Schwan vs. die Kohls: Ein kalkulierter Skandal

Wir leben in einem freien Land. Jeder kann selbst darüber bestimmen, wie und wann er sich aus einer sozialen Gemeinschaft verabschiedet. Diese Entscheidung hat Heribert Schwan dem Altbundeskanzler ohne jede Legitimation abgenommen. Es ist erbärmlich.

Das Verhältnis zwischen dem, der ein Buch veröffentlichen, aber nicht schreiben möchte, und seinem Ghostwriter ist wie das zwischen einem Weinbauern und seinem Kellermeister. Der eine liefert die Trauben. Der andere macht daraus einen edlen Saft. Das ist nicht trivial. Er muss die richtige Mischung finden, muss wissen, wie lang der Wein lagern muss, damit er zur vollen Blüte reift, und wann er in die Läden muss, damit er sich gut verkauft. Doch was er daraus auch zu komponieren versteht: Es bleiben die Trauben des Bauern.

Heribert Schwan ist ein Kellermeister, der Wein gemacht hat aus Früchten, die ihm nicht gehören. Juristisch mag das in diesem Fall sauber sein. Moralisch aber ist die Veröffentlichung der Kohl-Protokolle eine Bankrotterklärung. Vom antiken griechischen Lyriker Alkaios von Mytilene stammt die Weisheit: Der Wein ist der Spiegel der Menschen. Der Wein, den Schwan seit gestern anbietet, offenbart mehr über die Eitelkeit eines verstoßenen Journalisten als über die Innenansichten eines alten und im doppelten Sinne gestürzten Mannes.

Die Trauben, mit denen Schwan gearbeitet hat, sind Gespräche, die er vor über zehn Jahren mit dem Altkanzler in dessen Keller geführt hat. Im August hat das Oberlandesgericht Köln Schwan zur Herausgabe der Aufnahmen verurteilt. Der hat sie vorher nicht nur abtippen, sondern auch kopieren lassen. Er beruft sich darauf, dass es bei den Tonbändern nie um die Nutzungsrechte oder um Kopien davon gegangen sei. Als ob Kohl die schönen Etiketten der Originale vermisst hätte. Tatsächlich hat Schwan seine Aufgabe als Ghostwriter missbraucht, um eine Rechnung zu begleichen. Nicht mit Kohl, sondern mit dessen aktueller Ehefrau.

An ihr will sich Schwan offensichtlich rächen. Er benutzt dafür die über zehn Jahre alte Wut eines Mannes, von der er nicht wissen kann, in welcher Form sie in die Welt kommen würde, könnte Kohl selbst darüber bestimmen. Zum Zeitpunkt der Gespräche fühlte sich Kohl in großem Maße verletzt und betrogen. Niemand weiß, wie er heute über seine Zitate von damals denkt und ob er ihrer Veröffentlichung zustimmen würde. Auch Schwan nicht. Bei der gestrigen Pressekonferenz sagte er: „Kohl würde mir auf die Schulter hauen und sagen: Volksschriftsteller, Gratulation.“ Dass der es nicht mehr kann, ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Strategie. So kann er jede Gegenwehr abtun als die Bösartigkeit von Kohls Ehefrau, die er verantwortlich macht dafür, dass die Geschäftsbeziehung zwischen ihm und dem Exkanzler vor einigen Jahren abrupt zu Ende ging. In einem Interview mit dem Berliner Radiosender radioeins bezeichnete er sie als Feindbild.

Wenn immer alles öffentlich würde, was Menschen im Zustand großer Erregung über andere denken, brächen sämtliche soziale Strukturen zusammen. Gesellschaft wird erst dadurch möglich, dass Menschen ihre Gedanken durch einen Rationalitätsfilter laufen lassen. Vielleicht wäre der auch bei Kohl aktiv geworden. Vielleicht aber auch nicht. Wir leben in einem freien Land. Jeder kann selbst darüber bestimmen, wie und wann er sich aus einer sozialen Gemeinschaft verabschiedet. Dies wäre aber in jedem Fall Kohls Entscheidung gewesen. Die hat Schwan ihm ohne jede Legitimation abgenommen. Er sagt, Kohl habe ihm dafür die Erlaubnis erteilt. Doch nicht Kohl ist in der Beweispflicht, sondern Schwan.

Im selben Radiointerview beklagte sich Schwan darüber, dass sich die Medien nun nur auf die im „Spiegel“ vorab veröffentlichten Zitate stürzten. Wer das ganze Buch lese, werde sehen, mit wie viel Empathie er seine Geschichte mit Kohl beschreibe. Kann jemand, der seit Jahrzehnten im Medienbetrieb daheim ist, wirklich so weltfremd sein? Oder ist es nicht eher das Kalkül eines Mannes, der genau weiß, wie unsere Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert? Maulige Beleidigungen der aktiven und pensionierten politischen Klasse? Da sind der Medienhype und Platz eins bei den Online-Händlern noch vor dem offiziellen Erscheinungstermin sicher. Heribert Schwan – ein Erscheinheiliger ist uns erschienen.

Man muss mit Kohl in dieser Situation kein Mitgefühl haben. Er hat selbst oft Menschen gedemütigt und sich über andere erhoben. Doch das rechtfertigt nicht, dass Schwan nun so tut, als sei er im Auftrag deutscher Geschichtsschreibung unterwegs, getragen von Respekt für das Lebenswerk eines ehemaligen Kanzlers. Aus allem, was er sagt und tut, spricht das Gegenteil. Dass sich der eine in seinem Leben oft rücksichtslos und rigoros verhalten hat, ist das Eine. Dass sich ein anderer auf dessen Rücken genauso rücksichtslos und rigoros austobt, das Andere. Wenn man das Verhalten des einen ablehnt, kann man das des anderen nicht gut heißen. Es ist erbärmlich.