Schau mal

Wir schreiben über persönlichste Dinge, messen und veröffentlichen unsere Körperwerte und halten unsere Großartigkeit auf Selfies fest. Das selbst optimierte Leben stellen wir dann ins Schaufenster.

Als es noch kein Internet gab, machte jeder so rum. Manche hatten schon damals den Verdacht, dass eines Tages ein TV-Team reinschneit und einfach die Wohnung, die Klamotten und den Wagen abfilmt. Also legte man sich eine gediegene Wohnung zu, klebte eine hübsche Freundin rein, mähte den Rasen und wartete auf die mediale Öffentlichkeit. Von Zeit zu Zeit lud man Bekannte und Verwandte ein, um das blitzblank polierte Leben bestaunen zu lassen. Verwundert schaute man dann in den grellen Blitz der Schwiegermutterkamera. Das ist heute anders.

Heute strengt man sich vier Mal so viel an und erweckt dabei immer den Eindruck, als wäre alles ganz natürlich aus dem Schaum des Alltags gekrochen, wie der Schimmel an den Fugen unter der Dusche. Das selbstverständliche Normale wird gehegt und gepflegt und nach langem Richten und Ordnen mit einem kleinen Schubser ins Zufällige bugsiert. Jedes Selfie entlarvt Stunden vorm Spiegel, auch und gerade, wenn zwei Strähnen schief in den Himmel stehen. Ein bisschen Orkan hat ja jeder im Flur abbekommen. Und … action!

Analog funktioniert die Biographiearbeit. Ob Journalist, Arzt oder Tischler, alle dokumentieren ihr Leben als Celebrity: Ich in der U-Bahn. Ich mit Freund(in) am See. Ich mit Mütze am Fahrrad. Ich mit Leben und Himmel drüber. Dann kommen die Kinder. Zuerst bei Feiern, dann beim Urlaub, dann beim Erfolg im Schwimmbad, auf dem Fußballplatz oder gar auf dem Podest neben verschämten, aber stolzen fremden Kindern. Oma und Opa wollen das so. Wenn sie schon nicht zum Babysitten kommen können, wegen der Entfernung.

Überhaupt. Wir sind jetzt alle ein globales Dorf. Jeder lebt ohne Wurzeln vom Bordstein einer beliebigen dreckigen, lauten Großstadt direkt in den Mund der Familie. Manche in der Vorstadt. Also bietet man nach der Scheidung auch den gemeinsamen Traum in der Neubausiedlung den Facebook-Freunden an. Staunen und Neid sind erwünscht, aber dürfen nicht explizit werden.

Die Zeitungen wundern sich noch immer, warum die Menschen die tägliche Dosis Neuigkeiten lieber dem Freundeskreis entnehmen. Eines Tages wird sogar den Wissenschaftlern klar werden, was Relevanz und Qualität ist. Bis dahin werden noch viele Journalisten, Kameraleute und Fotografen umschulen.

Eine gute Alternative wäre sicher Biographieberater. Dann wird der Spannungsbogen besonders trickreich, wenn man sich mit sechzig Jahren von Facebook das eigene, bebilderte Leben ausdrucken lässt. In Leinen. Mit einer Widmung von Gott selbst: War nett mit Dir. Der Knopfgießer kommt in ein paar Jahren.

Hoffentlich hat irgendeiner einen großen Tisch, wo all die spannungsgeladenen, hübschen Lebenswege zur Geltung kommen.
 
Crosspost von multiasking.net