Der Mauerfall, mein Vater und ich

| 09.11.2014 | Ein Kommentar

Das Jubiläum ist vorbei, die Ballons sind in die Höhe gestiegen. Erinnerungen wurden wach. Dieser Tag hat Spuren hinterlassen. Bei allen in Deutschland lebenden Menschen. Eine persönliche Geschichte.

9. November 1989. Später Abend. Berlin Charlottenburg.
Mein Vater sitzt staunend vor dem Fernseher. Ein Mann, den Kommunisten und Sowjets aus der afghanischen Heimat vertrieben haben. Er sitzt einfach da und kann es kaum fassen: Ein Regime löst sich grad in Luft auf. Einer von ihm verhassten Ideologie ist die Idee abhanden gekommen.

Menschen in komischen Klamotten, mit schaufenster-großen Hornbrillen und noch größerer Rührung schreien freudetaumelnd den Journalisten ins Reportermikro: Waaahnsinn! Hätte mein Vater dieses Wort nicht schon gekannt, der Abend des 9. November 1989 wäre die beste Lehrstunde gewesen. Er schüttelt ungläubig den Kopf. Er wischt sich die Tränen vom Gesicht. Was für ein Ereignis. Was für ein Moment. Sie haben’s geschafft. Und wir sind dabei!

Ich liege irgendwann im Bett, völlig aufgewühlt. Muss eigentlich schlafen, der nächste Schultag rückt näher. Die halbe Nacht läuft mein Radio. Invalidenstraße, Bornholmer Brücke, Brandenburger Tor, Friedrichstraße, überall hin wird live geschaltet.

Draußen vor meinem Fenster höre ich die ersten Trabis anrollen. Zweitakter, der neue Rhythmus West-Berlins. Dieser Gestank, der jedes Greenpeace-Herz gefrieren lässt, wird für mich zum Duft der Freiheit.

Von diesem Tag an fahre ich jeden Nachmittag nach der Schule auf meinem pseudo BMX-Rad zum Brandenburger Tor. Bismarckstraße, Ernst-Reuter-Platz, Straße des 17. Juni. Der Fahrradweg als Chronik deutscher Geschichte.

Ich bin dreizehn. Hormone sorgen grad für ein Update meines Körpers und meiner Persönlichkeit. Umbruch. Pickel. Neuaufstellung. Oszillieren zwischen Babyhaut und Streuselkuchen. Selten haben Berlin und ich uns so identisch gefühlt. Pubertät eines Jungen und seiner Stadt.

An einem dieser Tage sehe ich einen Mann, der sich mit Hammer und Zirkel an die Mauer stellt. Liebe Freunde, die Symbole der Deutschen Demokratischen Republik werden nun ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt, ruft er mit breitem Grinsen einer applaudierenden Menschentraube entgegen. Er setzt den Zirkel an, zeichnet einen Kreis und hämmert los.

Die letzten Atemzüge eines Imperiums

In den Wochen und Monaten danach bewege ich mich mit einem unbändigen Stolz durch Berlin. So, als wenn ich persönlich Honecker und Krenz ohrfeigend aus dem Politbüro gejagt hätte. Vor den Banken bilden sich Schlangen. Begrüßungsgeld. Die Banane löst den Bundesadler ab. Ich unterhalte mich mit ganz vielen Menschen. Sie fragen nach dem Weg, nach der nächsten Sparkasse. Ich komme mir vor wie ein Stadtführer. Der in Kabul geborene Junge spürt seine neue Heimat. Endlich.

Mein Vater ist guter Dinge. Wenige Monate zuvor zogen die Sowjets aus Afghanistan ab. Nun ist die Mauer gefallen. Die letzten Atemzüge eines Imperiums. Ein herrliches Gefühl. Der Mann, der keine zehn Jahre zuvor noch ein angesehener Kaufmann in seiner Heimat war, von jetzt auf gleich zum Hausmann wurde, schöpft Hoffnung. Kann er bald zurück? Zurück in ein Land, das er unfreiwillig verlassen musste, weil ihn beim Besuch von uns in Berlin ein Herzinfarkt für Wochen auf die Intensivstation gebracht hatte und sich während dieser Zeit die Ereignisse in Kabul so sehr überschlugen, dass er nicht mehr zurück konnte.

Während in den folgenden Jahren in Deutschland auf den ersten Blick zusammenwuchs, was zusammen gehörte, schlitterte Afghanistan in die nächste große Scheiße. Die Mujaheddin übernahmen die Macht, bekämpften sich gegenseitig, plünderten und massakrierten die Bevölkerung. Die Regierung war instabil. Kabul lag unter ständigem Beschuss. Das Land kam nicht zur Ruhe. Mitte der Neunziger trat schließlich eine schlagkräftige Truppe auf den Plan, die das Chaos zu nutzen wusste, Afghanistan von Süden her nach und nach unter ihre Kontrolle brachte und den Menschen seit langem wieder irgendwie das Gefühl von Sicherheit gab: die Taliban. Vom Regen in die Megatraufe. Der Rest ist (leider noch keine) Geschichte.

Das Widersprüchliche war für uns Alltag

1989/90 trug ich meine ersten Dr. Marten’s mit Stahlkappen, frönte meinem links-alternativen Dasein und die Pubertät verabschiedete sich langsam, aber resigniert, während mein Vater täglich die BBC hörte und auf optimistische Nachrichten aus seinem Land hoffte. Bei uns Zuhause konkurrierten zwei unterschiedliche Heimatbilder um die Lufthoheit über dem Esstisch – könnte man meinen. War aber nicht so. Das Widersprüchliche war für uns Alltag – wie bei vielen Familien, die dieser Tage ungewollt Teil einer breiten Diskussion sind:

Mein elf Jahre älterer Bruder, in Hamburg geboren, lief während seiner Oberschulzeit in Bundeswehrstiefeln durch die Gegend, hörte DAFs Tanz den Mussolini, feierte seine Womack & Womack-Platten und vergötterte Prince. Meine Mutter hatte eine Änderungsschneiderei und mein Vater schmiss den Haushalt.

Ein Jahr zuvor gab Michael Jackson ein Konzert auf dem Feld vor dem Reichstag. Etliche meiner Cousinen und Cousins waren dort, sogar meine Großmutter wollte den King of Pop sehen und stand vor den Absperrgittern des Konzertgeländes. Ich wollte natürlich unbedingt dabei sein, aber meine Eltern waren der Meinung, dass das nichts für einen kleinen Jungen sei. So lief mein Vater mit mir die Straße des 17. Juni in Richtung Mauer hinauf. Und irgendwo zwischen den grünen Bäumen des Tiergartens blieben wir stehen, hörten die schreienden Massen und Michael Jacksons Kreischen, sobald er sich in den Schritt fasste. Mein Vater schaute mich zufrieden an. Wenigstens ein Hauch von Thriller für den Jungen. Wobei ich schon so ein wenig das Gefühl hatte, dass es auch Moonwalk für den Daddy war.

In meiner Fantasie befand ich mich schon längst auf der Alternativen Liste West-Berlins. Renate Künast, Wolfgang Wieland und Christian Ströbele wähnte ich in meiner geistigen Verwandtschaft. Meine Mutter, stramme Antikommunistin, verfolgte meine politische Sozialisation mit größtmöglichem Argwohn. Einmal kam ich mit der taz nach Hause. Sie zerriss die Zeitung. Nach kurzem Streit mussten wir beide lachen. In Berlin regierte mittlerweile die erste rot-grüne Koalition. Walter Momper, mit rotem Schal und Alki-Nase so etwas wie der frühe Peter Staisch, hatte das Sagen.

Der Traum vom deutschlandweiten „Wir sind das Volk

Ich entdeckte den Islam für mich. Mein wunderbarer Waschsalon, ein Drama nach dem Drehbuch von Hanif Kureishi, in dem das schwule britisch-pakistanische Pärchen Omar und Johnny die Hauptrolle spielt, lief im Fernsehen. Dadurch wurde mein Bruder auf den Sänger Nusrat Fateh Ali Khan aufmerksam. Dessen Stimme war Teil der Filmmusik. Nusrat, damals der wohl weltweit bekannteste Vertreter der sufistischen Qawwali-Musik, hatte eine Stimme, die einem die Vorstellung des Urschreis plastisch vor Augen und ins Ohr führte. Die Berliner zitty schrieb mal über ihn: Eine Stimme wie alle Naturgewalten dieser Welt, Konzerte wie Gottesdienste und ein Ruf wie Donnerhall. Qawwali war für mich so etwas wie der Gospel des Orients.

Die Musik platze hinein in meine Suche nach Identität und Lebenssinn. Ich wurde zum Sufi. Ein Anhänger der islamischen Mystik. Ich war sehr spirituell und gläubig. Die aus heutiger Sicht krude Mischung aus links-progressiv-emanzipatorischem Polit-Denken und islamischer Weltsicht war damals für mich alles andere als widersprüchlich. Die Sufis des indischen Subkontinents waren bekannt für ihre sehr liberale Haltung zu religiöser Praktik und Koranexegese. Sexualität, Rausch und Lebensfreude sind für sie Brücken zu Gott. Diesseitiger kann das Jenseits wohl kaum sein. Praktisch der Gegenentwurf zu Gangbang im Paradies. Nusrat war mein Fleisch gewordener Lifestyle. In meinem Leben genoss er den Status eines Halbgottes.

In mir entstand etwas Neues. Ein multi-identitäres und facettenreiches Weltbild, bestehend aus vielen kleinen und großen Mosaiksteinchen, die mir mein Lebenslauf in den Schoß katapultiert hatte. Es passte und es fühlte sich gut an. Es wuchs zusammen, was aus meiner Sicht zusammengehörte. Widersprüchlich und ambivalent, wie das Leben halt so ist.

Getragen von der Euphorie des Novembers 1989, von der Gewissheit, dass einfache Menschen etwas bewirken können, stürzte ich mich ins soziale Engagement und hielt mich für hochgradig politisch. Es waren meine ganz persönlichen Aufbruchsjahre!

Ich träumte von einem deutschlandweiten Wir sind das Volk!. Von einer Bewegung, die auf den Wogen des 9.11.89 dafür sorgt, dass alle in Deutschland lebenden Menschen ein Wir-Gefühl entwickeln. Einer Bewegung, die ein wirklich neues Deutschland schafft, das seinen Grundrechten und seinen vielen Vorstellungen von Gleichberechtigung und Gleichheit seiner Bewohner gerecht wird. Ich wollte, dass sich ein Lebensgefühl in meiner Heimat etabliert, das die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten des Lebens nicht nur hinnimmt, sondern als Inspirationsquelle für die Zukunft ansieht. Das Land der Ideen – halt so ganz in echt.

Ein anderes neues Deutschland

Es kam etwas anders. Die Freude meines Vaters über das Ende des Ostblocks musste bald Platz machen für ein ganz anderes neues Deutschland, das mit Rostock Lichtenhagen, Hünxe, Hoyerswerda, Mölln, Solingen andere Überschriften trug, als die von mir sehnlich erhofften. Wunderbar klar und ausführlich beschreibt dies Daniel Bax aktuell in der taz.

Heute früh, 25 Jahre nach dem Mauerfall, am 09. November 2014, wachte ich mit einer ganz seltsamen Stimmung auf. Ich lag noch im Bett, machte das Radio an, fuhr den Rechner hoch und blickte auf meinen News-Stream bei Facebook. Überall Bilder von der Lichtgrenze, Radio Eins spielte Pink Floyds Another Brick in the Wall. Da war sie plötzlich wieder, die Stimmung von ’89. Freude, Euphorie, die Leichtigkeit des Seins. Trabiluft war zu riechen,  das Kribbeln zu spüren. Ich musste losheulen wie ein Schlosshund. Ausgerechnet ich, der Typ mit den wohl schüchternsten Tränendrüsen der Welt.

Mir schoss eine Flut an Bildern und Ereignissen durch den Kopf. Ich spürte die Euphorie jener Tage und alles, was danach war.

Ich erinnerte mich an meinen Vater, den ein, wohl durch Sorgen und Gebrochenheit entstandener, Magentumor 1994 dahin raffte. Auf seiner Beisetzung gab ich den lange schon aufgekommenen Zweifeln an der Religion den letzten Raum, um mich vom Glauben zu verabschieden. Nusrat Fateh Ali Khan starb zwei Jahre später an einem, nach einem Londoner Konzert erlittenen, Herzstillstand. Viele Abschiede auf einmal.

Ich dachte an den 11. September 2001, an die Jahre danach, an den neuen Afghanistan- und den Irakkrieg. Ich musste an das unsäglich kleingeistige und großrassistische Deutschlandballädchen von Thilo Sarrazin denken, an seinen Erfolg und was das über meine Heimat aussagt, an die wirr-faschistoiden Bartträger (leider sind das nicht die Hipster in meinem Kiez), an Kreuzberger, die heute, berauscht von ihrer Blutrünstigkeit, in Enthauptungsvideos des IS auftauchen und an die Tatsache, dass für viele die Mauer noch immer steht, Berlin eine Insel geblieben ist, weil es weiterhin vor allem rund um (West-)Berlin ein gewaltiges Nazi-Problem gibt.

Viele tolle Dinge sind in den letzten 25 Jahren passiert, aber irgendwas ist auch gewaltig schief gelaufen.

Momentan sind es vor allem schrille Islamdebatten, die kein echtes Wir-Gefühl entstehen lassen und dazu führen, dass Religionszugehörigkeit ethnisiert wird und dass sich Menschen für ihre Identität rechtfertigen und gleichzeitig um Verwandte bangen müssen, die der Gefahr ausgesetzt sind, in die Fänge des IS zu geraten. Es sind vor allem diese Diskussionen, die einem sagen: „Ihr seid nicht das Volk!“

Die plötzliche Gegenwart der Stimmung jener Novembertage und die tatsächliche der heutigen Zeit passen nicht zusammen.
Jetzt in diesem Moment wird mir klar, dass Tränendrüsen auch kotzen können. Die eine tat das heute morgen, während die andere in Nostalgie schwelgte.

Ich möchte keine einzige Sekunde meiner religiösen Zeit missen. Sie war intensiv, Orientierung gebend und öffnete mir in vielerlei Hinsicht die Augen. Ich möchte keine einzige Sekunde meiner politisch naiven und utopischen Zeit hergeben. Sie war wichtig und erweiterte meinen Horizont. Und: Ich bin so sehr glücklich darüber, den 9. November 1989 in meiner Stadt miterlebt zu haben.

Zum 50. Jahrestag des Mauerfalls wünsche ich mir einen Blick zurück, der uns allen das Gefühl gibt, dass wir es geschafft haben, von uns als ein Volk zu sprechen. Der uns nicht mit Scham erfüllt, weil wir unsere Werte auch so vielen flüchtenden Menschen verwehrt haben. Einen Blick, der uns alle mit Stolz erfüllt, weil wir gemeinsam für etwas gekämpft haben und wir uns nicht durch wirre Debatten und widerliche Konflikte noch weiter haben auseinander dividieren lassen. Dieser Kampf wird zäh und lang. Und wir werden immer wieder zurückgeworfen. Wer eine Alternative kennt, möge die Stimme erheben.

Wenn wir das hinbekommen, dann wird, endlich und irgendwie, zusammengewachsen sein, was seit Jahrzehnten in Deutschland tatsächlich zusammengehört. Vielleicht wird es ein Wildwuchs sein. Aber das Leben ist halt widersprüchlich und aushalten lässt sich so etwas gemeinsam viel besser. So wie auch die geschichtliche Ambivalenz des 9. Novembers in Deutschland.