Propaganda der Paper Snatchers

| 02.10.2014 | 4 Kommentare

Berliner Tageblatt – Wer und was steckt hinter der scheinbaren Wiederauferstehung ehrwürdiger und längst eingestellter Zeitungstitel?

Dass Zeitungen vom Markt verschwinden ist nicht neu. Sie sind sterblich – nicht erst seit gestern, seit Internet, Anzeigenrückgängen und Leserschwund. Jenen Zeitungen, deren fortwährende Existenz wir lange für gegeben annahmen und plötzlich bedroht sehen, ist es meist gelungen, Generationen zu überspannen und dabei ihre Bedeutung zu bewahren oder gar zu mehren. Andere fielen der Vergessenheit anheim. So geschehen im Falle des ehrwürdigen Berliner Tageblatts, einer der renommiertesten überregionalen Tageszeitungen der Weimarer Republik, publizistisches Zuhause von Kurt Tucholsky und Theodor Wolff, deren schillernder Ruf bis in die Gegenwart hallt. Sie fiel gemeinsam mit vielen anderen publizistischen Institutionen dem Epochenbruch der Nazidiktatur zum Opfer und erschien zum letzten Mal am 31. Januar 1939.

Aktuell zeigt sich am Beispiel des Berliner Tageblatts ein neues Phänomen im Lebenszyklus einer Zeitung: ein Leben nach dem Tod. Bereits 2008 sorgte seine „Wiederauferstehung“ für Aufsehen in der Berliner Medienlandschaft (und einen Markenstreit). Am 2. Juni 2006 war die Berliner Tageszeitung beim Deutschen Patent- und Markenamt unter dem Aktenzeichen 30634995.7 durch Rosemarie Opitz als Marke angemeldet worden, das Berliner Tageblatt folgte Anfang 2008. Aus den Plänen der German Solution Deutschland (GSD), die Berliner Tageszeitung – Berliner Tageblatt mit einer Auflage von 150.000 Exemplaren auf den schrumpfenden (und umso mehr umkämpften) Berliner Markt zu bringen, wurde freilich nichts. Die Verantwortlichen erklärten dies laut eines, um es nicht justiziabel zu formulieren, offensichtlich über detaillierte Insider-Kenntnisse verfügenden Wikipedia-Autoren mit der wirtschaftlichen Großwetterlage nach dem Platzen der Dot-Com-Blase. Wer die Ankündigungen damals verfolgte oder sich das Produkt heute anschaut, ahnt jedoch, dass es wohl eher etwas mit einer Mischung aus Größenwahn und Dilettantismus zu tun hatte – heute Berlin, morgen die ganze Welt.

Jedenfalls machten die Macher erst einmal online weiter, wo sie ihre „deutsche liberal konservative Tageszeitung“ unter berlinertageblatt.de (und anderen Domains) als Berliner Tageszeitung – Berliner Tageblatt vermarkteten. Heute berichtet sie über „Themen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Sport, Kultur, Medien, Internet und Unterhaltung“und „erscheint täglich online“. Sie „beschäftigt eigene Freelancer-Redakteure“, und dies, wenn man das Impressum ernst nimmt, in einem Umfang, um den andere Berliner Medien sie fast beneiden würden.

Andererseits ist die Berliner Tageszeitung die einzige Berliner Tageszeitung ohne Redaktionssitz in Berlin, und die Region Berlin und Brandenburg existiert zwar als Rubrik, wird aber von der „Redaktionsleitung Lokalpolitik Berlin“, der „Redaktionsleitung Lokalpolitik Brandenburg“, der „Redaktionsleitung Landespolitik Berlin“ und der „Redaktionsleitung Landespolitik Brandenburg“ kaum gefüllt.

@RebHarms gehört auf jede erdenkliche STOPP Liste gesetzt

Vielleicht sind die Kollegen zu sehr damit beschäftigt, „nachrichtliche Inhalte von Unternehmen aus Wirtschaft und Medien“ zu liefern, so steht es als weiteres Tätigkeitsfeld im Impressum. Die Produktion der „nachrichtlichen Inhalte“ von Staaten oder, um es beim Namen zu nennen, staatlicher Propaganda gehört demnach nicht zu ihrem Geschäftsmodell. Nun zeichnet sich erfolgreiche Propaganda, zumal wenn sie in vermeintlich „journalistischem“ Gewand daherkommt, dadurch aus, dass sie sich nicht als solche zu erkennen gibt, dass sie sich durch die geschickte Manipulation von Fakten den Anschein gibt, objektiv zu berichten und dass sie dabei gleichzeitig ihre tatsächlichen Motive und Interessensabhängigkeiten verheimlicht. Von solch Subtilität ist die Berliner Tageszeitung / Berliner Tageblatt / Deutsche Tageszeitung in der Tat weit entfernt. Hier sind Passagen zu lesen wie die folgende:

Hier kann BERLINER TAGESZEITUNG – Berliner Tageblatt die Frage nicht verhehlen: Wann greift die russische Armee endlich mit militärischen Mitteln als friedenssichernde Mission, gegen die ukrainische Armee ein, um diesen Völkermord mit allen Mitteln zu stoppen? 

Es nimmt kein Wunder, dass sich

BERLINER TAGESZEITUNG – Berliner Tageblatt – Deutsche Tageszeitung … dieser Tage immer wieder über die verhasst ideologisch gestählt westlichen Berichterstattung, zum Thema Russland [wundern]! Hier muss man annehmen, dass dem bezahlten Hass westlicher Medienschreiber ohne jede Objektivität geistlos Vorrang gegeben wird.

Auf den verschiedenen Twitter-Accounts von Berliner Tageszeitung, Berliner Tageblatt und Deutscher Tageszeitung, die sich gegenseitig retweeten, findet sich ähnliches:

Der Account mit der größten Followerzahl, über 45.000, ist der der Berliner Tageszeitung. Unter den Followern finden sich viele englische und spanische Namen, auch einige in kyrillischer Schrift und viele bunte Eier, also Konten ohne Profilbild. Follower kann man freilich auch kaufen.

Russlands Stärke, Stolz und Unabhängigkeit

Explizit wird auf dem Profil der Seite auf das Gründungsjahr des Berliner Tageblatts hingewiesen: „established 1872“. Werden hier also altehrwürdig klingende Hüllen aufgekauft und die Verwechslungsgefahr zum Lancieren von Propaganda, oder, in den Worten der Macher, zum Lancieren von „nachrichtlichen Inhalten für Unternehmen aus Wirtschaft und Medien“ genutzt?

Im Impressum wird erklärt, dass die „Linie“ der (sich im Übrigen „der gängigen Spruchpraxis des Deutschen Presserats, sowie der europäischen Union“ und „in höchstem Maße … Objektivität, Wahrhaftigkeit und Qualitätsjournalismus“ verpflichtenden) Zeitung „nicht von einem Chefredakteur, sondern von der Eignerin bestimmt“ wird. Dabei handelt es sich inzwischen um die Bólín Bàozhǐ – Déguó Rìbào – Bólín Rìbào, LLC mit Sitz im chinesischen Chengdu. Ihr hat Rosemarie Opitz die Marken zur zeitlich begrenzten Verwertung gegeben. Der langjährige „Chefredakteur“ Reiko Opitz, der über enge Verbindungen nach Russland verfügen und lange in Kiew gelebt haben soll, wird seit kurzem nicht mehr im Impressum geführt. Er steht unter Verdacht, am Skandal um die Software-Fälscher PC-Fritz beteiligt gewesen zu sein, wenn er nicht gerade mit tschetschenischen Potentanten Geburtstag feierte oder mit seiner Verlobten, der Gewinnerin des von der Berliner Tageszeitung mitausgelobten Schönheitswettbewerbs „Queen of the World“, den Dresdner Opernball besuchte. Eine russische Redaktionsadresse ([email protected]) sowie eine Vielzahl von Anzeigen für russische (Staats-)Unternehmen wie „Grosny Avia“und „Rosneft“ legen aber die Vermutung nahe, dass sich die Macher weiterhin gen Russland orientieren:

Dabei fragt sich die Internationale Redaktion von BERLINER TAGESZEITUNG – Berliner Tageblatt sachlich und gelassen, ist die Russische Föderation den Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU), sowie den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) – ein so genanntes Dorn im Auge – wegen der Stärke, des Stolzes und seiner Unabhängigkeit? Die Antwort an dieser Stelle ist von Seiten BERLINER TAGESZEITUNG mit einem offensichtlichen JA zu geben.

„Dass unter Putin auch mit Geldern von Gazprom und anderen Konzernen eine moderne, effiziente russische Auslandspropaganda entstanden ist, steht außer Frage“, sagt Lutz Hachmeister, Gründer des Instituts für Medien- und Kommunikationswissenschaft (IfM). Mit radebrechenden Texten und amateurhafter Gestaltung macht diese „Zombiezeitung“ weder einen modernen noch effizienten Eindruck und verdient vermutlich nicht mehr als eine kleine Fußnote in der Debatte um den „Propagandakrieg“ der letzten Monate.

Dafür, sich in Russland als unabhängiges „ausländisches Medium“ zu inszenieren, reicht es jedoch vielleicht. Haben hier einfach ein paar „liberal konservativ“ gesinnte Deutsche – trotz oder gerade wegen ihres Größenwahns und Dilettantismus – einen Weg gefunden, in Zeiten der Zeitungskrise mit einem klingenden Markennamen den Rubel rollen zu lassen?

 

Disclosure:  Der Autor ist Ko-Direktor des von Lutz Hachmeister gegründeten IfM .