Die Gefahr von sozialen Netzwerken für den Journalismus

Medien begeben sich in eine gefährliche Abhängigkeit von sozialen Netzwerken – Journalismus ist so bald unnütz.

Auf Anregung des Debattenblogs Publixphere habe ich anlässlich des im Monat September behandelten Themas Medienkritik über die Rolle von sozialen Netzwerken im Journalismus nachgedacht und wie diese immer mehr zu den eigentlichen Gatekeepern werden, die bestimmen, welche Nachrichten wir sehen und welche nicht.

eHow – die doppelseitige Lektion in puncto Viralität

Vor drei Jahren ging das kalifornische Medienunternehmen Demand Media an die Börse und wurde von den Investoren für ein Unternehmen, das noch nie Gewinn gemacht hat, extrem gut bewertet. Dies lag vor allem an der zu Demand Media gehörenden Content Farm eHow, die per Algorithmus berechnen ließ, über welche Themen ihre AutorInnen schreiben sollten. In diesen viralen Beiträgen wurde geschickt Werbung platziert, worum es eigentlich auch nur ging.

Dieser als „Journalismus von der Resterampe“ kritisierte Content war werbefreundlich, erzielte enorme Reichweiten und dadurch auch Werbeeinnahmen. Bis Google mit dem Panda-Update dem allen ein Ende setzte.

Google oder Facebook? Hauptsache Abhängigkeit!

Spätestens jetzt verstanden die Medien, welche Macht die meistgenutzte Suchmaschine der Welt haben kann. Was Google anzeigt, wird gelesen. Schon die zweite Seite der Ergebnisliste zählt nicht mehr im Kampf um die Aufmerksamkeit der LeserInnen. Die Verantwortlichen suchten nach einem Ausweg aus dieser Abhängigkeit und glaubten sie in den nicht von Google kontrollierten sozialen Netzwerken gefunden zu haben.

Der Journalist Frank Rose fasst den Erkenntnisgewinn der US-Medien in der August-Ausgabe der US-amerikanischen Wired zusammen:

Media investors and entrpreneurs began to realize they’d need distribution that Google didn’t control – like social media, which doesn’t rely so heavily on search results. But this strategy means those stories and videos have to appeal to humans, not algorithms, and for that they need to be satisfying.

Doch damit begaben sie sich nur in die nächste Abhängigkeit, die diesmal sogar für die LeserInnen gefährlich ist, denn besonders beim Konsum von Nachrichten wird manipuliert, was in den Streams und Timewalls angezeigt wird.

Früher: If it bleeds, it leads!

Schon jetzt zeigt Facebook in der Chronik den Nutzern nur ausgewählte Inhalte, vor allem welche von beliebten Medien und was unseren Freunden gefällt. Doch sogar meine Freunde teilen nur Artikel, die ihnen gefallen. Das sind nicht immer die relevantesten, weshalb Artikel nicht nach ihrem Nachrichtenwert produziert werden, sondern nach ihrer Stimmung. Erst am Montag startete die von Amazon-Gründer Jeff Bezos gekaufte Washington Post einen neuen Newsletter für ihre Abonnenten: The Optimist. Der Name verrät schon, welche Stimmung all diese Artikel haben, die sich um die Themen Zufriedenheit, Kreativität und die Welt verbessernde Menschen drehen.

In keinen dieser Themenbereiche würde aber ein Artikel über Angela Merkel passen, Kritik an dem Einfluss von Interessensverbänden auf die Politik, Kriegsberichterstattung oder eine kritische Bewertung der Asylpolitik. Ein auf Likes und Favs fokussierter Journalismus verliert alles, was ihn ausmacht. Und besonders demokratische Gesellschaften verlieren einen Debatten kreierenden Akteur, der systemrelevant ist.

Heute: Unglaublich! Hier klicken! Dort zahlen! Lesebefehl!

Mit Gesetzen wird man diese internationalen Netzwerke nicht zu unserem gesellschaftlichen Nutzen zwingen können. Jede Art von Governance, die auf Angst und Machtlosigkeit aufbaut, kann nur zu schlechten Gesetzen führen. In diesem Fall liegt es an den Medien, sich selber aus der Abhängigkeit zu befreien, in dem sie durch Relevanz eine unvergessliche Marke werden. LeserInnen werden sich nicht darüber beschweren, wenn das Medium ihrer Wahl durch Qualitätsjournalismus auffällt und diesem Begriff vielleicht zum ersten Mal mit Leben füllt.

Anstatt die LeserInnen in sozialen Netzwerken um Aufmerksamkeit anzubetteln, sollten LeserInnen ein Medium regelmäßig aus freien Stücke besuchen, um sich die Welt erklären lassen zu wollen. Dieses Vertrauen müssen sich die Medien aber erst einmal verdienen, in dem sie für ihre mündigen LeserInnen schreiben und nicht für Klickvieh auf Facebook & Co.

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