Krautreporter legen los

Das online-journalistische Experiment kann eine erfolgreiche Zukunft haben, von der auch etablierte Verlagshäuser profitieren könnten. Ein Carta-Interview mit Karsten Wenzlaff.

Knapp 18.000 zahlende Mitglieder, gut eine Million Euro für ein Jahr Betrieb zusammenbekommen, Beta-Modus länger als geplant. Jetzt ist der Launch vollzogenKarsten Wenzlaff, Gründer des Instituts für Kommunikation in sozialen Medien und Crowdfunding-Experte, mit einer Einschätzung der bisherigen Testphase und zur Zukunft dieses ambitionierten Vorhabens.
Das Interview führten Leonard Novy und Bobby Rafiq.


Um das Krautreporter-Projekt war es lange sehr ruhig, jetzt geht das Magazin an den Start. Warum die Verzögerung?

Der Start des Krautreporter-Magazins war für den Herbst angekündigt, insofern ist das Team noch im Zeitplan. Aber intern gab es sicherlich einige Dinge, die zu klären waren: Redaktionsstruktur, Technik, Layout. Und nicht zuletzt musste ausprobiert werden, welche Rolle denn die Geldgeber spielen sollen. Vermutlich wird genau daran auch nach der Betaphase getüftelt werden.

Wie ist die Entwicklung von der Ankündigung bis zum Produkt zu bewerten?
Die Seite im Beta-Modus war schon sehr spannend, die Interaktionsmöglichkeiten zwischen Leser und Autor sehr hoch, gleichzeitig die Debattenkultur ganz anders als man es von den Online-Portalen im Netz kennt. Wesentlich konstruktiver, zielorientierter, optimistischer. Hier braucht sich kein Leser zu profilieren. Die Crowd ist zwar kritisch, aber hat auch Geduld.

Wird die Kommentarfunktion ausreichen, um die Crowd in einem Jahr dazu zu bewegen, erneut Geld zu geben?
Sicherlich nicht, aber es sind ja noch weitere Funktionen geplant. Das Besondere an dieser neuen Form des Club-Journalismus ist, dass man sowohl die inhaltliche als auch die soziale Qualität des Clubs beibehalten muss. Der Leser will in der Lage sein, über die Plattform einen Militär-Experten wie Thomas Wiegold direkt ansprechen zu können, wenn er wissen will, warum das Bundesverfassungsgericht Militärexporte geheim lässt – und er erwartet, dass der Autor dann auch antwortet.

Der Leser erwartet auch, dass man die Krautreporter ab und zu persönlich trifft. Insofern ist es spannend zu sehen, dass Richard Gutjahr beginnt, Workshops für die Unterstützer der Krautreporter anzubieten. Am Ende wird es so sein wie bei jedem Club: Wenn sich die Leute im Netz und offline stolz als Mitglieder präsentieren, dann wird es in der nächsten Runde attraktiv sein, die Mitgliedschaft zu verlängern oder Neumitglied zu werden.

Wie sind die Erfolgsaussichten?
Das Vorbild von Krautreporter war deCorrespondent. Diese haben vor kurzem ihre Ausgaben sehr transparent dargestellt und auch geschrieben, dass knapp 11.000 der 18.000 Abonnenten erneut das Projekt unterstützen werden. Ich denke, dass wird Krautreporter auch gelingen.

Aber Erfolg sollte man vor allem journalistisch definieren: Wird es den Journalisten gelingen, gute Artikel zu schreiben, spannende Sachverhalte zu recherchieren und Themen in die öffentliche Diskussion zu bringen? Wenn das gelingt, dann wird Krautreporter ein Erfolg.

Was bedeutet das Projekt für etablierte Medien?
Ich hab schon während der Crowdfunding-Phase geschrieben, dass von den Krautreportern weniger ein Impuls für die freien Journalisten ausgeht, die sich zur Zeit über Crowdfunding finanzieren, sondern eher einer in Richtung der Verlagshäuser. Das ursprüngliche Geschäftsmodell von Verlagen, Zeitungen und Medienhäusern war die Vorabfinanzierung durch die Leser – erst die Renditesteigerung durch Werbung verschob das wirtschaftliche Interesse auf die Reichweite und die Auflage, weg von der Interaktion mit den Lesern. Medienhäuser sollten sich das Krautreporter-Team immer wieder einladen und sich berichten lassen, wie die Community auf der Plattform aktiv ist.

Wie realistisch ist die Idee der Userbeteiligung am Zustandekommen von Inhalten?
Einzelne Artikelideen wird es sicherlich geben, aber der Kern des Club-Journalismus ist nicht, dass die Leser die Rechercheagenda der Journalisten bestimmen. Wenn jemand in einen Golfclub geht, dann erwartet er ja auch nicht, dass er dem Platzwart erst sagen muss, wo die Löcher hinsollen.