„Berlin-Protest“ – eine Aufforderung zum Auswandern aus Israel

Berlin selbst hat mit großen sozialen Verwerfungen zu kämpfen. Wenn aber ausgerechnet die deutsche Hauptstadt zu einem Fluchtpunkt junger Israelis geworden ist, wie steht es dann erst um die sozialen Probleme in Israel? Ein Carta-Interview mit dem israelischen Journalisten Shlomi Stein.

Ein in Berlin lebender Israeli gründete Ende September anonym eine Facebookseite, auf der er seine Landsleute dazu aufruft, aus Protest gegen die israelische Sozialpolitik nach Berlin auszuwandern. Bisher knapp 14.800 Personen gefällt die Seite. Zuletzt sorgte der sogenannte Pudding-Post des Israeli für Aufsehen. Auf einem Bild ist ein in Israel beliebter Schokopudding zu sehen, daneben der Bon zum Einkauf. Er belegt die sehr niedrigen Berliner (Einkaufs-)Preise im Vergleich zu Israel. Das Bild soll innerhalb von nur vier Tagen mehr als eine Million Menschen erreicht und der Seite eine noch größere Bekanntheit verschafft haben. Bild und Seite provozierten sogar den israelischen Finanzminister Yair Lapid zu einer nicht weniger provokanten Äußerung. Über Ursachen und Folgen des Protests sprachen Leonard Novy und Bobby Rafiq mit Shlomi Stein. (For an English version of the interview please see below.)

 

Schreenshot_Facebook


 

Was sagen die Proteste aus über den Zustand der israelischen Gesellschaft?
Formal geht es um die hohen Lebenshaltungskosten in Israel. Berlin ist billiger als Tel Aviv, aber Berlin ist eben auch billiger als London, Tokio etc. Und so gibt es eine zusätzliche, tiefere Ebene, die den „Berlin-Protest“ so erfolgreich macht: Israel hat gerade einen weiteren Krieg beendet, und die Entscheider vertrösten uns mit ziemlich demselben für die Zukunft – das ist keine Lösung. Die meisten Israelis, die auswandern, tun dies nicht wegen der hohen Lebenshaltungskosten, sondern wegen der Anzeichen einer maroden Gesellschaft – Auswirkungen einer langen Zeit als Besatzer und eines extremen Kapitalismus. Die ehemalige „Verbotene Stadt“ Berlin ist zu einem nachahmenswerten Symbol geworden.

Diese Themen sind nicht neu. Tel Aviv erlebte schon 2011 und 2012 Proteste gegen soziale und ökonomische Ungleichheit. Bei den vergangenen Wahlen war dies ein zentrales Thema…
Wir hatten zwar Wahlen, aber die Situation hat sich nicht geändert. Daher ist die Frustration größer geworden. Die Botschaft des „Berlin-Protests“ ist nicht neu. Aber dank Facebook ist er zu einem gesellschaftlichen Phänomen geworden: die Posts erreichten innerhalb von wenigen Tagen eine Million Menschen und der „Berlin-Protest“ schaffte es in die Schlagzeilen der klassischen Medien. Israel hat acht Millionen Einwohner. Die Auswirkungen sind riesig. Ob es andauern wird, ist eine andere Frage… Facebook ermöglicht zudem den Israelis, die in Berlin leben, sich aktiv am öffentlichen Diskurs in Israel zu beteiligen.

Berlin – wie irgendeine Stadt in Israel

Wie sieht es innerhalb der israelischen Gesellschaft aus: Sind diese Anliegen generationsübergreifend? Oder reflektieren die Proteste die Meinung einer bestimmten Gesellschaftsgruppe?
Wie in anderen westlichen Ländern treffen die hohen Lebenshaltungskosten unmittelbar die Mittelklasse. Die ärmeren Schichten haben schon vor langer Zeit aufgehört zu kämpfen und konzentrieren sich vor allem auf das Überleben. Heutzutage reicht es nicht zu arbeiten – man kann arbeiten und trotzdem nicht genug Geld für die grundlegende Güter haben. Es sind nicht nur die Lebensmittelpreise, sondern auch die Kosten für Wohnungen, Steuern, Gesundheit etc. Die Mittelschicht ist inzwischen auch zu einem Überlebensmodus übergegangen…

Wie haben die politischen Eliten reagiert? Finanzminister Yair Lapid nannte den Organisator des Protests einen Antizionisten…
Auswanderer wurden in Israel oft als Verräter angesehen. Rabin hat sie vor vielen Jahren: „Ausfall von Schwächlingen“ genannt. Sogar semantisch unterscheiden wir: Das hebräische Wort für Migrant heißt „Mahager“. Wenn ein Migrant nach Israel kommt, um hier zu leben, verwenden wir den Begriff „Ole“ (was wörtlich „aufsteigen“ bedeutet). Wenn ein Israeli sein Land verlässt, um außerhalb zu leben, wird er als “Yored” bezeichnet („absteigen“). Der „Berlin-Protest“ nutzt zum ersten Mal den Plural des Wortes „Ole“ – „Olim“. „Olim nach Berlin“ – das ist ein Affront gegen das heilige Konzept des Zionismus, man steigt nur auf, wenn man nach Israel geht… Finanzminister Yair Lapid, der hauptsächlich als Folge der vorigen Mittelklasse-Proteste gewählt wurde, aber nichts verändert hat, reagierte auf die Proteste nach dem klassischen, zionistischen Muster. Aber die Israelis haben sich geändert. Die Kinder aller unserer ehemaligen Ministerpräsidenten haben außerhalb von Israel gelebt. Die Israelis in Berlin werden nicht mehr als Verräter angesehen. In der Facebook-Ära ist es, als wäre Berlin wie irgendeine Stadt in Israel.

Den Israelis wurde einen neue Politik versprochen, aber letztendlich ging es weiter wie bisher.

Proteste sind das eine, substantielle politische Veränderungen das andere. Sind Alternativen angesichts der enormen Ausgaben für Verteidigung und Sicherheit denkbar? Wo könnten konkrete Konzepte herkommen? Aus dem politischen Mainstream? Oder von außerhalb?
Israel ist ein kleines Land mit sozialistischen Wurzeln. Bei der Transformationen in eine kapitalistischen Gesellschaft entstand eine kleine Klasse sehr reicher, einflussreicher Personen, die es schaffte, Regeln zu etablieren, die ihren eigenen Interessen zugute kommen. Israel hat noch immer einige starke Monopole. Es finanziert noch immer einen riesigen Verteidigungshaushalt und die sehr teure Besatzung, vor allem die Siedlungen. Was zu tun ist, liegt auf der Hand. Das Problem ist, dass Israel, um diese Veränderungen durchzusetzen, zunächst einen drastischen strukturellen und konzeptionellen Wandlungsprozess durchmachen muss. Die mächtigen Eliten würde es nicht zulassen, wenn sie nicht dazu gezwungen werden… Im Januar 2013 gab es Parlamentswahlen. Dabei ging es vor allem um diese Themen. Den Israelis wurde einen neue Politik versprochen, aber letztendlich ging es weiter wie bisher. Vielleicht wird der „Pudding-Protest“ die Bewegung wieder aufleben lassen… Viele hier glauben, es bedarf eines wirklich gravierenden Einschnitts, eines kathartischen Moments, um Veränderungen herbeizuführen. Da sind wir noch nicht. Das Wissen um die Notwendigkeit der Veränderung allein hat hier jedenfalls nie zu Veränderungen geführt.

Warum die Faszination für Berlin?
Noch vor zwei Jahrzehnten war Berlin eine „Verbotene Stadt“ für die meisten Israelis. Deutsch Produkte wurden in Israel boykottiert, und viele Israelis dachten nicht einmal im Traum daran, ihren Fuß auf deutschen Boden zu setzen, nicht einmal in ihren schlimmsten Alpträumen. Aber der Umgang der Israelis mit dem Holocaust hat sich dramatisch verändert. Berlin ist im Herbst 2014 zu einem neuen Symbol in Israel geworden, zu einem Spiegel der Mängel der israelischen Gesellschaft. Mehr als 250.000 Israelis leben in Los Angeles, rund 200.000 leben in New York. In Berlin gibt es nur zwischen 10.000 und 30.000. Die meisten von ihnen sind entweder junge Künstler oder homosexuell. Sicherlich ist es nicht die größte Diaspora, und auch nicht die wichtigste. Aber es ist definitiv die lauteste. Man könnte meinen, anstatt sich in Berliner Welt zu integrieren bevorzugten es die meisten von ihnen, weiterhin mental in Israel zu leben – via Facebook.

 


Englische Originalversion des Interviews

What do the protests tell us about the state of the Israeli society?
The formal issue is the high cost of living in Israel. Berlin is cheaper than Tel Aviv, but Berlin is also cheaper than London, Tokyo etc. But there is an additional deeper layer for the success of the Berlin Protest. Israel has just ended another war, the leaders promise more of the same in the future – not a solution. Most of the Israelis who immigrate do it not because of the high cost of living but because of the rotten codes of society – effects of long occupying society and an extreme “piggy capitalism”. The “Berlin Protest” is an internal issue of the Israeli society. The former Forbidden City has become into an emulated symbol.

One would think that these issues are not new. Tel Aviv witnessed protests against social and economic inequalities as early as 2011 and 2012. It was a key topic in the last elections…
We had an elections but the situation has not changed at all. That’s why the frustration has become bigger. The message of the “The Berlin Protest” is not new. But through Facebook it’s become into a social phenomenon: the post reached a million people within a few days, and got straight to the top of the old media’s headlines. Israel has eight million inhabitants. So the impact is huge. Whether it will last, is another question…  Facebook enables the Israelis who live in Berlin to be active participants in the Israeli public discourse.

Berlin – a city just like any other city in Israel.

Are these concerns shared by society as a whole? Or do the protests reflect the views of a particular group?
Like in other western countries, the high cost of living directly hurt the middle class. The poor have long time ago given up the fight and focus mainly on survival. These days it is not enough to work – one can work a lot but still have no money for basics. Not only are the food prices relatively high but also accommodation, taxation, health etc. The middle class has moved to a survival mode, too.…

How have the political elites reacted? The current finance minister Yair Lapid called the organizer an antizionist…
Emigrants have often been considered as traitors in Israel. Many years ago, Yitchak Rabin called them “Fallout of weaklings”. Even the semantics are different. The Hebrew word for immigrant and also for emigrant is: Mehager. When a mehager is moving to live in Israel we use a different term – Ole (which literally means: moving up). When an Israeli emigrates and leaves Israel he is called: Yored (moving down). The “Berlin Protest” uses for the first time the plural word of ole – olim “Olim to Berlin”. That’s a spit to the sacred concept of Zionism where you move up only to Israel… The current finance minister, Yair Lapid, who was elected mainly as a direct result of the previous middle class protest but has changed nothing, is reacting in accordance with the classic Zionist motto. But the Israelis have changed. Children of all of our last Prime Ministers have lived outside of Israel. The Israelis in Berlin are not considered any more as traitors. In the Facebook era they are just like any other city in Israel.

The Israelis were promised new politics but eventually got more of the same.

Protests are one thing, substantial political action is another. Is real political change in Israel conceivable given the enormous spending on defence and security? Where do such concrete concepts come from? From within the political mainstream or outside?
Israel is a small country with socialist roots. The transformation into a capitalist society grew up a small class of very rich and influential people who have managed to fix rules that maximize their own interests. Israel still has some strong monopolies. It still finances a huge defence budget and a very costly occupation – mainly settlements. Everybody knows what needs to be done. The problem is that in order for this to be implemented Israel needs to go through a drastic structural and conceptual change. The powerful elites would not let it happen unless they are forced to… In January 2013 Israel had general elections. These elections were mainly about these very topics. The Israelis were promised new politics but eventually got more of the same. Maybe the “Pudding Protest” will revitalize the movement, but presumably even this will not be enough. Many here in Israel believe that it will take another drastic event, a cathartic moment, for things to change and that we are not there yet. In any case, Understanding the need for change never has made Israel make the change.

Why the fascination with Berlin?
Only two decades ago was Berlin a Forbidden City for most of the Israelis. German products were boycotted in Israel and many of the Israelis wouldn’t even think of putting their feet on a German soil not even in their worst nightmares. But the way Israelis deal with the holocaust has dramatically changed – Berlin of fall 2014 has become into a new Israeli symbol – a mirror of the defects of the Israeli society. More than 250,000 Israelis live in Los Angeles, USA. Around 200,000 live in New York.  In Berlin there are only between 10,000 and 30,000. Most of them are young either artists or gays. Surely it is not the largest diaspora nor is it the most important. But definitely it’s the loudest. One might think that instead of integrating into the Berlin world most of them prefer to mentally continue living in Israel via Facebook.