Politico Europe – Weckruf aus Washington?

Die Übernahme der European Voice zeigt: Politico und Springer haben Großes vor. Der Europajournalismus wird sich verändern. Doch Brüssel ist nicht Washington. Unterliegt Politico Europe am Ende einem Denkfehler?

Bereits im Sommer hatte die Ankündigung des US-Politikportals Politico, in den europäischen Markt einzusteigen, für ordentlich Aufsehen gesorgt. Als letzte Woche bekannt wurde, dass die Amerikaner – gemeinsam mit dem Axel Springer Verlag – die European Voice, und damit die einzig wirklich gut gemachte unabhängige Zeitung zu EU-Politik, übernehmen wollen, ging ein mittleres Erdbeben durch die Brüsseler Medienszene. Politico will nicht weniger als „das führende Medium der EU-Politik-Berichterstattung“ werden.

Europajournalismus gilt vielen als problematisches Marktsegment, und so hat sich – obwohl die EU immer wichtiger geworden ist, es Krisen über Krisen gibt – der Europajournalismus strukturell in den letzten Jahren nicht groß weiter entwickelt. Gerade in diesem Umfeld in innovativen Onlinejournalismus zu investieren, ist schon eine interessante Entscheidung. Was steckt also hinter dieser Nachricht? Kann das im Frühling 2015 an den Start gehende Politico Europe einen neuen Europajournalismus begründen?

Der Insider-Journalismus von Politico

Politico ist nicht irgendein kleines Startup, das sich im politischen Journalismus versucht – es ist das einflussreichste Medium des Washingtoner Politikbetriebs und hat dort der Washington Post ihre Vormachtstellung streitig gemacht. Politico dominiert seit Jahren den politischen Journalismus in Washington. Der Journalismus Politicos ist schnell und “breathless”. Mike Allens morgendliches „Playbook briefing“ ist der meistgelesenste und einflussreichste Email-Newsletter in Washington. Kurzum: Das 2007 gegründete Crossmedia-Unternehmen ist zum Taktgeber und Inbegriff des politischen Journalismus in Washington geworden (jeder, der House of Cards gesehen hat, wird sich an Zoe Barns erinnern, die ambitionierte Zeitungsjournalistin, die zu „Slugline“ wechselt, dem „neuen Politico“). Die Zielgruppe ist klar umrissen: Die Politikszene in Washington mit all ihren Politikern, Beamten, Lobbyisten und Journalisten. Bei Politico heißt es, man sei fasziniert vom Potential der „politischen Macht“ für gut recherchierte Geschichten. Wo Macht ist, gibt es auch Stories. Es ist Insiderjournalismus für eine kleine Elite, detaillierter Politikjournalismus, aber auch kurze Nachrichten, gewürzt mit etwas „Gossip“. Das alles gibt es kostenlos im Netz – zusätzlich wird eine kostenlose Zeitung im Stadtgebiet verteilt – und dann gib es noch die „Pro Accounts“, einen kostenpflichtigen, aber wohl sehr profitablen Abonnement-Nachrichtendienst.

Die Philosophie: Dominanz in Brüssel – Dominanz in Europa

Politico und Springer machen keine halben Sachen. Das wurde auf einer Pressekonferenz am 10. Dezember 2014 in Brüssel deutlich. Man strebe „Dominanz in Brüssel an“ und wolle sich eine „dominante Position in den Hauptstädten Europas“ erarbeiten. Davon zeugt auch dieses Video, in dem John F. Harris, Chefredakteur von Politico, die Europa-Strategie erklärt.


Da wirkliche europäische Medien jenseits von Financial Times und euronews (das ja auch nur für Hotels relevant scheint) fehlen, wird der Europajournalismus letztlich von zwei Gruppen geprägt. Auf der einen Seite die EU-Korrespondenten, die aus Brüssel oft nur das berichten, was nationalen Erwartungen entspricht. Auf der anderen Seite eine Vielzahl kleiner bis sehr kleiner Medienangebote, die aus Brüssel berichten, aber es kaum schaffen, außerhalb der Stadt wahrgenommen zu werden. Die European Voice (print und online), Euobserver (online), New Europe (print und online) und
Euractiv (ein hybrider Medienkonzern, der bei relativ vielen EU-Projekten die Finger im Spiel hat) sind die bekannteren Beispiele und liefern teilweise durchaus guten Journalismus. Europolitics, The Parliamentoder Agence Europe sind noch kleinere journalistische Nachrichten-Abos, die fast nur in Brüssel bekannt sind. Jeder dieser Akteure wird Politico zu spüren bekommen, da sie die gleiche Zielgruppe ansprechen: Die Insider in der „Brussels bubble“.

Es steht zu vermuten, dass die European Voice nicht wegen ihrer Journalisten gekauft wurde (nach einer Schrumpfkur im letzten Jahr sind sowieso nur noch eine handvoll dort), sondern wegen ihres ähnlichen Geschäftsmodells und ihres Abonnentenstamms. Schließlich gilt die European Voice, die lange dem britischen Economist gehörte, innerhalb der EU Institutionen als Standardlektüre. Politico Europe hat aus dem Stand heraus das größte Medienangebot in Brüssel geschaffen. Leider ist diese „Dominanz in Brüssel“ auf Kosten des Wettbewerbs gegangen. Das ist bedauerlich, denn was im Brüsseler Medienbetrieb wirklich fehlt, ist Wettbewerb.

Da sich also die Dominanz in Brüssel fast schon automatisch einstellt, lohnt es sich über die „Dominanz in Europa“ nachzudenken. Mit einer guten Markenpositionierung kann man es durchaus schaffen, die europäischen Hauptstädte zu erobern. Im politischen Berlin wird ja nicht nur die FAZ oderdie SZ gelesen, es ist gängige Praxis, auch die Financial Times, den Economist oder den Guardian auf dem Tablet zu überfliegen. Wie in Washington ist auch hier die Zielgruppe klar umrissen: politische Insider in Berlin, Paris, Rom, Madrid, Warschau etc. – eine Zielgruppe, in der exklusive Nachrichten einen hohen Stellenwert genießen und die bereit ist, dafür auch etwas zu zahlen. Politicos Ambitionen in Europa können also durchaus als Angriff auf die FT oder den Economist verstanden werden.

Die ersten journalistischen Personalentscheidungen sind dann auch keine dicken Überraschungen. Ein deutsch-amerikanisches Führungsteam für ein deutsch-amerikanisches Unternehmen: Florian Eder, Europa-Korrespondent der Welt wird „Managing Editor“ und Matthew Kaminski vom Wall Street Journal wird „Executive Editor“.

Das Geschäftsmodell: Veranstaltungen und „Pro Accounts“ – überall in Europa

Das 50/50-Joint Venture zwischen Springer und Politico will um die 10 Millionen Dollar in Politico Europe investieren.Neben dem klassischen Anzeigengeschäft wird das Geschäftsmodell auch Veranstaltungen beinhalten. Politico hat mit der European Voice auch gleich noch Frankreichs „führende Veranstaltungsagentur im Public Affairs-Bereich“ erworben. Veranstaltungen im Schnittfeld von Politik und Wirtschaft können ja durchaus lukrativ sein – vor allem wenn man eine schillernde Medienmarke hat, die es versteht, Themen auf die Agenda zu setzen. So ist Politicos „convening power“in Washington nicht mehr wegzudenken. Es bedarf also wenig Fantasie, sich vorzustellen, dass Politico auch im politischen Veranstaltungsmarkt in Brüssel, Berlin oder Rom aktiv wird. In Berlin werden sicher bald die ersten Einladungen zu einem „Politico Frühstück“ oder einem „Politico Gesundheitsgipfel“ verschickt. Gesponserte „must-go events“ für die politische Klasse, die zudem auch ein paar Nachrichten für den Tag liefern (die natürlich exklusiv auf Politico zu finden sein werden). Wenn es also um politisch angehauchte Veranstaltungen geht, bekommen auch Denkfabriken oder Verbände in Berlin, Paris oder London; eigentlich alle Organisationen, die um die Aufmerksamkeit der politischen Klasse kämpfen, einen potenten – und vor allem prominenten – Wettbewerber. Diskussionen, ob dass noch als unabhängiger Journalismus gilt, dürften folgen.

Das zweite Standbein für Politico in Washington sind die sogenannten „Pro Accounts“, die vor allem an Firmen und andere Entscheidungsträger verkauft werden. „Pro Accounts“ bestehen aus einer Mischung aus Newslettern, Hintergrundberichten und maßgeschneiderten Analysen zu einzelnen Branchen (Finanzdienstleistungen, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft, Verteidigung, Technologie etc.). In Washington arbeitet gut ein Drittel der Politico-Journalisten an den „Pro Accounts“. Eigentlich ist dieses Modell wie gemacht für Brüssel. Nirgendwo gibt es eine so hohe Anzahl an Firmen, die sich zu den neuesten politischen und regulatorischen Entwicklungen in einem bestimmten Politikbereich auf dem Laufenden halten wollen. Politico bewegt sich hier im Tätigkeitsfeld einer ganzen Beratungsbranche, die gutes Geld damit verdient, jeden Morgen maßgeschneiderte „policy briefings“ an einen Kunden zu schicken. Es geht um die schnelle und exklusive Information für ein zahlungskräftiges Publikum.

Entweder entstehen neue Impulse für den europäischen Journalismus…

Politico Europe ist ein journalistischer Weckruf an Europas Journalisten. Während sich hierzulande viele über die „Krise des Journalismus“ auslassen, macht sich international Aufbruchstimmung breit. Vor allem Onlineangebote aus den USA wagen den Sprung über den Atlantik und investieren in Europa. Nach der Huffington Post, Buzzfeed und Mashable haben auch Vice Media und Business Insider angekündigt, in Europa zu investieren. Auch der internationale Politikjournalismus boomt (Journalisten hierzulande sollten sich mit Reported.ly auseinandersetzen – das könnte durchaus der nächste große Hype werden). Politico Europe zeigt, dass sich wieder was bewegt. Es wird investiert, es gibt neue Ideen und neuen Wettbewerb um die besten (politischen) Geschichten. Die Querfinanzierung ist das neue (alte) Zauberwort.

Als neuer, nicht nur von außen, sondern aus der hyperkompetitiven US-Nachrichtenkultur kommender Akteur wird Politico Europe andere Medien in Brüssel – aber auch den Europajournalismus generell – unter Druck setzen. Für Korrespondenten in Brüssel wird es nicht mehr reichen, nur über „midday briefings“ der Kommission und die Pressekonferenzen nach einem EU-Gipfel zu berichten. Die angestrebten 30-40 Journalisten bei Politico werden, so die Ansage, das Europaparlament „so ernst nehmen, wie es sich selbst nimmt“, was letztlich auch im Interesse von uns Wählern ist. Die Politico-Journalisten in den europäischen Hauptstädten wiederum werden versuchen, die oft eklatanten Widersprüche aufzudecken zwischen dem Handeln vieler Politiker in Brüssel und dem, was sie dann „zuhause“ kommunizieren. Auch hier kann Politico Europe zu Transparenz und Öffentlichkeit beitragen. Andere Medien werden darauf reagieren müssen und entweder Politico-Nachrichten übernehmen oder gleich selbst in dem Bereich investieren.

… oder Politico scheitert an der Brüsseler Konsenspolitik

Abzuwarten bleibt dagegen, ob Springer und Politico wirklich zusammenpassen. Auf der einen Seite das innovative, junge, extrem ambitionierte US-Onlinemedium, ein Kind des Internets – auf der anderen Seite der Axel Springer Verlag, der trotz seiner ambitionierten Internetstrategie immer noch ein, sagen wir mal, kompliziertes Verhältnis zu Google und anderen Internetfirmen aus den USA pflegt. Auch dass ausgerechnet der Verlag, dem die BILD gehört, nun den Europajournalismus dominieren will, wird in der Brüsseler Medienszene durchaus kritisch gesehen.

Das größte Problem aber könnte sein, dass Politico Europe einen strategischen Denkfehler begangen hat: Brüssel ist nicht Washington, die Abläufe in der EU sind nicht mit denen in der US-Politik vergleichbar, politische Macht nicht so direkt greifbar. Entscheidungen in der EU fallen nicht nur in Brüssel, sondern auch in 28 Mitgliedsstaaten. In der EU ist immer große Koalition, die Sprache der Diplomatie trifft auf die der Bürokratie. Politico Europe wird es schwer haben, aus Brüssel ein „House of Cards“ zu machen und im konsensorientierten Brüssel politische Grabenkämpfe zu inszenieren.

Und überhaupt, es ist doch alles mal wieder alter Wein in neuen, größeren Schläuchen: Die Entscheidung gegen ein mehrsprachiges Angebot und für die Übernahme der European Voice zeigen, dass Politico Europe nicht daran interessiert ist, neue Zielgruppen für einen neuen Europajournalismus zu begeistern. Stattdessen gibt es „Breaking News“ und „Gossip“ für die zahlungskräftige Politikelite in Brüssel, Berlin und Paris.