Dosvidanja, Adieu, 2014.

Und danke, dass Du gehst! Nimm mit Dir, was Du mitgebracht hast. Nimm den Wahnsinn mit!

Der Wahnsinn hatte frühe Vorboten. Die Krim war noch nicht besetzt, schon zeigte sich im Internet, was uns 2014 erwarten würde. Die Olympischen Spiele in Sotschi machten das Internet zum Laufsteg der gekränkten Idiotie. Die Spiele waren im vollen Gange, als einige Facebook-Bekannte eine Verschwörung witterten: Der Westen würde mit Russlands Erfolgen nicht zurechtkommen! Insbesondere die traditionsreiche Sportart des Schlittschuhlaufens – „eine Königsdisziplin unter allen Sportarten“ (sic!) und die russische Erfolgsstory schlechthin falle diesem Russlandhass zum Opfer. Der Westen würde die russischen Erfolge hierbei fürchten – so die Postings einiger Facebook-Bekannter. Um die russische Vorreiterrolle Russlands in dieser im Westen – wegen der westlichen kulturellen Unterentwicklung – vernachlässigten Sportart zu unterdrücken, habe das ZDF die Übertragung dieser Disziplin abgesagt. Außerdem wurde beklagt, dass die Eröffnung der Spiele, die das intellektuelle und kulturelle Reichtum Russlands demonstriert hätte, vom Westen weder gewürdigt noch verstanden worden wäre. Diese Posts kamen von Menschen, die seit Jahren und Jahrzehnten in Deutschland leben, Deutsch, Russisch und Englisch sprechen. Man merkte – dieses Jahr würde etwas ganz Besonderes werden.

Seitdem sind viele Freundschaften zerbrochen, viele Enttäuschungen eingetreten, viele Hoffnungen geplatzt. Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte haben die russischen Wirtschaftsstrukturen kompromittiert, die Entwicklungen der letzten Jahre – die russischen Staatsstrukturen. Die Entwicklungen der letzten Monate kompromittieren die russische Gegenwartskultur: Eine ganze Kultur wird durch moralischen Druck, politische Instrumentalisierungen und ästhetische Verödung als Geisel genommen und letztendlich ausgehöhlt. Die Besten werden beschimpft, die Schnellsten gehen.

Good-bye 2014, nimm Deine neuesten sprachlichen Erfindungen mit Dir mit. Im Russischen entstand zum Beispiel eine neue Beschimpfung – „Banderisten“ („Banderovez“). Seit 2014 wird diese als russische Bezeichnung ukrainischer „Faschisten“ und im Endeffekt für die gesamte diesjährige Majdan-Bewegung verwendet. Dieser Begriff diente als linguistische Rechtfertigung für russische Interventionen des Jahres 2014. Das Wort kommt von Bandera – dem ukrainischen Nationalisten-Führer, der von einem selbständigen ukrainischen Staat träumte, mit Hitler-Deutschland flirtete, um die ukrainische Befreiung von der Sowjetunion zu erreichen und schließlich selbst im KZ Sachsenhausen landete.

Eine weitere Stufe an semantischer Perversion: Weil es immer schwieriger wurde, die neue ukrainische Befreiungsbewegung als Nazis und Antisemiten darzustellen – etwa deswegen, weil jüdische Aktivisten und Politiker bei den Protesten und in der neuen Regierung eine wichtige Rolle spielten – entstand die Bezeichnung „Judeo-Banderisten“. Dieser Begriff verband auf eine dialektisch-perverse Weise zwei Gegenbegriffe (Juden und Nazis) zu einer schlagfertigen Agitprop-Synthese. Als Jude und Nazi beschimpft zu werden, ist schon eine besondere Ehre. Für meinen Text in der ZEIT, in dem ich die russische Regierung kritisierte und für echte Empathie gegenüber der russischen Bevölkerung – nicht für ihre Machthaber – warb, wurde ich im  „russischen“ Internet als Judeo-Nazi beschimpft, noch bevor das Wort Judeo-Banderist populär wurde. Auch das ein Erlebnis, welches das Jahr 2014 gerne mitnehmen darf.

Arrivederci 2014, nimm mit Dir die ermüdende Erinnerungsfolklore, die Europa dieses Jahr zum Überdruss beschäftigte: Zu viele runde Daten, zu viele schiefe Vergleiche, zu viele irrationale Ängste. Nur der Dümmste hat nicht nach Parallelen zum ersten Weltkrieg gesucht, nur der Faulste hat zum Jubiläum des Mauerfalls nicht vor dem neuen Kalten Krieg gewarnt. Alle waren sie von der Anziehungskraft der geschichtlichen Mystik verführt, alle warteten auf Reinkarnationen der großen Krisen und warnten vor dem Krieg. Dabei war die Krise längst eingetreten, bloß sah sie etwas anders aus. Die Geschichte ist kein Dummchen, sie wiederholt sich nicht zwei Mal im selben Gewand. Und auch Kriege sind längst in Europa da. Doch wir Europäer beschäftigten uns nicht mit dem realen Krieg bei unseren Nachbarn, sondern mit den imaginierten Kriegsphantasien in unseren Köpfen. Eine wichtige Aufgabe, die aber häufig in Irrationalitäten entgleiste, weil einige von uns allzu gerne Christopher Clark mit Nostradamus verwechselten.

Dosvidanja, 2014! Du hast gezeigt, zu welchen Taten Menschen unter einer Diktatur fähig sind – in Russland wurde explizit und wörtlich die „fünfte Kolonne“ angeprangert, freidenkende Kulturschaffende wurden im Fernsehen verunglimpft (einer von ihnen in die Mülltonne gesteckt, dabei gefilmt und das ins Internet gestellt), ihre Konzerte wurden abgesagt oder verboten. Bis dato normal aussehende Menschen jubelten einem Besatzungskrieg und einem ungekrönten neuen Zaren zu.

Und ja 2014, Du hast gezeigt, zu welchen Entscheidungen Menschen in einer Demokratie fähig sind: Bei den Europawahlen triumphierten die Rechtspopulisten und Radikale in verschiedenen Ländern Europas, jeden Montag versammelten sich Menschen mitten in Berlin, um mit Verschwörungsvorwürfen gegen die USA zu hetzen und für Russland zu demonstrieren, ehemalige und aktive Neonazis und Antisemiten eingeschlossen. Schon bald solidarisierten sich mit ihnen die in die Jahre gekommenen deutschen Pop-Sterne und schließlich marschierten Tausende in Dresden und anderswo, um ihrem Unmut über 0,1 Prozent Moslems in Sachsen freien Lauf zu lassen. Der Osten des Westens versank in Existenzängsten, während Menschen anderswo wegen Seuchen, Völkermord und Repressionen starben.

2014, Du hast uns vieler Illusionen beraubt. Nunmehr wissen wir, dass Annäherung nicht immer im Wandel mündet. Wir wissen, dass die eigene Inanspruchnahme von Sonderregeln zum allgemeinen Bruch der Regeln für alle führen kann, wären wir bloß vor dreizehn Jahren bereits so klug gewesen . Seit diesem Jahr wissen wir, wie schnell die Verdummung ganzer, gebildeterer Völker möglich ist, wir sehen, wie schnell die Vernichtung ganzer Volksgruppen zustande kommt. Wir wissen, dass eine Demokratie nicht immer eine Gewähr gegen Folter bietet.

Wir sehen, wie Tausende an einem Virus sterben, während Millionen zuschauen – manche hilflos, manche desinteressiert. Wir haben gesehen, wie große Hoffnungsträger im Westen versagen, große Hoffnungen im Osten enttäuscht werden und wie sich die letzten Hoffnungen im Süden zerschlagen.

Abschied von Illusionen: Wir haben Deutschland erlebt, welches von einem neuen Führungsanspruch träumte, angesichts der großen Weltkrisen von Ebola bis ISIS hilflos vor sich hin schlafwandelte und schließlich als PEGIDA aufwachte. Aber auch ein Deutschland, welches sich PEGIDA entgegenstellte und Europa in der Ukraine-Krise zusammenhalten konnte. Ob dies 2015 noch Bestand haben wird?

Danke 2014, Du hast uns Teil der Geschichte werden lassen. Du wurdest zu einem historischen Wendepunkt, zum seltenen Moment, der sich zu leben und zu erleben lohnt. Nach 2014 ist es einfacher zu verstehen, wie Diktaturen verführen, wie Demokratien verdummen, aber auch wie die Unterdrückten und Entmündigten aufbegehren und der rohen Staatsgewalt trotzen. Wir haben gesehen wie Geschichte gemacht wird und was die Geschichte aus uns macht. Und dafür danken wir Dir, 2014. Danke und gut, dass Du gehst.