Wir sollten uns schämen!

Ein Appell an uns Journalisten, nicht nur zur Weihnachtszeit

Wir Journalisten sollten uns schämen. Wirklich schämen. Es ist eben nicht nur der dämliche RTL-Reporter, der jetzt entlassen wurde, weil er ins Mikro der ARD-Kollegen von „Panorama“ gegen Ausländer gehetzt hat. Es ist die Grundhaltung, die leider viele Journalisten und solche, die sich gern so nennen, teilen. Es ist der gefährliche und völlig geschichtsvergessene Reflex vieler Kolumnisten und Kommentatoren, uns alle „um Verständnis“ für die „Sorgen und Nöte“ der Ausländerhasser und rechten Marschierer von Pegida und Co. zu bitten.

Welche Sorgen und Nöte denn? Geht es irgendeinem europäischen Land besser als uns? Gibt es irgendeinen Nachbarstaat, der die Finanzkrise besser überstanden hat als wir? Welche existenziellen Nöte haben wir denn? Erst recht verglichen mit anderen europäischen Ländern? Können wir uns bitte mal klar machen, dass Einwanderer und ihre Nachfahren in Deutschland Geld erwirtschaften und keines kosten? Frank Stauss hat in seiner Polemik auf CARTA erst vor kurzem zu Recht darauf hingewiesen.

Und was ist bitte mit den „Sorgen und Nöten“ der Millionen Muslime in Deutschland? Erst Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, dann die NSU-Morde und jetzt Pegida. Wie wäre es, wenn Giovanni di Lorenzo, Henryk Broder und alle anderen, die nun mehr oder weniger subtil in die „Das Boot ist voll“-Trompete blasen, ihren intellektuellen Ground Zero verließen, der ausgebombt ist von ihrer eigenen Islamophobie. Und wenn Sie die Stimmungsmache sein ließen gegen einen angeblichen „massenhaften Zustrom von Flüchtlingen“ (di Lorenzo in seinem Leitartikel „Wer sind wir denn?“ in der ZEIT vom 17. Dezember), über die der Libanon oder die Türkei klagen könnten, die jeweils fast eine Million syrische Kriegsflüchtlinge beherbergen, aber ganz sicher nicht Deutschland, das gerade mal 20.000 Menschen aus dem Krieg Obhut gewährt. Weltweit sind 51 Millionen Menschen auf der Flucht. Nach Deutschland kamen in den letzten elf Monaten 155.427 Menschen. Zu viele für ein 82 Millionen Volk? Übrigens immer noch eines der reichsten Länder der Welt, aber schon lange nicht mehr das beliebteste Einwanderungsland, auch nicht nach den USA, wie di Lorenzo einfach mal bar jeder Kenntnis behauptet. Die von ihm bemühte Statistik bezieht sich auf die OECD-Zahlen, sprich die Industrienationen. „Weltweit ist man mit nur 465.000 Einwanderern und maximal 200.000 Flüchtlingen auf keinen Fall vorne mit dabei“, sagt Ferda Ataman vom Mediendienst Integration. Das sollten sie auch bei der ZEIT wissen. Aber wozu Fakten checken? Garniert werden die fragwürdigen Kolumnen dann, nachdem sie all ihre düsteren Prognosen, Befürchtungen und Pauschalverurteilungen in den deutschen Medienwald hineingetönt haben, fast immer mit der steilen These, das alles dürfe man ja nicht einmal mehr sagen.

„Nur bringt es viele Menschen zur Raserei, wenn die Politik auf diese Probleme mit Verharmlosung und Sprechverboten reagiert, “ schreibt di Lorenzo. „Soll heißen: Wo die Demonstrationsfreiheit aufhört und Hetze und Verleumdung anfangen, bestimmt die Kanzlerin, so wie sie schon mal ein Buch als ‚wenig hilfreich’ klassifiziert.“ (Broder in seinem Beitrag „Das deutsche Festival des Wahnsinns“ in der WELT vom 20. Dezember)

Aber sie sagen es ja!

Immer wieder und in immer schrilleren Tönen.

Noch einmal Henryk Broder in der WELT: „Was wir seit einigen Monaten in Deutschland erleben, ist ein Festival des Wahnsinns, dessen Protagonisten keine wildgewordenen Kleinbürger, keine Nationalisten und keine Rassisten sind, schon gar nicht Nazis in Nadelstreifen, sondern seriöse und staatstragende Politiker, die sich wie Feudalfürsten am Ende des 18. Jahrhunderts benehmen, Regenten, die ihre Macht und ihre Privilegien mit niemandem teilen wollen.“

Verehrter Herr Lorenzo und Herr Broder, wie wäre es, wenn Sie sich beide den abendländischen Schaum vom Munde wischten und ihren Verstand wieder einschalteten?

Wenigstens für einen kurzen Augenblick.

Und wenn Sie sich dann in all die Millionen Menschen hinein versetzten, die schon lange Deutsche sind, mit allen Rechten und Pflichten, deren Kinder Deutsche sind und deren Enkel Deutsche werden. Aber da diese Menschen aus dem islamischen Kulturraum stammen, (zumindest die Eltern der Eltern, das reicht Ihnen ja aus), viele gläubig sind, viele aber auch nicht, und obwohl es Sunniten, Shiiten, Alaviten, Atheisten, Kemalisten oder einfach auch Gar nichts-isten sind – egal, alle haben schwarze Haare (was auch nicht stimmt) und sind „DIE MUSLIME“.

Und gegen die hetzt ein neuer neorechter Mob, er pöbelt, skandiert und marschiert wieder fahnenschwingend durch die Straßen. Wir verstehen das. Natürlich. Und finden das eigentlich ja auch ein bisschen richtig.

Es gibt über 200 untergetauchte Neonazis in Deutschland.

Es gibt wieder Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte.

51 Millionen sind auf der Flucht weltweit, so viele, wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr, aber wozu Solidarität zeigen und sich ans eigene Grundgesetz erinnern?

Oder die deutsche Flüchtlingskatastrophe nach 1945?

Stattdessen sorgen wir uns in Leitartikeln in der ZEIT oder WELT um die Zukunft des christlichen Abendlandes und, natürlich auch, um die Zukunft Dresdens. „In fünf Jahren, wenn es in Dresden so aussieht wie in Neukölln heute und in Neukölln so wie in Islamabad, wissen wir mehr.“ (Broder).

Di Lorenzo geht sogar noch weiter. Bislang, behauptet er allen Ernstes, hätten „sich die Deutschen übrigens noch sehr viel vernünftiger verhalten als 1992, als in einem Jahr fast 500 000 Flüchtlinge in die Bundesrepublik drängten. Damals brannten die Asylbewerberheime, und lange war unklar, ob der ausländerfeindliche Mob nicht die Avantgarde der schweigenden Mehrheit war.“

Mit anderen Worten: Liebe Migranten, seid doch bitte froh, dass ihr nur bedroht, bepöbelt und diskriminiert und immerhin nicht wieder abgefackelt werdet.

Noch nicht.

Aber wir haben ja durchaus Herz und viel Verständnis. Wir sorgen uns, vorweihnachtlich wie wir sind, einfühlsam und ernsthaft um die „Sorgen und Nöte“ der christlichen Abendlandmarschierer, die, wenn sie könnten, auch die Flüchtlinge Maria und Josef aus dem Land jagen würden, erst recht, wenn diese Sozialschmarotzer auch noch ihr fremdes Baby hier bei uns zur Welt bringen wollten. In Deutschland. Zu Weihnachten. Geht gar nicht.