Flug MH17 – Abschuss der Boeing 777 der Malaysia Airlines in der Ukraine

Wer hat in der selbst ernannten «Volksrepublik Donetzk» ein Flugabwehrraketen-System, und wer könnte hinter dem Abschuss stecken? Eine Indiziensuche.

Malaysia Airlines-Flug MH17 stürzte in der Ost-Ukraine ab, vermutlich abgeschossen mit einem Flugabwehrraketen-System vom Typ BUK. Von den 283 Passagieren und 15 Crew-Mitgliedern hat keiner überlebt.
 

Buk-M1-2 SAM system. 9A310M1-2 self-propelled launcher. MAKS, Zhukovskiy, 2005, Foto: Ajvol/Wikipedia, Public Domain

Buk-M1, Foto: Ajvol/Wikipedia, Public Domain

Am Morgen nach dem Absturz von Flug MH17 sind viele Fragen offen – eines scheint aber klar: Für den Abschuss eines Linienflugzeugs auf 10’000 Meter Reiseflughöhe gibt es in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» nur eine Waffe: Das Flugabwehrraketen-System BUK, dessen modernste Version als SA-17 Grizzly bekannt ist.

Seit 1980 ist das BUK-System (russisch für «Buche») in den Streitkräften der Sowjetunion und ab 1991 deren Folgestaaten im Einsatz. Russland verfügt über 250 BUK, die Ukraine über 60 dieser auf gepanzerten Fahrzeugen montierten Flugabwehrraketen-Systeme. Das BUK-System wird zur Abwehr von Kampfflugzeugen, Hubschraubern sowie Marschflugkörpern eingesetzt.

Für den Einsatz des Flugabwehrraketen-System BUK braucht es mindestens drei Fahrzeuge: Ein Suchradar, ein Kommandofahrzeug sowie ein Transportfahrzeug als mobile Raketenstart-Rampe für die Lenkwaffen und für den Feuerleit-Radar. In nur fünf Minuten kann das BUK an jedem beliebigen Ort in Startbereitschaft gebracht werden. Die Reaktionszeit von der Zielerfassung bis zum Abfeuern der Rakete beträgt 22 Sekunden.

Der Feuerleit-Radar «bestrahlt» dabei das Ziel, und die Rakete folgt den vom Flugzeug reflektierten Mikrowellen. Die Raketen des BUK-Systems tragen einen 70 Kilogramm schweren Fragmentations-Gefechtskopf, der wenige Meter vor dem Flugzeug von einem Radar-Näherungszünder ausgelöst wird. Das Flugzeug wird von den Fragmenten durchlöchert und stürzt ab.

 

Die ukrainische Armee hat im Donezk kein Flugabwehrraketen-System BUK

Die (pro-)russischen Separatisten in der selbst ernannten «Volksrepublik Donezk» haben keine Flugzeuge. Deshalb hat die ukrainische Armee gemäss Einschätzung von Militärexperten in der Krisenregion Donezk kein Flugabwehrraketen-System BUK im Einsatz.

Da ein solches Flugabwehrraketen-System mindestens drei grosse und auffällige Fahrzeuge braucht, hätten es pro-russische Sympathisanten sicher bemerkt und mit Fotos und Videos dokumentiert.

 

(Pro-)russische Truppen eroberten ein Flugabwehrraketen-System BUK

Am 29. Juni eroberten (pro-)russische Separatisten die ukrainische Militärbasis A-1402. Dabei erbeuteten sie ein Flugabwehrraketen-System BUK und ein mobiles Radarsystem vom Typ KUPOL (russisch «Kuppel»), das Ziele in einem Radius von 160 Kilometern orten kann.

Dies berichteten staatliche russische Medien wie die Nachrichtenagentur ITAR-TASS und das Auslands-Radio «Stimme Russlands» am gleichen Tag. Die Meldungen sind heute noch im russischen Internet zu lesen.
 

Voice of Russia-Bericht, Screenshot: Jürg Vollmer

 
Auch der Twitter-Account der «Volksrepublik Donezk» berichtet stolz von der Beute. Dieser Tweet wurde sofort gelöscht, nachdem sich herausstellte, dass die abgeschossene Maschine eine zivile Boeing 777 ist, wir konnten den Tweet aber mit Screenshots sichern.
 

Tweet vom Twitter-Account der «Volksrepublik Donezk», Screenshot: Jürg Vollmer

 
Nur wenige Stunden vor dem Abschuss von Flug MH17 beobachteten wiederum Anwohner in den Kleinstädten Tores und Snischnoe dieses Flugabwehrraketen-System und dokumentierten es mit Fotos und Videos. Tores und Snischnoe liegen nur 10 Kilometer vom späteren Absturzort entfernt.
 

Anwohner in den Kleinstädten Tores und Snischnoe haben das Flugabwehrraketen-System fotografiert, Screenshot: Jürg Vollmer

 

Der Absturz von Flug MH17

Flug MH17 war unterwegs von Amsterdam nach Kuala Lumpur in einer Reiseflughöhe von 10’000 Meter. Um 16.19 Uhr Lokalzeit verschwindet die Maschine über der Ost-Ukraine vom Radar. Minuten später fallen Trümmerteile über die Bauernhöfe beim Dorf Grabowe, rund 50 Kilometer westlich der russischen Grenze.

Bauern und Landarbeiter sind die ersten Augenzeugen, welche zur Absturzstelle eilen. Sie finden zum Teil riesige Trümmerteile, Gepäckstücke, Reisedokumente – und die Leichen der Passagiere und Besatzungsmitglieder.

 

Separatisten vermelden den Abschuss eines Flugzeugs

Seit Tagen toben in dieser abgelegenen Region besonders schwere Kämpfe zwischen (pro-)russischen Separatisten und der ukrainischen Armee. Besonders umkämpft ist das Städtchen Snischnoe, ein Nachbarort von Tores, Jenakijewo, Rassypnoje – und der Absturzstelle im Dorf Grabowe. Die Gemeinden liegen jeweils keine zehn Kilometer voneinander entfernt.

Schon Minuten nach dem Absturz meldet das Kreml-nahe Webportal «Lifenews» stolz den Abschuss eines Militärflugzeugs: Die Separatisten hätten eine ukrainische Maschine des Typs AN-26 «um 16.30 Uhr Lokalzeit in der Nähe des Dorfes Rassypnoje abgeschossen».

Wenige Minuten später meldet sich im «russischen Facebook» Vkontakte auch der lokale Kommandant der (pro-)russische Separatisten. Igor Girkin (bekannt unter dem Kampfnamen «Strelkow») ist Oberst des Aufklärungsdienstes GRU des russischen Generalstabs.

Als Igor Strelkow hat er in Vkontakte 130’000 Follower, die um 16.50 Uhr Lokalzeit lesen können:
 

«Gerade haben wir ein AN-26-Flugzeug abgeschossen. Die Trümmer liegen irgendwo hinter dem Kohleschacht Progress herum. Wir haben doch gewarnt: Fliegt nicht durch unseren Himmel.»

 
Strelkow veröffentlicht auch zwei Videos: «Schön, die Menschen freuen sich», sagt der russische Kameramann im Off, der davon ausgeht, dass ein ukrainisches Transportflugzeug vom Typ Antonow AN-26 abgeschossen wurde.
 

Der Kameramann von Igor Girkin («Strelkow») kommentiert den Abschuss um 16.50 Uhr Lokalzeit auf Vkontakte, Screenshot: Jürg Vollmer

 
Kurz darauf stellt sich heraus, dass die abgeschossene Maschine keine ukrainische AN-26 ist, also kein militärisches Transportflugzeug, sondern eine zivile Boeing 777. «Lifenews» und Igor Strelkow löschten ihre Meldungen und Videos sofort, wir konnten sie aber mit Screenshots sichern.
 

Screenshot des gelöschten Tweets von «Strelkow», Screenshot: Jürg Vollmer

 
Heute morgen sind im russischen Internet aber noch die Meldungen der staatlichen russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti und des Kreml-nahen Propagandasenders «ANNA News» zu finden, die beide vom Abschuss einer ukrainischen AN-26 berichten.
 

Meldung des Propagandasenders «ANNA News», Screenshot: Jürg Vollmer

 

Meldung von RIA Novosti, Screenshot: Jürg Vollmer

 

Telefongespräche der (pro-)russischen Separatisten

Wenige Stunden nach dem Absturz veröffentlicht die ukrainische Regierung ein Video mit dem Mitschnitt von Telefongesprächen der (pro-)russischen Separatisten über das abgeschossene Flugzeug.

Im ersten Telefongespräch hört man den selbst ernannten «Oberstleutnant» Igor Bezler, der 2012 von der Stadt Horliwka wegen Korruption entlassen wurde und danach als lokaler «Mafiaboss» Karriere machte. Um 16.40 Uhr Lokalzeit berichtete Igor Bezler seinem Vorgesetzten, Wassilij Geranin, Oberst des Aufklärungsdienstes GRU des russischen Generalstabs:

  • Bezler: «Eben hat man ein Flugzeug abgeschossen. Die Gruppe von «Miner». Die Maschine ist hinter Jenakijewo abgestürzt».
  • Geranin: «Piloten, wo sind Piloten?»
  • Bezler: «Wir sind unterwegs, das abgeschossene Flugzeug zu fotografieren.»
  • Geranin: «Wie viel Minuten sind seit dem Abschuss vergangen?»
  • Bezler: «Ungefähr 30 Minuten.»

Nachdem die (pro-)russischen Separatisten den Absturzort untersucht hatte, stellten sie in einem zweiten abgehörten Telefongespräch fest, dass sie ein ziviles Flugzeug abgeschossen haben:

  • Grek (wahrscheinlich Igor Girkin aka Strelkow): «Ja, Major.»
  • Major: «Es ist so, dass die von der Strassensperre Tschernuchino geschossen haben. Die Kosaken, die bei Tschernuchino stehen. Das Flugzeug fiel in der Luft auseinander, die Trümmerteile fielen bei der Kohlengrube Petropawlowskaja runter. Wir haben einen ersten Toten entdeckt, er trägt Zivilkleidung.»
  • Grek: «Und, wie sieht es bei euch aus?»
  • Major: «Kurz gefasst, es ist eindeutig ein Zivilflugzeug.»
  • Grek: «Gibt es viele Zuschauer dort?»
  • Major: «Scheissviele! Die Bruchstücke fielen einfach auf die Bauernhöfe hier runter.»
  • Grek: «Welcher Flug?»
  • Major: «Konnte ich bis jetzt nicht klären. Ich war noch nicht beim Haupt-Trümmerteil. Ich bin jetzt dort, wo die ersten Leichen hingefallen sind. Dort sind Reste von Flugzeugsesseln und Konsolen. Und viele Leichen.»
  • Grek: «Gibt es irgendwelche Waffen?»
  • Major: «Überhaupt nichts. Nur zivile Dinge wie Medikamente, Handtücher und Toilettenpapier.»
  • Grek: «Gibt es irgendwelche Dokumente?»
  • Major: «Ja, Den Ausweis eines Studenten aus Indonesien. Aus der Tompson-Universität.»

Im dritten abgehörten Telefongespräch vermutet ein (pro-)russischer Separatist, das zivile Flugzeug habe «Spione» transportiert:

  • Milizionär: «Dieses Flugzeug, das bei Snischnoe oder Tores abgeschossen wurde; es hat sich herausgestellt, dass es eine Passagiermaschine war. Es kam ausserhalb von Grabowe runter. Da sind viele Leichen von Frauen und Kindern. Die Kosaken sind dort und schauen sich das an.»
  • Milizionär: «Am Fernsehen sagen sie, es sei eine ukrainische AN-26, eine Transportmaschine. Aber der Schriftzug ist ‹Malaysian Airlines›. Was machte es über dem Gebiet der Ukraine?»
  • Kositzyn: «Na, dann hat es Spione gebracht. Warum zur Hölle sind die hier geflogen? Hier ist Krieg.»

 

Wohin führt die Indiziensuche?

Die im russischen Internet gesammelten Indizien sprechen am Morgen nach dem Absturz von Flug MH17 dafür, dass es einen logistischen, geografischen und chronologischen Zusammenhang gibt zwischen dem vermeintlichen Abschuss des ukrainischen Transportflugzeugs vom Typ Antonow AN-26 und dem realen Abschuss von Flug MH17.

Möglich, dass die (pro-)russischen Separatisten die zivile Boeing 777 für eine militärisches Transportflugzeug hielten. Dazu muss man aber schon halb blind sein: Die Antonow AN-26 ist nur 24 Meter lang mit einer Flügelspannweite von 29 Meter, während die Boeing 777 rund 64 Meter lang ist mit einer Flügelspannweite von 61 Meter.

Zudem haben diese Flugzeuge völlig unterschiedliche Radar-Kennungen, und eine AN-26 kann mit maximal 8400 Meter Dienstgipfelhöhe nie so hoch fliegen wie die Boeing 777 mit über 10’000 Meter Reiseflughöhe. Was auch immer der Grund für den Abschuss von Flug MH17 war – für die Angehörigen der 283 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder ist er eine Tragödie.
 
Mit freundlicher Genehmigung von Jürg Vollmer