Journalismus wäre genug

Braucht die Branche mehr „Media Entrepreneurs“ oder nicht? Und was heißt das überhaupt? Wer vom Wandel des Journalismus spricht, sollte sich zunächst auf den Kern dieses Berufes besinnen. Eine Replik.

„Der Wandel des Journalismus muss auch ein Wandel der Journalisten sein – und zwar hin zu solchen, die unternehmerisch denken und handeln“, hat Julian Heck am 6. Oktober hier bei Carta gefordert. Diese Floskel, wie auch der Rest des Artikels, liest sich wie die hunderttausendste Keynote zu irgendeinem Journalisten-Kongress, wo zum x-ten Mal mit inhaltsleeren Worthülsen wie „Werden Sie eine Marke” oder eben „Denken Sie unternehmerisch” um sich geworfen wird, ohne auch nur im Ansatz konkret zu werden. Was soll diese Forderung, die in der Überschrift zu der These „Journalismus ist nicht genug“ zugespitzt wird, überhaupt bedeuten? Dass Journalisten sich mit den neuen technischen Möglichkeiten des Internets vertraut machen, ist nichts revolutionär Neues. Es gehört zum Handwerkszeug, so wie etwa ein Zeitungs-Journalist wissen sollte, wie ein Layout-Programm funktioniert. Ebenfalls nicht neu ist, dass freie Journalisten in der Lage sein sollten, an ihre Auftraggeber heranzutreten, sich also selbst zu vermarkten – das ist so schlichte Notwendigkeit wie das Schreiben von Rechnungen. Und ebenfalls nicht neu ist es, dass Journalisten sich selbst als Herausgeber betätigen, wie es die von Heck erwähnten Krautreporter, Substanz oder deepr journalism tun. Ein Nachrichtenmagazin wie den Spiegel würde es sonst nicht geben.

Was bedeutet es also, unternehmerisch zu denken?

Unternehmerisch denkt man zum Beispiel bei Focus Online, wo die Jagd nach Klicks über allem, vor allem über seriösem Journalismus steht und wo man schon sehr findig sein muss, um zwischen Titten-Bildchen, Höschen-Videos, Gerüchten und Abgeschriebenem tatsächlich eine Nachricht zu entdecken. Unternehmerisch denkt die Huffington Post Deutschland. Deren journalistische Leistung ist begrenzt, um nicht zu sagen bedeutungslos, aber nach eigenen Angaben hat sie die Unternehmensziele fürs erste Jahr erreicht. Journalistisch waren diese Ziele nicht und mit welchen Methoden sie die HuffPo unter anderem erreicht, hat erst vor wenigen Tagen Stefan Niggemeier eindrucksvoll entlarvt. Traditionelle Medien oder wie auch immer man sie nennen will, mögen Probleme haben, woran es dort aber nicht fehlt, ist unternehmerisches Denken. Dass zum Beispiel in den letzten Jahren zahlreiche Lokalblogs aus dem Boden geschossen sind, hängt weniger damit zusammen, dass diese attraktivere oder kreativere Geschäftsmodelle entwickelt hätten als die etablierten Verlagshäuser, sondern damit, dass es einen Bedarf an anderer Berichterstattung gibt, den diese nicht abdecken. Es fehlt also am Journalismus, aber nicht daran, dass Redakteure bei Lokalzeitungen es unterlassen haben, zum, um bei Heck zu bleiben, „Media Entrepreneur“ zu mutieren.

Wer vom „Wandel des Journalismus“ redet, der sollte zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, dass der Kern dieses Berufs derselbe geblieben ist – allen technischen Möglichkeiten und neuen Medien zum Trotz. Es sind immer noch, um ein paar Dinge zu nennen, Recherche und Redlichkeit, Ausdrucksfähigkeit und Unabhängigkeit, die die Arbeit eines Journalisten prägen sollten. Wer über Journalismus und dessen Wandel redet, der muss also über Inhalte reden. Er muss darüber reden, dass es Themen gibt, bei denen recherchiert und berichtet werden muss, auch wenn sie nicht massentauglich und nicht für die Werbewirtschaft attraktiv sind oder sich aus anderen Gründen unternehmerisch nicht lohnen. Dafür braucht es selbstbewusste und engagierte Journalistinnen und Journalisten, die das – gerade abseits unternehmerischer Überlegungen – in Redaktionen durchboxen, und gerade keine „Media Entrepreneure“.

Glaubwürdigkeit zurückerlangen

Wer vom „Wandel des Journalismus“ redet, der sollte auch den Status Quo zur Kenntnis nehmen. Zum Beispiel die Tatsache, dass es selbst bei Journalisten der großen Leitmedien zum Teil am elementaren Handwerkszeug – Recherche – oder schlicht am Berufsethos – der Redlichkeit – fehlt. Belegt wird das etwa tagtäglich auf Bildblog, wo man sich zwischenzeitlich zunehmend mit Medien abseits der Bildzeitung und deren Fehlleistungen beschäftigt. Wie sehr die Glaubwürdigkeit dieses Berufs gelitten hat, zeigen diverse Untersuchungen. Die Mehrheit der Deutschen hält Journalisten nach einer Umfrage von Transparency International für „korrupt oder sehr korrupt“. In Glaubwürdigkeits-Rankings streiten sich Journalisten mit Versicherungsvertretern, Werbern und Politikern um die letzten Plätze.

Wer vom „Wandel des Journalismus“ redet, sollte sich darüber Gedanken machen, wie man diesen verlorenen Boden wieder gutmachen und Glaubwürdigkeit zurückerlangen kann. Er sollte sich darüber Gedanken machen, wie man Leser, Hörer oder Zuschauer wieder dazu bringt, die journalistische Arbeit wertzuschätzen. Nur so kann es nämlich gelingen, sie auch davon zu überzeugen, dass diese Arbeit finanziert werden muss und dass sie es wert ist, dafür zu bezahlen. Dafür braucht es keine Media Entrepreneure, die unternehmerisch denken oder zwanghaft mit der eigenen Selbstvermarktung beschäftigt sind, sondern Journalisten, die ihren Job mit Leidenschaft machen, unabhängig von wirtschaftlichen Erwägungen, Marketingstrategien und durchkapitalisiertem Denken. Dafür wäre Journalismus genug.


Nach Julian Hecks Plädoyer für den Journalisten als Unternehmer in eigener Sache und Stefan Aigners Replik darauf wird es auf Carta in loser Folge weitere Debattenbeiträge zu diesem Thema geben.