No comment – Wer leistet die Verdichtung?

Wenn Verlage Kommentare abschalten, werden die notwendige Verdichtung von kulturellen Prozessen die technischen Plattformen machen.

Die Süddeutsche Zeitung sieht neuerdings vor, dass Meinungen von Lesern nicht mehr unter jedem Beitrag angebracht werden können, stattdessen ist Raum für wenige tägliche „Debatten“ (Stefan Ploechinger, Daniel Wüllner). Damit geht die Kommentardebatte, eine Zusammenfassung ist bei nachtkritik, in die nächste Runde: Dirk von Gehlen, Bettina Hammer, Jürgen Kuri, Jochen Wegner, Stefan Winterbauer.

Seit es das Web gibt, werden Webkommentare kontrovers diskutiert. Wo der eine die Ausscheidungen von Trollen, Pöblern und Interessenvertretern bemängelt, freut sich ein anderer über konstruktive und lehrreiche Beiträge. Auch die Perspektiven unterscheiden sich: an einem Ende steht eine individualistische Sicht, die quasi-rechtlich (Meinungsfreiheit) und psychologisch (Identität, Kommunikationsbedürfnis) argumentiert, am anderen eher eine funktional-systemische Sicht, die nach sinnhaften Beiträgen für einen sozial und politisch notwendigen Verdichtungsprozess sucht. Auch in diesem Fall scheinen das in etwa die Lager zu sein, überlagert von der mal so, mal so interpretierten Verantwortung von Journalisten dem Leser gegenüber und überlagert von jeweils individueller Genervtheit. Die Gretchenfrage zeigt auf ein Paradoxon: Darf das Meinen (-> Meinungsfreiheit) eingeschränkt werden, um das Meinen (-> Meinungsbildung) sicherzustellen?

Auf der Suche nach Antwort auf Paradoxien kann man verrückt werden. Und obwohl die Debatte von Annahmen und Konzepten durchzogen ist, muss man vielleicht sogar ganz theoriefrei die Meinungsäußerungen von Millionen Menschen in Millionen von Kommunikationssituationen einzeln analysieren, bevor man mit „Trollen“, „Pöblern“ und dergleichen hantiert. Ganz aus dem Bauch heraus gilt für mich nach einigen Jahren Online-Diskussion: Wenn ich einen Troll entdecke, frage ich mich als erstes, ob ich ihn selbst konstruiere. Pöblern halte ich versuchsweise Dummheit und Kränkung zugute. Insgesamt nehme ich mißliebige Inhalte eher hin wie Regen und Schnee – und Profis müssen Jacken anziehen. Diese Distanz ist aber sicher nicht jedermanns Sache.

Unabhängig davon ist es naheliegend, dass sich eine Gesellschaft ein paar Jahrzehnte bei Auftreten eines neuen Mediums [1] damit beschäftigt, wer wo mitreden soll. [2] Die Debatte ist also keineswegs eine medieninterne, subjektive, sondern sie geht alle an.

SZ – kein Aufreger

Ich finde den Standpunkt der SZ gut vertretbar, denn Kommentare anzubringen ist ja nicht unmöglich, sondern sie finden nun auf SZ-eigenen Debatten-Seiten statt. „Zensur“ ist es schon deswegen nicht, weil man so staatliche (Vor-)Zensur bezeichnet. Es kann ja jeder sagen, wo er will – das Internet bietet ja mit dem Link die zentrale Funktion einer Referenz auf einen anderen Inhalt. Man könnte sogar sagen: Was formal Links zwischen Dokumenten und Dokumentstellen sind, kann ja inhaltlich als „Kommentar“ genutzt werden. Und wenn die neuartigen SZ-Debatten in relevante Bereiche vorstoßen, wird dort ohnehin der bevorzugte Platz für´s meiste Meinen sein. Ein Aufreger ist die neue Kommentarpolitik der SZ also nicht.

Der Internet-Kommentar hat seine kommunikative Struktur behalten

Der Kommentar, so würde man in Berliner Bohémekreisen sagen, der Internet-Kommentar ist ohnehin kaputt, broken by design. Ganz so schlimm ist es zwar nicht: Es gibt ja ganz unterschiedliche Strukturen, in denen Kommentare kommunikativ häufig gelingen. Zum Beispiel fragt „Oben“ und „Unten“ antwortet. Oder „Oben“ vertritt eine Position zu einem moralischen Thema und „Unten“ erklärt Zustimmung & Ablehnung, erzeugt so eine Abstimmung – unterbrochen von ein paar Trollen. [3] (Es wäre gut, wenn jemand diese Strukturen genauer analysieren und diskutieren würde.) Es hat sich auch konzeptionell 35 Jahre nach Erfindung der ersten unmoderierten Newsgroup, rund 20 Jahre nach den ersten Webforen und zehn Jahre nach Facebook einiges getan. Kommentare können gemeldet und ausgeblendet werden, Antworten sind durch Einrückung klarer bezogen, Systeme wie Disqus skalieren für Mengen, soziale Netzwerke heben die Qualität durch einfaches ID-Management, Spamfilter erkennen Spam, Stopplisten lassen Kommentare mit Stoppwörtern nicht zu, Kommentare werden nach Leserwertungen gewichtet (Typ Reddit oder Facebook). Aber das sind alles evolutionäre Fortschritte, die nichts an der Grundstruktur ändern: Nämlich oben ein redaktionelles Stück von ein paar tausend Zeichen und unten kurze Leseranmerkungen.

„Kommentar“ – die Form der Ohnmacht

Die Form dieser Kommentar-Struktur heutiger Online-Publikationen spricht für sich: „Oben-Unten“ heißt „Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel Pause“ (Fn [4]). Einer spricht oben, viele antworten unten – die Liturgie von Priester und Gemeinde ist tief verwurzelt und klingt mit. Vielen Kommentatoren ist unbewusst klar, dass sie sich in einer schlechten Position befinden. Der Journalist hatte viel mehr Zeit und Ressourcen. Dem Leser droht der Abstieg in den Limbo der heruntergewichteten Kommentare. Ein Moderator fällt sein Urteil zu unklarem Zeitpunkt, im Schutz der Anonymität, ohne Anhörung, mit knapper Begründung, unwiderruflich und ohne Rechtsweg – das ist, wenn man es ganz genau nimmt, die Arbeitsweise von Geheimgerichten. Kommentare sind häufig nicht durch Google auffindbar, nicht verlinkbar, „nofollow“ für die Site des Lesers, Leser werden also unsichtbar gemacht. Die Form, die hier zum Leser spricht, sagt: Du musst warten, Du musst Dich einreihen, Du wirst nummeriert – und Du bekommst, anders als die oben, neuerdings auch negative Feedbacks, bis Dein Kommentar unter hunderten von Deppen-Kommentaren untergeht. Das ist keine Kommunikation unter symmetrischen Machtverhältnissen. Wer fühlt sich da nicht als Objekt, will nicht vor Ohnmacht schreien, und nach dem Urteil nicht wieder und wieder in die Spalten spucken?

Der Störer als Relevanzmarker

Die Störer-Schemata „Troll“ und „Pöbler“ machen es allen leichter, ihre Abwehrmaßnahmen zu begründen. Über den echten Troll, der ein eigenes Spiel spielt, wurde viel geschrieben, gegen ihn ist kaum ein Kraut gewachsen.

Der „Pöbler“ pöbelt auch über Banalitäten, wenn er aber politisch wird, erfüllt er eine gesellschaftliche Aufgabe. Erstens: Die Empörung ist, das mag gefallen oder nicht, die Mutter der Demokratie (Sloterdijk) und insoweit legitim. Früher hätte man von „Gegenöffentlichkeit“ gesprochen. Zweitens: Opposition gegen Herrschaft ist und darf mit Emotion verbunden sein; Ungerechtigkeit macht zornig. Drittens: Es gibt keinen Grund für eine Erwartung, dass sich die Habermas´sche Utopie eines rationalen Diskurses ausgerechnet unter den Bedingungen des Internets beim gemeinen Bürger verwirklicht, wenn sich nicht einmal Stars, Journalisten und Intellektuelle bei Talkshows an einfachste Regeln des Aussprechenlassens halten. Viertens: Die Grenze ist ohnehin fließend, wie „Troll“ Uwe Ostertag, von der FAS hier portraitiert (treffend-böse zu diesem Text Gregor Keuschnig hier), durch seine Antwort zeigt. Ironie, Intervention und „Populismus“ sind ja nicht verboten, vielleicht ist solch ein Fall nur ein Mengenproblem? Aus diesen Gründen ist die Idee, den Pöbler (weg-)zumoderieren, mindestens mit Fragezeichen zu versehen.

In jedem Fall hat der Pöbler aber auch eine informationsökologische Funktion. Sicher gibt es Pöbler mit schlechter Laune, Dummheit, Aggression und pathologisch-psychischen Problemen. Aber wo der Troll irritiert und die Kommunikation befällt wie ein Virus das Immunsystem, ist der Pöbler die Figur, die vielen anderen Arbeit abnimmt. Der Pöbler ermöglicht allen, dass sie sich benehmen können, wo eigentlich zu pöbeln wäre. [5] Der Pöbler markiert die Stelle, die zur Bepöbelung geeignet ist – er ist ein Wegweiser, ein Filter-Indikator, ein Relevanzmarker im neuen digitalen Meer.

Für den Loeschbeirat habe ich kürzlich hier eine Fingerübung gemacht, um den Zynismus und die Verachtung zu herauszuarbeiten, die Autoren wegen ihres blinden Flecks nicht sehen können. Kolumnen-Schreihälsen, jungen „wilden“ Autoren sowie alten „missmutigen“ Autoren (also fast allen) gelingt es immer wieder, ihre Abscheu gegenüber bestimmtem Verhalten so pauschal und vage zum Ausdruck zu bringen, dass sich ganze Bevölkerungsteile angesprochen fühlen – der Hang zum „Narrativ“ versperrt die Analyse. Der sodann entstehende Trollbefall und Nano-Shitstorm sollte als wertvolle Markierung angesehen und deutlich angezeigt werden: Kommentarspalte unbegehbar = Beitrag bestritten. (Leider bringen Fake-Kommentare das Kommentarsystem als Ganzes in einen paranoiden Zustand. Vielleicht wird aus diesem Grund doch lieber gelöscht.)

Aufmerksamkeitsdiebstahl – der Troll und Pöbler schadet dem Geschäft

Es wäre naiv, auf das Web als Kommentarraum zu verweisen, nur weil es diesen technisch abbilden kann. Auf einer Beziehungsebene geht es darum, ob der eine dem anderen Aufmerksamkeit verschafft: Der Zeitungsverlag dem Leser nämlich. Es entstehen Tauschverhältnisse unter den Beteiligten: Der eine gibt, der andere nimmt, und zugleich gibt der Nehmende etwas zurück. So gibt ein Leser mit seinem guten Leserkommentar lesenswerten Inhalt zurück, im Gegenzug darf er die Bühne für Sichtbarkeit benutzen – der Tausch geht auf. Diese ökonomische Perspektive auf Verlag und „nützliche“ wie „schädliche Leser“ erhellt die Problematik. Der Troll ist aus dieser Perspektive nur ein Nehmender und gibt Irritation zurück – kein Deal für den Verlag. Trolle auszusperren und die Diskutanten etwa wie beim Spiegel Online nur noch untereinander Aufmerksamkeit tauschen zu lassen, macht also ökonomisch durchaus Sinn – und zwar ganz unabhängig davon, ob Personalkosten entfallen könnten (vgl. Ploechinger hier). Demgegenüber könnte es sogar sein, dass Journalisten gern Haltung, Qualität und Unabhängigkeit betonen, weil es ihnen unmoralisch vorkommt zu sagen: „Ich habe keinen Bock, mich mit solchem Mist zu beschäftigen, denn weder werde ich dafür bezahlt, noch bringt es mich voran.“ Unter drei hört man solche Sätze aber schon. Warum auch nicht, was wäre falsch daran? Gerade Berufsinformationsverarbeiter müssen klug mit ihren Ressourcen umgehen. Vielleicht wäre es mal Zeit für eine ordentliche Publikumsbeschimpfung, statt sich an Trollen abzuarbeiten. Dahinter steckt eben nicht immer ein kluger Kopf, sondern manche misanthropische Arschgeige. Leider gilt es als ungehörig, Arschgeigen als Arschgeigen zu bezeichnen – oder liegt es am ökonomischen Verhältnis zum zahlenden Kunden? Wenn wirklich „Online-Enthemmung“ das Problem ist (mehr hier im Abschnitt „Theorie der Pöbler“), würde ein Leser-Pranger gute Dienste leisten. Aus Gepöbel könnten Debatten gemacht werden: Kolumne „Der letzte Dreck – Jetzt schlagen wir zurück“.

The Zuckerberg of Happiness

Störer verbrauchen fremde Aufmerksamkeit, denn durch Kenntnisnahme fand ja schon Kommunikation statt, bevor man ignorieren konnte. Zudem wird vom Leser Kraft gefordert: Er muss über weitere Kommunikation entscheiden. Beides sind – neben der Markenschädigung, die ein Medienprodukt erfährt, weil das Pöbeltum auf die Marke zurückwirkt – Fakten, die schon wegen eines werbefinanzierten Geschäftsmodells nicht durchgehen können. Wenn jemand parasitär Aufmerksamkeit frisst, dann darf es nur die Werbung sein, mit der sich Journalismus finanziert. Inhalt mit Trollbefall ist nicht vermarktbar. Parasiten, die journalistische Stücke vorkosten, sind nicht erwünscht, weil sie das Geschäftsmodell gefährden. Schlimmer noch: es unterliegen werbefinanzierte Journalismusangebote dem Fluch der Happiness, dem Facebook unterliegt. Wo dort nur „Gefällt mir“ vorgegeben wird, ist in werbefinanzierten Onlinemedien das Häßliche, Unflätige, Schmutzige nicht erwünscht. Streit muss schön und wohlgeformt sein, sonst verkauft er nicht.

Beide, die Massenpublikation und das soziale Netzwerk, werden nur in puncto Happiness noch übertroffen vom Blogger, der sich auf sein Hausrecht beruft, obwohl ihn sein WordPress.com-, Tumblr-, Squarespace- und Google-Plus-Account nichts gekostet hat und er sich sein Blog in nur zehn Sekunden zusammengeklickt hat. Er proklamiert also Herrschaftsrechte an geistigen Gütern Dritter und schließt aus der Anbringung von Grafiken und einer Ein-Euro-Domain, dass er Kommentare nach Belieben löschen dürfe. Dahinter liegt in allen Fällen die Vorstellung, dem Anderen stünde Aufmerksamkeit auf dem eigenen Claim nicht zu. Der Kommentator muss sich schon seine Aufmerksamkeit selbst verdienen, es sei denn, der (Blog-)Geber gewährt sie in fürstlicher Art, als Gegengabe nach einer Gabe von Inhalt. (0:39)

Miteinander reden – besser mit Struktur

Soll nun jeder alles sagen, überall? Technisch macht das Internet es möglich, sozial ist es aber zweifelhaft. Es muss jeder eine Grenze ziehen, der Kommunikation zustande kommen lassen möchte, indem er andere Kommunikation eben nicht zustande kommen lässt – die „Selektionsleistung“ ist ein alter Luhmann-Hut. Freie Räume für „Jedermannkommentare“, in denen also jeder jedem jederzeit ohne Bedingung und ungeordnet antworten kann, werden unter den Bedingungen des Internets möglich, sie dürfen aber nicht die Regel werden, weil das Kommunikation und Sinnfluss eher behindert als fördert. Grenzziehung ist eine Selektionsleistung, wenngleich die öffentliche Unordnung von 4chan und Etherpad auch ihren Reiz hat. Auch das Geschäftsmodell zwingt zu einer Grenzziehung. Das Ergebnis ist, dass zwei Kräfte in dieselbe Richtung wirken.

Das spricht für „zentrales Wegsteuern“ von Kommentarmassen beliebigen Inhalts. Es spricht einiges für eine Drehung von „Kommentar“ zu „Community“, einem nicht content-, sondern lesergetriebenen Ansatz: die Chance auf sinn-(!)-volle Kommunikation steigt bei gleichgelagertem Kommunikationsinteresse. Sie steigt auch bei Bezahlmodellen ohne massive Werbung, da so wildeste und entglittene Diskussionen nicht mehr mit dem Aufmerksamkeitswünschen der Werbetreibenden und somit auch des Betreibers kollidieren.

Der Unordnung Herr werden

Ja, so ist es gemeint: Es mag um der höchsten Ziele von Demokratie und Meinungsfreiheit richtig sein, dass jeder alles kommentiert. Doch findet durch die neuen Möglichkeiten des Internets eine Atomisierung der Öffentlichkeit statt und ebenso gesunkene Barrieren führen zu einer Unordnung. Technische Öffentlichkeit wird leichter, kommunikative „Öffentlichkeit“ schwieriger – Klaus Kusanowsky erklärt es häufiger im Blog und weist auch daraufhin, dass die Unordnung geradezu die Ursache ist dafür, dass alle immer lauter werden beim Versuch, irgendjemanden zu überzeugen, der gar nicht adressiert ist (Erklärung z.B. hier).

Diese neuen Bedingungen erschweren zunächst (gegenüber der Internet-Vorzeit) den Meinungsbildungsprozess in der Demokratie, der Meinungen erst verdichten muss, damit entschieden werden kann. Neue Mittel der Strukturbildung sind also notwendig – und Social Media leistet es auch: Twitter (Facebook) mit Retweets (Teilen), Hashtags, sozialen Graphen und Relevanzselektion von Inhalten.

Massenmedien, die keine vergleichbaren Mechanismen haben, die also hunderte Kommentare einfach nur auflisten, können keine Verdichtung leisten. Sie bieten einen Einblick in die Denkwelt des gemeinen Kommentaristen, aber sie lasten dem Leser den Verdichtungsaufwand auf, der neulich noch die ureigenste Aufgabe der Medien war. Der erhöhte Durchsatz an Inputs kann nicht mit weniger Struktur auskommen, die Inputs müssen mehr Ordnung haben, damit die Leistung sich nicht verschlechtert. Dies wäre dann eine schöne Begründung, warum SZ und auch Krautreporter mit der eingeschlagenen Richtung richtig liegen.

Wann kommentieren funktioniert

Wer sich im Internet auskennt, wird oben protestiert haben: Selbstverständlich gibt es Plätze, an denen gut ohne nennenswerte Störer diskutiert werden kann. Die Gründe sind soeben gefunden. Erstens sind die Gruppen klein, so daß der Kommunikationszweck nicht durch Masse gefährdet wird. Zweitens schafft der Moderator Ordnung: Ein guter Moderator streicht und mahnt ja nicht, wie es die Moderatoren bei Online-Massenmedien tun. Ein guter Moderator leitet ein, fragt, fasst zusammen, fordert zur Teilnahme auf, versucht zu klären und vermittelt zwischen Kommentatoren und dergleichen mehr (siehe Wikipedia “Moderator“). Man fasst sich an den Kopf: Die Trolle haben recht, wenn sie sich über „Schulmeisterei“ beklagen.

Zudem liegen Blogger mit ihrem Gefühl von „Hausrecht“ mitunter richtig. Zwar ist es nicht legitim, sich auf Recht berufen, wohl aber auf Leistung. Denn sie pflegen einen Kulturplatz, wenn sie wirklich moderieren und nicht nur schulmeistern, wie der Bauer die Allmende pflegt. Wer als Störer den Raum für eigene und unsachliche Aufmerksamkeit nutzen will, zielt auf Übernutzung und muss in Schranken verwiesen werden, damit die Allmende noch funktioniert. So geht am Ende alles auf: Blogger, die sich viel Mühe machen, liegen richtig. Presse aber auch – wenn sie es denn verstünde, dass sie mit wahrlicher Moderation einen Kulturplatz pflegt.

Zudem zeigt auch historische Netzkultur auf anderes als die heutige Kommentarstruktur. Die ersten Communities gehen von formal gleichrangigen Beteiligten aus, sieht man einmal von technischen Administratoren ab. Asynchrone, unmoderierte Listen von Listservern entsprechen dem Rufen Gleichrangiger in einen Raum. Aus diesem Grund haben sich viele Diskutanten wie ich bei Google+ einst wohlgefühlt. Der Journalist als „Content-Rolle“ hat sich, aus einer Communitykultur betrachtet, genauso in die Communitykultur als irritierendes Element geschoben wie der Kommentator in die Publizistik. Dabei hat der „Content“ die Struktur verschoben von einem eher losen Anschließen an einen Ausgangspunkt hin zu einem ständig mißlingenden Versuch, „dokumentzentriert zu diskutieren“. Aus diesem Grund kommentiere ich bei FAZ, SZ, ZEIT nicht mehr, denn ich weiß eigentlich nicht, woran ich sinnvoll anschließen soll, sobald ich an zwanzigster Stelle oder danach stehe, um zu kommentieren. Die Anschlußoptionen neuer Kommentatoren erhöhen sich mit jedem einzelnen Kommentar, bis eine große Kakophonie eintritt und man seine Wörter auch würfeln könnte, so sehr herrscht kommunikative Unordnung.

Die kommerziellen Communities der Sorte Facebook haben mit ihren personenzentrierten Ansätzen den klassischen Medien etwas voraus. Sie haben im Grunde auf eine soziale Dynamik aufgesetzt, die vor ihnen schon da war, und die sie nun gewissermaßen – je nach grundsätzlichem Standpunkt – professionalisieren (Netzunternehmer-Talk) oder ökonomisieren (Adorno-Sprech). Weil sie dokument- und absenderneutral sind, können sie im ersten Schritt der neutrale Platz für Gespräche sein, den sie im zweiten Schritt zum Marktplatz machen.

Dass die Problematik bei den reichweitenstarken Angeboten auftritt, ist im übrigen auf Netzwerkeffekte (hier S. 20 ff) zurückzuführen. Die Unerhörten gehen dorthin, wo sie am besten gehört werden.

Und schließlich müssen Beiträge so klar strukturiert und pointiert sein, dass sie als „Social Object“ geeignet sind. (Einstieg hier). Publizieren im Internet ist daher grundsätzlich von anderer Natur, wenn Diskussionen stattfinden sollen. Es reicht nicht, nur am Ende eine Frage zu stellen, wie es Social Media Manager ständig auf Facebook tun. Es reicht auch nicht, wie die SZ es nun zu versuchen scheint, eine Frage gleich als Überschrift auszulegen und sonst fast keinen Stoff zu liefern. Journalisten müssen anders schreiben und ihre Formate weiterentwickeln.

Verstärkung durch Turbo-Kritik

Das Buch hat die Kommunikation der Gesellschaft und damit auch die Gesellschaft stark verändert: Kritik bezog sich auf einen Inhalt, der nicht mehr flüchtig war, und sie selbst war ebenso verkörpert und konnte sich dadurch leicht verbreiten. Noch ist nur eine Vorahnung, aber sie ist recht naheliegend: Das Internet als nächstes mediales Paradigma ist der Turbo der Kritik.

Erstens: „Streiterei“ nimmt nicht nur bei Leserkommentaren zu. Sie ist gut auf Twitter zu sehen: Kurztexte setzen Bedeutungen voraus, fehlende Kontexte verursachen Missverständnisse, Welten mit unterschiedlichen Kulturmustern, Sprachcodes und Zielen („Medien“) prallen aufeinander (und führen vielleicht die Gesellschaft auf eine evolutiv höhere Stufe: „Entdifferenzierung der gesellschaftlichen Teilsysteme“ durch „neuartige Assimilations- Reintegrations- und Identitätsprozesse“).

Zweitens: Als Verstärker wirken internetspezifische Erregungseffekte (s. Peter „Rauschebart“ Kruse), gespeist aus Publikums-Content der spontanen Meme und Anti-Irgendwas-Tumblr.

Drittens: Populistische Formate wie Kopp und DWN, „Reality“-Fakes von heftig.co und Journalismus-Attrappen (Credits für @niggi) der Huffington Post sind erst der Anfang einer Emotionalisierung bis zur Argumentlosigkeit. Nach Yellow Press und Unterschichten-Fernsehen (Harald Schmidt) kommt das Unterschichten-Internet – auch von Akademikern gern gesehen, siehe Antwort von RTL auf Harald Schmidt).

Qualität auf schwierigem Posten

Wenn Kommentare bei Massenmedien nicht gut funktionieren, soll man Kommentarmöglichkeiten einschränken, abschneiden, weglassen? Gegen alle drei obigen diskursiven Brandbeschleuniger haben herkömmliche Massenmedien auf Dauer kaum eine Chance auf Aufmerksamkeit, wenn sie einfach nur „publizieren“, indem sie Texte in die Landschaft stellen und sich nicht um Resonanzräume kümmern. Wer sich als Leser nicht aktiv entscheidet, ein kommunikativer Internet-Eremit zu werden, wird von jedem zweiten Leitkommentar durch ein animiertes GIF abgehalten, das die Aufmerksamkeit umlenkt. Sinkende Klickraten bei Displaywerbung zeigen, dass Menschen zwar lernen. Im Moment messen aber Suchmaschinen wie soziale Netzwerke Masse statt Klasse und bevorzugen so Aufmerksamkeitsdiebe.

Zudem kann eine Einzelpublikation wenig gegen die kulturelle Veränderung der Diskussionsstile unternehmen: Wenn bei SZ und Welt gepöbelt wird, steigt die Wahrscheinlichkeit für die FAZ ebenso.

Es gibt auch keine Impfung gegen Kritik-Infektion: Ein reeszett.de ist schnell (vergleiche http://blog.refefe.de) gemacht, alle Akteure werden noch zu tun bekommen mit neuen Watchblogs und anderen Beobachtern, die sich bisher nicht artikuliert haben. Aggregatoren und Suchmaschinen und Linkgewebe machen diesen „Critical Layer“ ohnehin erschließbar. Kein Medienakteur kann Kritik und ihre Sichtbarkeit noch verhindern – die Frage ist also eher, ob er über die Folgen von Kritik noch ein bisschen Kontrolle haben möchte, indem er sie selbst kritisiert.

So gesehen kommt die Frage, ob man noch kommentieren darf, seltsam naiv vor. Die Frage ist eher, wohin sich der Kommentar-Überdruck entlädt – zur Konkurrenz oder zu Facebook als Müllabfuhr der Kritik, wo alle Kritik möglichst weit weg von der Zeitungsmarke schnellstmöglich in den Timeline-Orkus sickert?

Besser wäre eine Lösung, die Kritik filtert und in konstruktiv-dialektische Formen transformiert, damit sie als Motor für sozialen und anderen Fortschritt fungieren kann.[6]

Kommentieren als kultureller Baustein und Teilhabeteil

Der Kommentar zwar kein Format von Gewicht, er ist kleiner als der neudeutsche „Microcontent“; der Artikel, der Leitkommentar etc., sie alle sind die großen Sinneinheiten, die eine Debatte tragen. Doch ist der „Kommentar“ ein Stück kulturelle Verarbeitung durch „die Massen“, er verarbeitet im Grunde den kulturellen Nährstoff großer Texte sichtbar zu Kulturkompost und trägt den Dung weiter, bis er überall den Boden fruchtbar machen konnte (http://de.wikipedia.org/wiki/Kompostierung). So können die Nährstoffe in einer grossen Verstoffwechselung ausgewählt und wieder in neue kulturelle Artefakte integriert werden. Wer online kommentiert, spricht über etwas, und dieses online Sprechen macht den kulturellen Prozess. Kopie und Link als Technik kompostieren nicht, sie lassen alles unberührt oder ändern Kontext und Fokus. Sie ver-, zer- und be-arbeiten aber nichts, erst der Kommentar als Sinnverarbeitung leistet das.

Diese Micro-Verarbeitung mit dem „Kommentar“ als kleinstem Baustein darf man daher auch politisch nicht unterschätzen. Sie ist der Meinungsbildungsprozess im digitalen Raum (und nicht “ein Leserbrief”). Sie ist Teilhabe an Öffentlichkeit, genauer: es entstehen hierdurch erst Teil-Öffentlichkeiten. Der Prozess besteht eben nicht nur aus dem Lesen und stillen Verarbeiten von Texten. Daher würden Verlage (genauer: alle kommerziellen Online-Inhalte-Angebote) durch die Abbildung von Leserkommentaren eine öffentliche Funktion erfüllen.

Wer gibt die Bühne und warum?

Kann man, fragt Jochen Wegner von ZEIT Online, Debatten Facebook überlassen? Wo sollen die Menschen denn sonst kommentieren, wenn nicht bei Massenmedien? Natürlich kann jedermann irgendwo „ins Internet schreiben“, geringe Medienkompetenz vorausgesetzt: Tumblr, Jimdo, WordPress, Squarespace sind in Minuten aufgesetzt. Wer aber keine fremde Aufmerksamkeit auf seinem Habenkonto hat, singt sein Lied allein im All – das ist also politisch keine Lösung. Facebook ist für 1,3 Milliarden Menschen individuell eine Option, aber als Zentralplattform für politische Debatten scheidet es aus, solange es nicht zu Neutralität verpflichtet werden kann und dieses auch nicht prüfbar ist oder es keine vergleichbaren Alternativen gibt. Die Manipulation des Newsstreams kann ein Desaster sein.[7] Für Verlage scheidet die Plattform im übrigen auch aus, weil sie bei Facebook ihre Kundenbeziehungen abgeben. Die Konvertierung von unmittelbaren Beziehungen hin zu Mittlern ist wirklich ein schwerer strategischer Fehler. Und ob Linkplatzierungen auf Dauer kostenlos bleiben, ist auch sehr fraglich.

Bleiben also vor allem die kommerziellen Privatangebote, die in einer atomisierten Öffentlichkeit die Aufmerksamkeit bündeln und die eine Bühne für Jedermannkommunikation sein könnten. Sie dürfen auf „Leserkommentare“ im hergebrachten Sinne verzichten, aber sie sollten Debatten in (Sub-) Communities organisieren, die für Kommunikation optimale Größen und Funktionen haben. Sie könnten ihre Inhalte zu „Social Objects“ machen und die Moderatorenrolle so ausfüllen, wie der Moderator einst gedacht war. Sie stellen nicht jeden Tag drei Fragen im Stile der SZ, sondern sie füllen dies auch inhaltlich aus. Sie könnten neue Debattenformate entwickeln: viele Bausteine wie Syllogismen, in Phasen, legoähnlich zusammensteckbar, mit zeitlichem Rahmen und vorstrukturiertem Ablauf (ich habe das 2007 ankonzipiert). Einige Bausteine verlinken, zitieren, spiegeln, was außerhalb ihrer selbst stattfindet – das ist die originäre Funktion von Massenmedien.

Natürlich kostet das Geld. Investieren Verlage es aber nicht, wird ihnen in einer Dekade der Turbo der Kritik inhaltlich mit voller Wucht entgegenblasen und andere werden die Debatten aggregieren, durchsuchbar machen und strukturieren und dadurch die Aufmerksamkeit auf eigene Angebote lenken. Mit dem Internet sind ja viele Techniken, des Problemes Herr zu werden, im Grunde bereits entwickelt: Suchmaschinen, Linkaggregatorien, Tagging, soziale Graphen, Annotationen, Collaboration, Semantik usw. Es wäre auch politisch richtig, einen Teil der Kosten im Sinne eines Code for Germany einerseits dem Gemeinwohl aufzubürden, die Ergebnisse aber andererseits in Gemeingüter fliessen zu lassen, die ebenso von öffentlich-rechtlichen Anbietern, Stiftungen und Bloggern usw. genutzt werden dürfen. Die Dynamik der Gesellschaft ist nicht zu stoppen. Sie wartet nicht auf Verlage, um Struktur und Übersicht in ihre Kommunikation zu bringen.

 

[1] Zumal, wozu auch schon einiges gemeint wurde, das Internet eher ein Metamedium ist, ein Container für alles, ergänzt um neue Zugriffsweisen, Ebenen, Räume usw.

[2] … auch wenn es eh nur alle tun und diskutieren, die Zeit, Kompetenz und Nerven dazu haben.

[3] Im Unterschied zu den meisten (Mit-)Menschen halte ich das Trollschema für einen Schutzmechanismus meiner Psyche, um mich mit dem Fremden und Anderen nicht befassen zu müssen. Beleidigen können mich ohnehin nur Menschen, die ich ernst nehme, und das ist a priori bei Menschen, die mir negative Eigenschaften zuschreiben und die mich nicht kennen, nicht der Fall. Wobei ich gerne zugebe, dass diese Dickhäutigkeit für einen alten, weißen Mann viel leichter herstellbar ist als für einen Menschen, der öfters Diskriminierungen ausgesetzt ist.

[4] Die Credits für die Verwendung gehen an Kathrin Passig, die letzte im Internet auffindbare Quelle ist von 1995 und vermutlich so alt wie das Erfundensein von Kuchenbacken und Schule gleichzeitig, ergoogelt also seit dem 2. Jahrhundert vor Christi Geburt, wobei wir der Einfachheit halber so tun, als hätte der persische Golf (Schule, 4000 v. Chr.) über 3000 Jahre darauf gewartet, dass frühestens 800 v. Chr. ein Grieche dort einen Kuchen backt (wahrscheinlich war es aber eher andersherum.)

[5] Auf solche Irrwitzigen Bemerkungen kommt man nur, wenn man zu lange nachdenkt. [5b]

[5b] Was soll das? Sie Troll!

[6] Auf marodierende und verbal-brandschatzende Rentner dürfen wir uns jedenfalls einstellen, die den Jungen die Bildungsbudgets kürzen.

[7] Das Problem ist nicht die „Filter Bubble“, siehe mein MERKUR-Text hier

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