Wird Amazon von einigen Großlieferanten gedisst?

| 24.07.2014 | 5 Kommentare

Es sieht aus, als stieße Amazons Einkaufspolitik nicht nur beim Buchhandel auf Widerstand.

Amazon gehört ja angeblich zu den größten Online-Kaufhäusern der Welt. Und weil diese Legende in den letzten Jahren so ordentlich gestrickt wurde (und vielleicht sogar stimmt), denkt man oberflächlich, jeder Produkthersteller müsse sich darum reißen, seine Produkte bei Amazon listen zu lassen. Wir wissen freilich aus der Verlagsbranche, dass diese alles andere als glücklich ist. Und mich beschleicht der Verdacht, dass auch andere Branchen gegen den Onlinehändler agieren, allerdings nicht so öffentlichkeitswirksam.

Mir ist in der Vergangenheit sporadisch aufgefallen, dass bestimmte, auch populäre Produkte bei Amazon kurz nach ihrer Markteinführung nicht erhältlich waren. Da mir dafür die Beispiele fehlten, freue ich mich (und ärgere mich gleichzeitig), dass ich jetzt einen aktuellen Fall selbst erlebe. Es handelt sich um eine Digitalkamera von Sony, die sich nach den Angaben von Amazon seit dem 6. Mai dort im Angebot befindet.

Die Kamera wird bei Amazon sowohl direkt von Amazon verkauft als auch über diverse Händler vertrieben. War sie zunächst nur vorbestellbar, konnten diverse Händler sie seit ca. 6 Wochen auch liefern.

Am vergangenen Sonntag waren es drei Händler. Da einige dieser Händler mir nicht bekannt waren oder das Produkte mit z.T. hohen Versandkosten aus dem Ausland lieferten und ein Händler sogar deutlich über der Sony Preisempfehlung lag, bestellte ich dort nicht. Da ich keine Eile habe, dachte ich, werde die Kamera, die ich ohne Objektiv wollte, bald auch bei Amazon erhältlich sein. Ich bestellte sie vor über drei Woche trotz des Hinweises
 

“Dieser Artikel ist noch nicht erschienen. Sie können ihn jedoch vorbestellen und wir verschicken ihn, sobald er verfügbar ist.”

 
Mittlerweile ist die Version ohne Objektiv laut Idealo bei den meisten Händlern auch kurzfristig lieferbar. Und auch auf der Amazon-Plattform zeigen alle Händler mit Ausnahme von Amazon selbst an “Auf Lager”. Nur Amazon erhält offensichtlich keine Lieferung. Hier ist nur die Version mit Objektiv lieferbar.

Was ist da also los bei Amazon? Wird der Handelsriese von Sonys Distributoren ausgegrenzt? Offensichtlich wird das Objekt der Begierde noch nicht in ausreichender Stückzahl produziert und zumindest nicht nach Deutschland geliefert. Und die Großhändler geben offenbar anderen Händlern den Vorzug.

Klar, bekannt ist, dass einige Großverlage Stress mit dem Onlinekaufhaus haben, weil die Einkaufsbedingungen und geforderten Rabatte für Bücher aus Sicht der Verlage unterirdisch sind. Deutsche Verleger werfen Amazon sogar Erpressung vor, weil der Preis für E-Books gesenkt werden soll.

Amazon bezeichnet sich zwar selbst als offiziellen Sony Deutschland-Partner. Viel scheint man aber trotz beinharter Lieferbedingungen auf diese Partnerschaft bei Sony nicht zu geben. Der Online-Kiosk drückt sicher auch bei anderen Produkten erheblich die Preise.

Produkte, bei denen die aktuelle Nachfrage selbst im Vergleich zu der ohnehin teuren “unverbindlichen Preisempfehlung” das Angebot noch übersteigt, lassen sich da besser über verschiedene Händler absetzen, die einen höheren Einkaufspreis zahlen als Amazon. Es ist also ein nachvollziehbarer Schachzug, dass Sony bzw. seine Großhändler Amazon erst dann beliefern, wenn genügend Ware verfügbar ist.

Vielleicht verbirgt sich hinter dieser Auslieferungsverzögerung ja auch tatsächlich nur ein Streit mit den deutschen Großhändlern, denn bei Amazon UK ist die Kamera ohne Einschränkungen lieferbar. Berichte über Streitereien zwischen Amazon und seinen Distributoren aus dem Nichtverlagssektor habe ich keine gefunden (über einen Hinweis freue ich mich). Es sieht aber so aus, als hätten nicht nur die Verlage Probleme mit der Einkaufspolitik des Onlineriesen.
 
Crosspost vom Blick Log