Digital-Index 2014: Alphabetisierungsdefizite

Die von der Initiative D21 in Auftrag gegebene Studie liefert Ergebnisse, die warnen sollten. Deutschland scheint noch weit weg von der viel gepriesenen „digitalen Gesellschaft“. Eine erste Analyse.

„Es wurde noch nicht genug getan, um den Zugang zum Internet zu verbessern, das Kompetenzlevel, die Vielfältigkeit der Nutzung und die Offenheit zu steigern.“ Zu dieser nüchternen Feststellung kommen die Autoren des von der Initiative D21 beauftragten und soeben mit einem Vorwort des Wirtschaftsministers Gabriel veröffentlichten „Digital-Index 2014“.

Die Studie ist ein Beleg des Stillstands im Hinblick auf die angestrebte Entwicklung einer „digitalen Gesellschaft“. Die digitale „Alphabetisierung“, von der sich eine erstaunlich breite Front von Interessenten – von Netzaktivisten bis zu Industrieverbänden – viel verspricht, hat in Deutschland bislang nur 76% der über 14-Jährigen erreicht.

Unter den einzelnen untersuchten Merkmalen (Zugang, Nutzungsvielfalt, Kompetenz und Offenheit) fällt der Rückgang der durch Abfrage von Fachbegriffen ermittelten Kompetenz um 2,5% gegenüber dem Vorjahr auf. Daher stehen nach wie vor 37% „digital Souveräne“ einer Mehrheit von 63% „digital weniger Erreichten“ gegenüber.

Das Programm der Allianz sämtlicher Stakeholder der Internetznutzung wird in der Studie in Form eines arg verunglückten Versuchs, ein digitales Schlaraffenland zu zeichnen, mitgeliefert:

„Die Chancen für Deutschland: Ein Mehr an Informationen und Wissen, ein Mehr an Kommunikation, ein Mehr an Mitsprache und Demokratie, ein Mehr an Transparenz, Effizienz, Wirtschaftsleistung und Innovation. Ob Deutschland von diesen Chancen profitieren kann, hängt maßgeblich vom Digitalisierungsgrad der Bevölkerung ab.“

Hier mündet digitale Tonnenideologie in einer bodenlosen Behauptung. Mengensteigerungen beim „Wissen“ (das nach traditionellem Verständnis erst dann zum Wissen wird, wenn wir es uns angeeignet haben) und der Kommunikation sollen unsere Demokratie noch demokratischer und unsere Wirtschaft noch wirtschaftlicher machen. Wir sollen also an der Online-Quote der Bevölkerung die Qualität des demokratischen Lebens ablesen und und darüber freuen, dass die weitere Verbreitung von E-Commerce zugleich zu mehr Demokratie beiträgt.

Ganz offenkundig krankt das Untersuchungsprogramm – und möglicherweise auch das gesamte Konzept der Digitalen Agenda – daran, dass die Welt außerhalb der Internetnutzung (drei Stunden täglich) nicht mitgedacht wird. Dass die Medienkompetenz der Internetnutzer abnimmt, hängt ja nicht mit zu geringen Online-Zeiten zusammen, sondern damit, dass die digitale Welt den Schlüssel zu ihrem Verständnis nicht selbst mitliefert.

Eine frappierende Erklärung für die stagnierende Nutzungsquote liefert zudem die Auswertung verschiedener Untersuchungen über den Analphabetismus in Deutschland. Es gibt hierzulande 7,5 Millionen Analphabeten, das sind ca. 15 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung. Die Analphabetenquote nimmt zu, und das auch unter deutschen Jugendlichen. Die „Nationale Strategie für Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener in Deutschland“ der Kultusministerkonferenz findet im Web nur ein geringes Echo, obwohl das Heer der Analphabeten etwa fünfmal so groß ist wie die internet-aktive Informationselite dieses Landes (2% der Bevölkerung, grob geschätzt).

Zudem wurde gerade die Untersuchung der Landesmedienanstalt NRW über „Kinder und Onlinewerbung“ vorgestellt. Ergebnis: Nur 18% der 6- bis 11-Jährigen können Werbung im Netz überhaupt erkennen. Bekannt ist außerdem (nachzulesen im Buch Michael Hallers „Brauchen wir noch Zeitungen?“), dass Jugendliche generell nicht imstande sind, journalistische Nachrichten von Kommentaren zu unterscheiden, ganz gleich, in welchem Medium.

All diese prä- oder hypo-digitalen Alphabetisierungsdefizite in Deutschland blockieren grundsätzlich die mit den Digitalisierungsstrategien angestrebten Effekte. Es ist zu befürchten, dass die digitale Industrialisierung unserer Lebenswelten eine immer größere Zahl von nicht nur digitalen Illiteraten erzeugt. Wie soll die Internetnutzung noch wachsen, wenn es doch eine steigende Zahl lese- und schreibunfähiger Erwachsener gibt? Kommt vielleicht jetzt die Konzeption textfreier Browser und Apps auf die Digitale Agenda?