Sündenböcke für verfehlte Politik

Zwei Jungs rappen gegen Thilo Sarrazin und geben dadurch deutschen Kindern mit ausländischen Wurzeln ein Gesicht. Das Video ist die wohl denkbar beste Antwort auf eine Debatte, deren Teilnehmer sich häufig in Profilneurosen und intellektuell aufbereiteten Ressentiments verlieren.

„Hallo Mr. Sarrazin, ja ich rede grad mit Ihnen“, singt Dzeko in die Kamera und macht so eine Handbewegung wie die ganz großen Rapper: Wisch, Hand vors Herz, Abschlag. Davon abgesehen erfüllen der 15-Jährige und sein Kumpel Kamyar aber kein einziges Klischee. Im Gegenteil: Sie geben mit ihrem Lied „Generation Sarrazin“ die bislang wohl beste Antwort auf eine Debatte, die nicht mit Menschen, die einen Migrationshintergrund haben, geführt wird, sondern bloß über sie.

Die Jungs sprechen jene an, denen es das Internet sonst möglich macht, über eine anonyme Masse zu schimpfen. Sie geben jenen ein Gesicht, über „die ihr immer rummeckert in eurem System“. Und: „Kamyar ist für Sarrazin ein Salafist. Und Dzeko keiner, der die deutsche Sprache spricht.“

Ich sehe den Nachwuchsrappern zu, höre ihnen zu und denke: Jawohl, zeigt euch, wehrt euch, macht deutlich, wie ignorant anonyme Empörung und unreflektiertes Teilen von Hass und Vorurteil im Netz sind. Zeigt, dass es euch verletzt, was es mit euch macht – und seid klüger.
Sie sind es! Darum haben sie Beleidigungen auch nicht nötig. Ihr Rap stellt bloß klar: „Sarrazin, guck mal, alle meine Freunde, sie sind deutsch. So wie du.“

Ein halbes Jahr zuvor war ich bei einer Sarrazin-Lesung dabei, die nicht stattfand. Gerade war „Der neue Tugendterror“, das neue Buch des umstrittenen Autors, erschienen, und es war von Anfang an klar, dass es Tumulte geben würde. Deshalb hatten auch viele Buchläden und Talkshows einen Auftritt des ehemaligen Bundesbankers und Berliner Finanzsenators abgelehnt. Der „Cicero“ aber wollte es wissen. Und er bekam, was er sich wohl versprochen hatte: Einen verbalen Schlagabtausch und Schlagzeilen noch dazu.

Als ich das Berliner Ensemble einige Minuten vor der großen Show erreichte, hatten Sicherheitskräfte schon etwa 100 Protestler hinter Gittern vor dem Eingang zum Theater weggesperrt. Aus ihrer Richtung krächzte Technomusik, übertönt noch von Trillerpfeifen und Rufen, wie „Sarrazin I S T…. ein T E R R O R I S T.“ Und: „Ihr müsst nachhause gehen.“

Eine Hand voll Demonstranten hatte es aber ins Foyer geschafft, wo die Veranstaltung stattfinden sollte. Als Sarrazin herein kam, sprangen sie von den Stühlen auf, riefen „Hau ab! Hau ab!“ und rissen selbst gebastelte Plakate hoch, auf denen Dinge standen wie: „Wir sind die Gemüse-Tugendterroristen“ oder „Wir sind die Gebärmaschinen“ – Anspielungen auf Sarrazins Thesen über Muslime in seinem ersten Buch „Deutschland schafft sich ab“.

Es wurde laut. Dann gab es Gerangel zwischen Sarrazin-Fans und Sarrazin – Kritikern, wobei die erste Gruppe eher aus Deutschen älteren Semesters bestand, die zweite vorwiegend aus jungen Leuten wie Kamyar und Dzeko, ein paar Jahre älter vielleicht. Die einen versuchten, die Plakate zu zerreißen, die anderen verteidigten sie. Über das Gewaltpotenzial eines Kindergarten-Sandförmchen-Streits ging es meiner Meinung nach dennoch nicht hinaus, dazu waren die Protestler einfach viel zu sehr bloß Gemüse-Tugendterroristen. Sie wollten, wie angewurzelt, schlicht nur nicht weg.

Da aber die Redakteure des „Cicero“ und Ensemble-Dramaturgin Jutta Ferbers auch nicht gegen Geschrei argumentieren wollten, mussten wir tatsächlich alle nachhause gehen. Die Veranstaltung wurde abgesagt. Der Demos hatte getrumpft und ich mich ein klein wenig gefreut, dass hier Menschen ihr demokratisches Recht auf Demonstration so erfolgreich genutzt hatten, denen man sonst gern vorwirft, sie würden Demokratie nicht einmal verstehen.

Am nächsten Tag aber las ich in der Online-Ausgabe einer deutschen Tageszeitung, ein linksradikaler Mob habe Sarrazin das demokratische Recht auf Meinungsfreiheit verwehrt und damit bloß seine These bestätigt, in Deutschland regiere der „Tugendterror“. BE-Intendant Claus Peymann nannte die Aktion gar „nazihaftes Gepöbel“. Er sagte: „Ich bin 76 Jahre alt. Ich kann also einen Teil der Geschichte unseres schönen Deutschlands durchaus als mündiger Beobachter einschätzen. Und ich sehe eine zunehmende Brutalisierung und Militarisierung unserer Gesellschaft.“

Nur: Er hatte die Szenerie gar nicht beobachten können, denn er war ja gar nicht da gewesen. Sonst hätte er nämlich gesehen, dass die Demonstranten bei den Nazis wohl wenig Chancen gehabt hätten und dass weder Flaschen geflogen waren noch Steine. Im Gegenteil: Die Vertreterin der Protestgruppe, eine junge Dame mit dunklem Haar und blassem Gesicht, zitterte vor Aufregung, als man ihr drei Minuten Redezeit auf dem Podium gewährte. Wer es nicht glaubt, der siehe selbst. Hier, zirka ab Minute drei.

Später hieß es: “Kopftuchmädchen verhindern Sarrazin-Lesung , was wiederum auch Unsinn war, denn keine der Protestlerinnen trug ein Kopftuch. Peymanns Beobachtungen, die also bloß Vorurteile waren, was er im Interview übrigens auch selbst einräumt, wurden in den Sozialen Medien vielfach geteilt und diskutiert. So wurden aus „diesen jungen Leuten“ – denen man neben mangelnden Deutschkenntnissen vor allem gerne vorwirft, dass sie für nichts auf die Straße gingen, nicht einmal gegen den Terror des IS, in den Augen der meisten, die alles selbst nicht gesehen hatten – linke Terroristen.

Das Internet hat dazu geführt, dass Debatten vermehrt vom Schreibtisch aus geführt werden, was viele Vorteile hat, aber eben auch viele Nachteile. Zum Beispiel den, dass man sich das, wovon man liest und worüber man spricht, nur denken kann. So bekommen wir intellektuell aufbereitete Vorurteile serviert und Meinung als Wahrheit verkauft. Angst, Empörung und Ressentiments werden im Netz aber nicht geteilt. Sie wachsen hier exponentiell.

Hoffnung auch. Genau darum ist das Rapvideo von Dzeko und Kamyar ein richtiges Zeichen, am richtigen Ort – auch zur richtigen Zeit, denn selbst vier Jahre nach „Deutschland schafft sich ab“ ist intolerantes Verhalten gegenüber Minderheiten weiterhin Alltag in Deutschland. Kamyar und Dzeko steigen auf aus Fulda.

Ihren Viralhit haben sie im Rahmen des Projektes „Von der Straße ins Studio“ unter der Schirmherrschaft von Rapper Eko Fresh aufgenommen. Im Video ist ein Double von Thilo Sarrazin in den Straßen von Berlin zu sehen – und die beiden Jungs mit ihren Freunden: „Peter, Ali, Kemal, Frank. Haben nicht die gleichen Wurzeln, aber teilen dasselbe Land“, singt Kamyar.

Der 15-Jährige mit iranischen Wurzeln hat an einem deutschen Gymnasium eine Klasse übersprungen. „Und dann sag noch mal, wir Moslems sind dumm. So wie Sarrazin, der wertet unsere Gene aus. Und wenn man ihn kritisiert, redet er sich raus.“ Die Jungs werfen dem Sozialdemokraten vor, er bezeichne Kids wie sie als Terroristen und als Nichtsnutze, weil sich schärfere Thesen eben besser verkaufen würden. „Du freust dich, wenn ein Araber ne sprachliche Barriere hat, damit du drüber schreiben kannst und ne Menge Knete machst.“

Damit treffen sie einen guten Punkt. Denn tatsächlich scheint es, dass sich Medien, Journalisten, Autoren und überhaupt die gesamte mediale Öffentlichkeit – zu der wir seit Twitter und Facebook alle gehören, und in der wir uns nun alle als vermeintliche Experten profilieren können und möchten, ob der schier unendlichen Konkurrenz von Absendern – dazu hinreissen lassen, möglichst scharf, möglichst laut, möglichst des Teilens wert in die Welt zu meinen, um uns aus der veröffentlichten Masse hervor zu tun.

Brillant erscheint dabei vor allem, wer mit aller zur Verfügung stehenden scheinbaren Intellektualität erklären kann, wer das Problem ist und die Schuld trägt. So als sei man der erste, der so schlau ist, wissen zu können, dass natürlich der andere das Problem ist. Als habe das alles wirklich etwas mit Konfliktlösung zu tun und nicht bloß mit Profilneurose. Als ginge es tatsächlich um Auseinandersetzung und nicht bloß um ein identitätsstiftendes Momentum durch scharfe Abgrenzung vom vermeintlich Fremden und Anderen.

Dzeko und Kamyar fühlen sich zum „Sündenbock für die verfehlte Politik“ gemacht. „Glaubt ihr, dass wir mit dem ganzen Gerede hier noch weiter kommen?“, klagt Dzeko. Seine Eltern kommen aus Montenegro. Aber: „Wir sind hier geboren. Deutschland, wir sind ein Teil davon. Und ihr wollt uns ständig sagen, dass wir nicht dazu gehören. Eure ganzen scheiß Debatten, dass euch diese Jugend stört.“

Genau in solchen Feststellungen entpuppt sich die Bigotterie unserer Debatten: Denn wir beklagen, dass der Islam identitätstiftend wurde in Ländern, die wir als Kolonialmächte einst in Grenzen zurückließen, in denen sich die dort lebenden Menschen nicht heimisch fühlen. Wir verurteilen Menschen, die hierzulande kriminell werden, obwohl wir sie immer wieder nur für ein halbes Jahr dulden, über Jahrzehnte hinweg, und ihnen damit jede Chance auf Bildung und Arbeit verwehren. Wir fragen uns, wie es sein kann, dass sich selbst smarte Typen wie Kamyar und Dzeko im Westen, ihrer Heimat, nicht wohl fühlen, während zeitgleich Magazine „Ist der Islam böse?“ titeln . Während eine große deutsche Sonntagszeitung erklärt, man brauche den Islam nicht. Während eine andere Zeitung zur Zeile macht: „Der Islam gehört nicht zu Europa“. Und während Sarrazin viel beachtet konstatiert:  „Viele Türken und Araber in Berlin haben keine positive Funktion.“

Was deutschen Debatten fehlt, ist ein offener und auch selbstkritischer Diskurs über Korrelationen und Metaebenen, über Ursachen und Zusammenhänge – auch bei der Frage: Was macht es mit einer Gesellschaft, die sich als mediale Öffentlichkeit lautstark empört, unreflektiert Hass und Vorurteil verbreitet?

Was macht es, wenn Meinung zur erklärten Wahrheit wird? Und wenn es scheinbar kaum mehr einen neutralen Filter gibt, weil digitaler Journalismus an vielen Stellen viel subjektiver funktioniert als Print. So wird zum Beispiel aus muslimischen Protestlern ein nazihafter Pöbel, aus Dzeko ein Nichtsnutz und aus Kamyar ein Salafist. Extremismus und Parallelgesellschaften sind für Demokratien weder hinnehmbar, noch zu entschuldigen. Die Augen davor zu verschließen, dass unter dem Deckmantel der Aufklärung bloß immer weiter Ressentiments geschürt werden, aber auch nicht!