#icebucketchallenge: Soziales Großexperiment in Sachen Selbstdarstellung

Sozial- und Netzwissenschaftler oder Psychologen müssen zur Zeit wohl abwechselnd staunen und jubeln.

Die Ice Bucket Challenge ist quasi ein unverlangt angelegtes Großexperiment zur Psychologie des Menschen unter besonderer Berücksichtigung von Netzwerkmechaniken. Sie liefert so viele Erkenntnisse über das Verhalten der teilnehmenden Probanden und die Funktionsweise von Netzen, dass man gar nicht weiß, wo man mit der Auswertung anfangen sollte.

 

Anlass zur vermeintlich uneigennützigen Selbstdarstellung

Vielleicht ist es so: Der vernetzte Mensch pflegt die fortwährende Selbstdarstellung in den Netzen (der Autor nimmt sich da nicht aus, nicht zuletzt durch diesen Eintrag) und fühlt sich doch nie so ganz wohl dabei. Darf man, soll man seine vernetzten Mitmenschen dauernd mit persönlichem Scheiß belästigen? Andererseits: Man muss es ja – wie sonst würde man noch als relevant wahrgenommen?

Und dann kommen da diese ALS-Leute daher, bieten ein emotionales Thema und diesen nicht mehr kritisierbaren Anlass zu einer ebensolchen Präsentation im Netz – und nicht nur das: Durch den geschickt eingebauten Schneeball-Effekt der Nominierung – ein Teilnehmer nominiert drei neue – gibt es gleich doppelte Absolution für das eigene Posen und Posten. Man ist regelrecht gezwungen, bei dem Eiswassertreiben mitzutun (dicke Gänsefüßchen bei gezwungen). Weil: Man tut es ja nicht für sich selbst, sondern für die gute Sache eines Dritten. Und selbst die, die sonst im Netz nicht ständig posten, bloggen, twittern, haben endlich einen Grund, hier (erstmalig) aufzuspringen. Das ist einfach perfekt – vielleicht zu perfekt. Dazu unten mehr.

Doch ein Eimer mit Eiswasser ist nicht ein Eimer voller Eiswasser. Die Prozedur bietet eine fast nicht für möglich zu haltende Variationsbreite an Differenzierungs- und eben Selbstdarstellungsmöglichkeiten. Das eigene Profil kann in Richtung Gutmensch geschärft werden. Gleichzeitig bilden sich durch das Kübeln mit Eis vorhandene Netzwerkstrukturen der Teilnehmer ab, was vielleicht die interessanteste Beobachtung sein dürfte.

 

Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den/die XY her

Da sind beispielsweise die Eiswassergießer, die Englisch sprechen, wie Herr Steingart, Chef der Verlagsgruppe Handelsblatt. Er richtet sich, seiner Funktion und Natur gemäß, an ein größeres Publikum. Als Ausweis des persönlichen Status und der eigenen Gruppenzugehörigkeit dienen die Personen, die man sich zu nominieren traut – wie Frau Meckel, bald Chefredakteurin der Wirtschaftswoche, die dann standesgemäß mit Frau von der Leyen eine Ministerin nominiert – wichtige Frau nominiert sehr wichtige Frau.

Eine (kleine) Stichprobe ergibt: Die Netzwerkkreise bleiben geschlossen, Ausbrechen aus den eigenen Kreisen nach unten oder oben kommt nicht vor. Allenfalls gibt es leichte Abweichungen, wie im Fall Chefredakteurin / Ministerin. Es ist ein wenig wie früher im Kindergarten: Mein linker Platz ist leer, da wünsche ich mir den / die XY her. Das war schon für die Kindergärtnerin (oder den Gärtner) sehr aufschlussreich.

Und wer nicht herbeigewünscht oder nominiert wurde, der schaute eben traurig aus der Wäsche – so wie die Kollegen von handelsblatt.com, die sich folgerichtig selbst nominieren, damit sie auch ein wenig vom viralen Hype abbekommen, Netzverständnis bekunden können und sich vor allen – nämlich auf ihrer Webseite – in eine Reihe mit Bill Gates, Kai Dieckmann und George W. Bush stellen können (war das nicht der, dem wir jetzt die Lage im Irak zu verdanken haben?).

So lässt sich aus den Nominierungen und Handlungen vor der Kamera ein sehr präzises Bild der bestehenden Netzwerke nachzeichnen, und zugleich ein Bild der handelnden Personen. Viele von ihnen werden erstmalig vor der Kamera gestanden haben. Man sieht es ihnen an.

 

Verschwundene Eiswürfel

Aber die Chance, dies zu tun, da ohne vordergründiges Eigeninteresse, ist einfach zu verlockend. Wenn man dann wie Herr Müller von Blumencron theatralisch noch ein paar eiskalte Eiswürfel in seinem Eimer packt (“This has to be really cold!”) – die man aber im geschnittenen Video selbst in der Zeitlupe nicht mehr erkennen kann –, wird das Ganze vollends als Schauspiel entlarvt. Natürlich darf man ihn nicht kritisieren (und vielleicht tue ich ihm Unrecht), weil er im Video davon spricht, dass seine Mutter vor 20 Jahren an der Krankheit gestorben sei.

Was uns das lehrt? Sicher, dass Wohltätigkeit dann am besten funktioniert, wenn sich beide Seiten davon einen Gewinn versprechen. Schon mit Plaketten beschriftete Parkbänke zeugen davon, dass man als Spender auch gesehen und erkannt werden möchte.

Doch viel mehr lernt man über den Wert von Persönlichkeit im Netz und die Attribute, die wir dieser durch eine derartige Aktion hinzufügen können – und was wir bereit sind, dafür zu tun.

 

Aufschaukelungseffekte

Mehr noch lernt man über das Funktionieren von Netzwerken und Verstärkungseffekte. Denn die Verbreitung hängt nicht nur mit dem guten Zweck und dem System der Nominierungen zusammen, sondern auch mit dem Umstand, dass viele der Nominierten selbst dicke Netzwerkknoten sind. Sie konnten den Schneeball wirkungsvoll weiterrollen, bis schließlich die Medien wegen der Relevanz dieser Persönlichkeiten an der Relevanz des Themas nicht mehr vorbei kamen.

Schlussendlich wurden so auch hochrangige Unternehmer und Politiker legitimiert, eine Handlung vor einer Kamera und der Netzöffentlichkeit zu vollziehen, die sie sicher noch kurz vorher unter Androhung von Strafe von sich gewiesen hätten. Wie mittlerweile die ganze Welt erfasst wurde, zeigt diese Grafik sehr eindrucksvoll.

 

Shareability

Zugleich erfüllen die Videos ganz im Sinn von YouTube das Merkmal der sogenannten Shareability: Sie sind kurz, bisweilen lustig, zeigen eine ungewöhnliche Handlung, appellieren zugleich an unsere Gefühle und sind mit einem call to action verbunden. Das reicht aus, um bei vielen Nutzern den Reflex des Teilens und Empfehlens auszulösen. Die so genannte Challenge ist so in sehr kurzer Zeit zum Meme geworden, ist mutiert, hat sich verselbständigt und eine eigene Richtung genommen, die nur noch begrenzt mit der Ursprungsidee zu tun hat.

Vielleicht ist #icebucketchallenge bezogen auf das Thema ALS auch längst ins Gegenteil gekippt – und irgendwie aus dem Ruder gelaufen, weil es zu gut auf die Netzwerkmechanismen aufsetzt (und das, was laut Peter Kruse in den Netzen resonanzfähig ist). Jedenfalls ist der Netzwerkeffekt erstmalig in der Elite der Gesellschaft angekommen und damit ein Beleg, dass nun auch diese Schichten “mit drin hängen”, bzw. sich nicht mehr entziehen wollen oder können, wenn im Netz ein Meme die Runde macht. Es ist nach meiner Kenntnis nach Kony 2012 erst der zweite Fall einer derartigen Aufschaukelung.

Hoffentlich bleibt es bei den guten Zwecken, hier gibt es ein wahrlich unerschöpfliches Betätigungsfeld: Man stelle sich vor, diese Art der Solidarität würde für Frieden in Gaza oder in der Ukraine genutzt. Auf sozialpsychologische Studien bin ich gespannt.
 
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