Die Wende zur Industrie 4.0 – sechs Vorschläge für ihr Gelingen

Die Debatte um das Modewort „Industrie 4.0“ changiert zwischen Digitalisierungsrausch und Angstdiskurs. Beide Extreme führen in die Irre. Worum es in Zukunft eigentlich geht: die strategische Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung.

Industrie 4.0 ist zum Sammelbegriff für einen tiefgreifenden Strukturwandel der Wirtschaft geworden. Der Begriff soll nicht nur das Phänomen der Digitalisierung und zunehmenden Vernetzung von gesamten Produktionsketten beschreiben, sondern fundamentale Veränderungen auf den Punkt bringen, die dem Produzieren und Wirtschaften bevorstehen – ähnlich revolutionär wie die Dampfmaschine, das Fließband und die Automatisierung vor einigen Jahrzehnten.

Die Chancen eines solchen Innovationsschubs liegen auf der Hand. Eine Studie des High-Tech-Verbandes Bitkom erwartet für die sechs Branchen des Maschinen- und Anlagenbaus, der Elektrotechnik, dem Automobilbau, der chemischen Industrie, der Landwirtschaft und der Informations- und Kommunikationstechnologie bis zum Jahr 2025 ein zusätzliches Wertschöpfungspotenzial von 78 Milliarden Euro und ein jährliches Wachstum von 1,7 Prozent durch Industrie 4.0-Technologien.

Obwohl im öffentlichen Diskurs der letzten Jahre die moderne Dienstleistungsgesellschaft als Leitbild beschworen wurde, scheint nun sogar eine Reindustrialisierung Deutschlands möglich. Das liegt vor allem daran, dass durch neue Technologien dezentraler produziert werden kann und es nicht mehr nur auf große Fabriken mit vielen Arbeitern ankommt. Nach Jahrzehnten des Outsourcings der Produktion in Billiglohnländer könnte so Produktion wieder nach Deutschland zurückgeholt werden, weil die neue digitale Produktion auch qualifizierte Facharbeiter benötigt, die die neuen komplexen Produktionsabläufe verstehen – und die gibt es hierzulande. Außerdem existieren in Deutschland Netzwerke aus Wissenschaft, Unternehmen und einer digitalen Kreativwirtschaft, die digitales Produzieren erst ermöglichen. Erste Unternehmen planen daher bereits ihre Produktion wieder zurück nach Deutschland zu verlagern. Hier entstehen zahlreiche neue Geschäftsmodelle nicht nur für Großunternehmen, sondern gerade auch für den traditionell starken Mittelstand in Deutschland.

Doch mit der Digitalisierung der Produktion sind auch große Ängste verbunden. Wird die smart factory der Zukunft, in der die Produktion immer weiter automatisiert wird, eine menschenleere Fabrik sein? Eine Studie von Oxford-Wissenschaftlern kommt etwa zu dem Ergebnis, dass 47 Prozent aller Arbeitsplätze in den USA in den nächsten ein bis zwei Jahrzehnten bedroht sein könnten. Die Industrie 4.0 könnte so zwar mehr Wachstum schaffen, aber auch zu mehr Arbeitslosigkeit führen. Auch von drohenden „digitalen Tagelöhnern“ im Dienstleistungsbereich ist mancherorts die Rede. Diskutiert wird demnach auch die Gefahr einer neuen Spaltung der Gesellschaft, in Profiteure der Digitalisierung und ihre Verlierer.

Digitalisierung als Megatrend: Nicht ganz neu und doch Neuland

Industrie 4.0 als Zukunftsthema wird mittlerweile nicht mehr nur von den einschlägigen Forschungsinstituten wie Fraunhofer oder acatech, sondern auch im politischen Berlin zunehmend erkannt. So hat die Bundesregierung jüngst eine digitale Agenda verabschiedet, die Innenminister Thomas de Maizière öffentlichkeitswirksam als „Hausaufgabenheft“ der Regierung bezeichnete. Und diese Woche etwa diskutierte Siemens-Chef Joe Kaeser mit Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem Wirtschaftsempfang der SPD-Bundestagsfraktion zum Thema Industrie 4.0. Solche Treffen dienen auch dazu, Ansatzpunkte für eine erfolgreiche wirtschafts- und sozialpolitische Strategie zur Bewältigung der Digitalisierung auszumachen. Angesichts der Tatsache, dass die bisherige Diskussion noch stark technikzentriert ist und allzu sehr von betriebswirtschaftlichen Argumenten geprägt ist, ist es richtig und wichtig, das Thema Industrie 4.0 auf eine gesellschaftspolitische Ebene zu hieven. Zur Frage, wie die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Digitalisierung konkret aussehen und ineinandergreifen, herrscht hingegen Diskussionsbedarf.

Um diese Industriewende zu meistern, gehören folgende sechs Punkte dringend auf die politische Agenda:

1. Industrie- und Bildungspolitik zusammendenken: Industrie 4.0 verändert die Anforderungsprofile von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern und damit entstehen auch neue Bildungsbedarfe. Es braucht neue sozialpolitische Konzepte für Weiterbildung und lebenslanges Lernen. Arbeitnehmer müssen für die neue Art der Produktion geschult werden. Dies können die produzierenden Unternehmen nicht alleine finanzieren. Daher braucht es auch staatliche Weiterbildungsprogramme und Zuschüsse für weiterbildende Unternehmen. Es wird eine Bildungspolitik nötig sein, die schon in Schulen Technik- und Informatikunterricht etabliert. Ohne digitales Wissen werden die meisten deutschen Arbeitnehmer der Zukunft nicht mehr bestehen können. Denn „smart factories“ funktionieren nicht ohne „smart workers“.

2. Forschungs- und Entwicklungsunterstützung: Verschiedene Varianten von steuerlichen Anreizsystemen für Unternehmen, die in Forschung und Entwicklung investieren, sind zu diskutieren. Außerdem müssen Modelle der monetären Bezuschussung von Leuchtturmprojekten im Bereich der digitalen Produktion und der Start Ups debattiert werden.

3. Grundlagenforschung an Universitäten und Studiengänge für Industrie 4.0: Deutschen Universitäten sollten finanzielle Anreize geboten werden, um Masterstudiengänge wie „Industrierobotik und digitale Produktion“ zu entwickeln. Außerdem braucht es eine Ausweitung der staatlichen Finanzierung für digitale Forschungsprojekte an Universitäten. Die Rolle der deutschen Forschungsgemeinschaften (Leibniz-, Helmholtz- und Deutsche Forschungsgemeinschaft) sind in Bezug zur Industrie 4.0 zu klären.

4. Digitale Infrastruktur: Digitale Netze müssen überall verfügbar sein. Der Breitbandausbau zum Beispiel ist daher ein wesentlicher Faktor für eine erfolgreiche Bewältigung der Industriewende. Es braucht hier mehr als Absichtserklärungen. Die digitale Infrastruktur kostet viel Geld. Dies muss man endlich in die Hand nehmen.

5. Kooperation statt Wettbewerb: Das Projekt der Digitalisierung kann nur ein Erfolg werden, wenn unterschiedlichste Akteure mit unterschiedlichsten Interessen beginnen, bei diesem Thema zusammenzuarbeiten. Ein Wille zu einer gesamtgesellschaftlichen Einigung sowie der technologischen Zusammenarbeit und vor allem Standardisierung wird essentiell sein. Die Digitalisierung ist ein demokratisches Projekt und kann nur durch die Beteiligung und Mitsprache möglichst vieler Akteure gelingen.

6. Industrie 4.0 braucht eine Arbeitsmarktpolitik 4.0: Neben digitalen Weiterbildungskonzepten (siehe Punkt 1) benötigen wir eine sozialstaatliche Organisation von Übergängen zwischen atypischen Beschäftigungsverhältnissen, da davon auszugehen ist, dass Formen des „liquid work“ – also vor allem Projektarbeit – zunehmen werden. In der Zukunft wird das normale Vollzeitarbeitsverhältnis nicht mehr der Standard sein. Das Sozialsystem muss diesen Veränderungen Rechnung tragen. Hier sind Unternehmen und Gewerkschaften gleichermaßen gefordert, gestaltende Antworten zu erarbeiten. Ein politisches Programm für die Industrie 4.0 geht damit weit über Wirtschaftsförderung hinaus.

Fazit: Wir brauchen einen Gestaltungsdiskurs

Die politische Debatte um Digitalisierung im Allgemeinen und Industrie 4.0 im Besonderen ist gerade erst dabei, sich zu formieren. Sie changiert zurzeit noch zwischen Digitalisierungsrausch und Angstdiskurs. Mit beiden Extremen sind wir schlecht beraten: Während blinder Fortschrittsglauben politisch naiv und fahrlässig ist, verhindern Abwehrreflexe und pauschale Widerstände gegen „Digitalisierung“ eine konstruktive politische Begleitung dieses Megatrends. Natürlich wird die Wende zur Industrie 4.0 auch Verlierer hervorbringen. Umso wichtiger ist es, dass sich die relevanten Akteure aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaften, Wirtschaft und Politik darüber verständigen, für welche Personengruppen welche individuellen Risiken und welche Potenziale bestehen und welche konkreten Maßnahmen getroffen werden müssen. Industrie 4.0 hat eine kritische, vor allem aber auch chancenorientierte Debatte verdient.