Nach Murdoch-Angebot: Wer übernimmt Time Warner?

Das Rennen um die Übernahme ist eröffnet. Wird ein Internetkonzern über die Ziellinie gehen?

Gestern wurde bekannt, dass Rupert Murdochs Medienkonzern 21st Century Fox den Konkurrenten Time Warner für 80 Mrd. US-Dollar übernehmen will. Obwohl das am 24. Juni eingereichte Angebot bereits am 8. Juli formal abgelehnt wurde, gilt das Wettbieten für Time Warner nun als offiziell eröffnet.

Sollte Murdoch doch noch – etwa im Zuge eines verbesserten Angebots von 100 US-Dollar pro Aktie – den Zuschlag erhalten, würde es sich um die größte Übernahme der letzten zehn Jahre handeln. Ein kombiniertes 21st Century Fox/Time Warner-Konglomerat würde mit einem jährlichen Umsatz von geschätzt knapp 65 Milliarden US-Dollar Google als zweitgrößten Medienkonzern der Welt überholen und prestigeträchtige Marken, Sender und Produktionsfirmen wie Fox Broadcasting, Fox News, Twentieth Century Fox, Shine/Endemol/Core Media mit Warner Bros., DC Comics, HBO, TNT und Cartoon Network vereinen.

Allein im Kinomarkt würde 20th Century Fox/Warner auf 37 Prozent der in den USA verkauften Kinokarten kommen. Eine ähnlich dominante Position hätte es im TV-Bereich, der durch das Aereo-Urteil des US-Supreme Court kürzlich entschieden gestärkt wurde.

Kein Inhalt des Deals soll hingegen der Nachrichtensender CNN sein, da 21st Century Fox mit Fox News bereits über einen 24-Stunden-News-Kanal verfügt. Eine mögliche Ausgliederung von CNN hat wiederum andere Interessenten wie ABC oder CBS auf den Plan gerufen.

Murdochs Angebot ist vor allem als Reaktion auf die noch vor Jahren für unvorstellbar gehaltene Konsolidierung des US-Medien- und Kabelmarktes zu verstehen. Im Jahr der Mega-Fusionen zählen Größe und die Kontrolle zahlreicher, wertvoller Inhalte mehr denn je.

Zudem haben Internetkonzerne wie Google, Yahoo, Netflix und Amazon damit begonnen, massiv in qualitativ hochwertige Videoinhalte zu investieren und die traditionellen Medienkonzerne unter Druck gesetzt – und gelten nun sogar als mögliche weitere Interessenten an der Übernahme von Time Warner.

CEO Jeffrey Bewkes hat eine Übernahme seines Unternehmens zwar in einer Videobotschaft an seine Belegschaft ausgeschlossen. Für New York Times-Journalist Andrew Ross Sorkin, der die Story als Erster veröffentlicht hat, ist jedoch klar: “this was only the beginning of a dance“.

Die Redaktion von mediadb.eu stellt die momentan aussichtsreichsten Akteure und ihre möglichen Motive in der kommenden, wohl größten Übernahmeschlacht der jüngeren Mediengeschichte vor:

 

21st Century Fox

Murdoch verfolgt mit der Übernahme von Time Warner wohl vor allem zwei Ziele: die Dominanz im TV-Sportsektor zu erreichen, sowie die Kanäle und Outlets für die von 21st Century und Fox produzierten Filme und Serien zu vermehren. Durch die Kontrolle von Time Warner würde Fox seine Sport-Übertragungsrechte um NBA- und College-Basketball sowie Major League Baseball erweitern – und damit zum Marktführer, Walt Disneys Sports-Network ESPN, aufschließen.

Zudem hat Murdoch bereits seit geraumer Zeit ein Auge auf Premium-Subscription TV geworfen, insbesondere auf Time Warners Flaggschiff HBO. Die Zusammenführung der Produktionsfirmen 20th Century Fox, Warner (die beide jeweils zumindest formal eigenständig bleiben sollen), Fox und Turner Broadcasting würde dem kombinierten Unternehmen Kosteneinsparungen von einer Milliarde US-Dollar bescheren.

 

Time Warner

CEO Bewkes betonte in seiner offiziellen Ablehnung des Murdoch-Angebotes, dass es für Time Warner weitaus profitabler sei, ein eigenständiges Unternehmen zu bleiben. Bewkes hat seit 2008 den Medienkonzern Time Warner, der bis dahin über eine Zeitschriften, Kabel- und Internetsparte verfügte, in ein reines TV- und Film-Unternehmen transformiert. Die desaströs defizitäre Magazinsparte Time Inc. wurde vergangenes Jahr ausgegliedert und hat den Konzern gerade deshalb zu einem so lukrativen Übernahmekandidaten gemacht

Time Warners Aktienkurs hat sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht. Die Time Warner-Aktionäre zeigen sich momentan noch zögerlich, da Murdoch in seinem ersten Angebot sie mit nicht-stimmberechtigten Aktien bezahlen wollte und sie damit effektiv im Rahmen des neuen Unternehmens entmachten würde. Wenn Murdoch jedoch über seinen Schatten springt und die Aktionärsstruktur von 21st Century Fox/Time Warner demokratisierte, könnte dies die Übernahme erleichtern. Ebenfalls dafür spricht, dass viele der Fox-Investoren auch bei Time Warner an Bord sind, wie etwa Wellington Capital oder T. Rowe Price.

 

Google

Investmentbankerin Laura Martin äußerte jüngst, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein Onlineunternehmen einen klassischen Medienkonzern übernehmen wird. Google, über dessen Interesse an Time Warner bereits seit geraumer Zeit spekuliert wird, könnte dieses Onlineunternehmen sein.

Der Vorteil von Time Warner besteht für Google darin, dass Time Warner im Gegensatz zu Fox oder Walt Disney vergleichsweise günstig zu haben wäre und nicht von einer einflussreichen Familie kontrolliert wird. Google-Gründer Larry Page lehnt zwar das TV-Geschäftsmodell ab – also die Lizenzierung, Produktion und den Vertrieb von TV-Inhalten –, bei einem kompletten Rechtepaket, wie es Time Warner verfügt, könnte er jedoch nach Informationen von Insidern seine Meinung ändern. Googles Interesse an den kompletten, exklusiven Übertragungsrechten der Football-Liga NFL im vergangenen Jahr ist dafür ein starkes Indiz.

 

Apple

Bis vor kurzem wäre niemand auf die Idee gekommen, Apple in die Nähe von Technologiefirmen zu rücken, die Interesse an eigenen Medieninhalten haben. Die Übernahme der Kopfhörer-Firma Beats samt deren Musik-Streaming-Portal legt jedoch nahe, dass sich die Apple-Verantwortlichen seit dem Tod von Gründer Steve Jobs Gedanken über die zukünftige Ausrichtung des Unternehmens gemacht haben. Die Beats-Übernahme war mit drei Milliarden US-Dollar zwar die teuerste der Unternehmensgeschichte, der Konzern verfügt jedoch wie Google über enorme Cash-Reserven, um die Übernahme von Time Warner stemmen zu können.
 
Crosspost von mediadb.eu