgestrickte, -gemalte, -fotografierte, -getextete Schauseite zu präsentieren – und Fremdbeobachtung auf Fassaden zu lenken. Die strikte Reglementierung, mit der Mächtige, Reiche und Showprominenz ihre öffentliche Beobachtung bis in jedes Detail zu steuern versuchen, lässt, wie der Candy- den Shitstorm, den Paparazzo auf der Bildfläche erscheinen. An die Stelle demokratischer Öffentlichkeit, die andere respektiert, Interessen jedoch kritisch unter die Lupe nimmt und mit Argumenten streitet, tritt das Öffentliche als Gezerre zwischen Verdunklung und Entblößung.

Es handelt sich hier nicht nur um eine Medienentwicklung. Dahinter wirkt ein sozialer Megatrend, der den Erfolg zum höchsten gesellschaftlichen Wert erhoben hat. Unter den Erfolgsmedien unserer Gesellschaft wie Macht, Recht, Wahrheit, Liebe, Schönheit verkörpert Geld den Erfolg am besten. Die große Gemeinsamkeit von Geld und Erfolg liegt in der Gleichgültigkeit gegenüber ihrer Herkunft. Geld und Erfolg bekommen den roten Teppich ausgebreitet, egal durch welchen Sumpf sie vorher gewatet, welchem Himmelbett sie entstiegen sind.

Wertewandel von der Leistung zum Erfolg

Die Freiheit, die der herrschenden Meinung am meisten gilt, ist die Freiheit, Erfolg zu haben. Mit nichts anderem lässt sich mehr Anerkennung gewinnen als mit Erfolgen. Die „Likes“, die wir verteilen, spiegeln diesen Trend. Die Frustrationen der Erfolglosen bilden die Begleitmusik des Wertewandels von der Leistung zum Erfolg. Die Leistung, die als Alibi für Ungleichheiten ein Jahrhundert lang gute Dienste getan hat, löst sich nämlich von beiden Seiten her auf: Leistung verliert ihre Gültigkeitsgarantie für anschließenden Erfolg, und Erfolge befreien sich vom Zwang vorheriger Leistungen. Seit 2011, als eine deutschlandweite Umfrage der Bertelsmann Stiftung zu diesem Ergebnis führte, dürfte es nicht besser geworden sein: „Weniger als ein Drittel der Befragten sieht annähernd gleiche Aufstiegschancen und weniger als 40 Prozent sind der Ansicht, dass Leistung lohnt.“ (Pressemitteilung vom 16.11.2011)

Eine gute Leistung hat kein Problem damit, andere gute Leistungen zu würdigen. Der Erfolg dagegen braucht die Erfolglosigkeit der anderen, um zu erstrahlen. Erfolgreich sind nur Sieger und Sieger gibt es nicht ohne Verlierer. Am Profisport lässt sich beobachten, wie Erfolg künstlich erzeugt wird. Gleiche Leistungen anzuerkennen, wird möglichst vermieden, notfalls wird der Sieger im Elfmeterschießen, mit Zielfoto oder dem Messen von hundertstel Sekunden ermittelt. Leistung schafft eine tragfähige Basis für Anerkennung. Erfolg hingegen brökelt, wenn er sich nicht erneuert, weil er von Aufmerksamkeit, von laufender Bestätigung lebt; deshalb macht er süchtig. Die Anderen sind nicht nur die Hölle (Sartre), sie sind auch der Himmel, denn nur sie können etwas als Erfolg feiern, jemanden als erfolgreich küren. Was Erfolgreiche also überhaupt nicht brauchen können, ist Kritik. Hier zeigt sich der kulturelle Hintergrund dafür, dass das Social Web „Dislikes“ scheut wie der Belzebub das Weihwasser.

Vielleicht reicht die Krise des Journalismus doch tiefer, als die Diagnose nahelegen will, es funktioniere nur sein wirtschaftliches Geschäftsmodell nicht mehr. Im Selfienarium ist Journalismus ein Fremdkörper, im Selfienarium sind nur Werbung, PR und Unterhaltung gern gesehen. Journalismus passt nicht in die Erfolgskultur des „Ich über mich“.