Helfen ist peinlich? Lustig, Herr Böhmermann!

Acht Gründe, warum Böhmermanns LiveAid-Rant scheiße ist.

Ja, ok. Ich bin spät dran. Jan Böhmermann hat schon letzte Woche unter dem Titel „Do they know it’s scheiße“ das BandAid30-Projekt von Bob Geldof und seinen deutschen Ableger, unter der Führung von Campino im speziellen, gedisst. Campino hat entsprechend gereizt reagiert. Alle haben mal drüber geschrieben. Das Thema könnte durch sein.

In meiner Facebook-Timeline kam aber dermaßen oft der Post zu Böhmermanns Schmähstück eingetrudelt, dass ich doch den Eindruck hatte, hier gäbe es Grund zu streiten. Ich fand Böhmermanns Kritik nämlich extrem schwach (manche meiner Facebook-Kontakte übrigens auch – und sie haben es deshalb gepostet). Und zwar im Speziellen und im Allgemeinen. Fangen wir mit dem Speziellen an, den inhaltlichen Vorwürfen. Die sind nämlich praktisch alle Schwachsinn oder philisterhaft perfide.

Vorwurf 1: Bob Geldof und andere sind abgehalftert. Die Beteiligten wollen keine Aufmerksamkeit für die Bedrohung durch Ebola, sondern sie instrumentalisieren Ebola (und die Opfer), um Aufmerksamkeit für sich zu bekommen.
Der Klassiker, sobald sich ein Prominenter für irgendetwas engagiert. Der Vorwurf ist besonders perfide, weil er durch nichts und niemanden widerlegt werden kann. Hier wird einfach grundsätzlich bezweifelt, dass jemand „aus den richtigen Gründen“ handelt. Die Handlung selbst ist dann wurst. Das ist ungefähr so fair, als würde man alle Tore von Mario Götze für den FC Bayern aberkennen, weil er den Verein ja nicht „wirklich“ liebt.

Vorwurf 2: Die Promis haben doch selber Geld. Wieso spenden die das nicht einfach, statt andere darum zu bitten?
Wirklich großer Schwachsinn. Erstens tun die meisten beteiligten Prominenten das. Zweitens ist ihr Engagement auf Zeit angesichts der üblichen Gagen betriebswirtschaftlich gesehen ohnehin schon von erheblichem. Vor allem aber mobilisiert eine Aktion wie BandAid drittens erheblich mehr Spenden, als von den einzelnen Künstlern aufgebracht werden könnten, selbst wenn sie sich dabei ruinieren . Letzteres ist aber offenbar die minimale Erwartung, um Vorwurf 1 zu entkräften.

Vorwurf 3: Die Beteiligten haben derzeit alle aktuelle Projekte, wie eine Tour oder eine neue Platte. Da kommt diese Art der Promotion gerade recht.
Damit ist die argumentative Zwickmühle grandios aufgestellt. Es gibt für eine Person des öffentlichen Lebens einfach keinen guten Zeitpunkt, sich zu engagieren. Entweder man ist im Geschäft – dann kommt es schon mal vor, dass man den nächsten Film, die nächste Platte oder die nächste Tour vorbereitet. Dann darf man sich aber nicht engagieren, weil das sicherlich nur Promo für die aktuellen Projekte ist. Oder man bereitet gerade kein aktuelles Projekt vor – siehe Vorwurf 1.

Vorwurf 4: Wer keinen durch und durch makellosen Lebenslauf vorzuweisen hat, darf sich nicht engagieren.
Sie haben schon mal Schokolade gegessen, die nicht fair gehandelt war? Sie haben schon mal im Supermarkt eingekauft und die Sachen in eine Plastiktüte gepackt? Sie sind schon mal mit dem Flugzeug geflogen (Hallo?? Ökologischer Fußabdruck???). Dann höre ich mir von Ihnen schon mal keinen Debattenbeitrag zu irgendwas an, das irgendwie was mit besserer Welt zu tun hat. Und da wird sich ja wohl bei jedem Promi was finden lassen, um triumphierend aufheulen zu können: „Seht her, von dem müssen wir uns gar nichts sagen lassen!“

Vorwurf 5: Der Song ist schlecht. Manche der Künstler der BandAid30 räumen selbst ein, dass der Song Geschmackssache sei. Warum spendet man dann nicht einfach so für Afrika?
Nun, weil die Leute „einfach so“ eben nicht spenden. Dass das Lied nicht jedem gefällt, ist natürlich in der Tat ein massiver Vorwurf, weil ja von allen anderen Liedern in der Geschichte der Menschheit bekannt ist, dass sie allen gefielen. Übrigens: hier.

Vorwurf 6: Dass im Musikvideo Opfer gezeigt werden, verletzt die Würde der Betroffenen.
Es hat mich ein bisschen überrascht, dass ausgerechnet Jan Böhmermann mit so einem feinfühligen Argument um die Ecke kommt. Aber okay. Es ist in der Tat unter entwicklungspolitischen Aktivistinnen und Aktivisten in Nord und Süd ein kontrovers diskutiertes Thema, inwieweit der Einsatz von Bildern angemessen ist, die Not und Elend zeigen. Aber: Wenn man darauf verzichtet, riskiert man, dass Menschen in reichen Erdregionen die Tragweite von Not und Elend in den betroffenen Regionen nicht erfassen. Denn Fakt ist, dass die Not und Angst in den Gebieten, wo Ebola momentan wütet, groß ist. Die Fassungen des Videos, die ich kenne, zeigen die Ebolagebiete nicht und die Szene, die Böhmermann zeigt, überschreitet keine Grenzen. Ich kenne auch in der entwicklungspolitischen Szene niemanden (außer Jan Böhmermann), der bezüglich BandAid30 diesen Eindruck hatte.

Vorwurf 7: Jan Josef Liefers und Anna Loos sind nach der Aufzeichnung des Liedes nach New York geflogen!
Hä? Was hätten sie denn tun sollen? Ins Kloster gehen? Alle weiteren Termine in den kommenden zwölf Monaten absagen?

Vorwurf 8: Gelder an das BandAid-Projekt sind verschleudert.
Kann man ja mal behaupten. Die sind ja alle korrupt. Warum Jan Böhmermann zu dieser Auffassung kommt, ist sein Geheimnis. Mein Verdacht: Sein Redaktionspraktikant hat diesen Artikel gegoogelt, der erzählt, dass die BBC Verschwendung in den Äthiopien-Projekten von BandAid ausgemacht hatte. Es stellte sich allerdings heraus, dass der betreffende Journalist schlampig recherchiert hatte. Selten genug: Die altehrwürdige BBC entschuldigte sich später bei Bob Geldof.

Jetzt zum Allgemeinen: Was mich an dieser Sache grundsätzlich ärgert, ist die Häme all denen gegenüber, die auch nur den Versuch unternehmen, Dinge zum Besseren zu bewegen. Das zynische Niederstampfen des guten Willens, damit auch in Zukunft bloß keiner noch einmal versucht, aus der Reihe zu tanzen. Wer soll’s denn richten? Der Staat? Jan Böhmermann?

Man kann natürlich darüber reden, ob Ebola angesichts anderer gesundheitlicher Herausforderungen auf dem afrikanischen Kontinent eigentlich die richtige Priorität ist. Und natürlich hat ein Projekt wie BandAid seine Fallstricke. Man kann das kritisieren. Man kann das auch mit spöttischer Distanz sehen. Aber dann muss man auch, wie etwa Stefan Kuzmany auf Spiegel Online, so fair sein, durchscheinen zu lassen, dass den Beteiligten der Drahtseilakt zwischen Publicity und praktischem Ziel mit all seinen schillernden Widersprüchen sehr wohl selbst bewusst ist. Ihnen war auch bewusst, dass sie Häme kassieren würden. Sie haben sich dennoch dazu entschieden, mitzumachen. Das ist aus meiner Sicht mutig. Nicht uncool. Nicht peinlich.