Über den Rohstoff Empörung

Warum es ein Irrtum ist, zu glauben, die Empörung sei heute mehr wert, als sie früher war

Früher war das anders mit der politischen Empörung. Früher hätte niemand vermutet, dass Empörung allein etwas ausrichten könnte. Sie war reserviert für das gemeinsame Abendessen, für die Fahrstuhlfahrt, für die Zigarettenpause, für die Tagesschau. Hin und wieder musste man halt mal den Fernseher beschimpfen.

Die Empörung war nichts als ein kleiner Bestandteil politischer Meinungsbildung; sie hatte den Charakter eines Rohstoffs, der allein zur Fertigung politischen Wandels nie ausgereicht hätte, ebensowenig, wie Mehl ausreicht, um einen Kuchen zu backen, oder Rohöl ausreicht, um von Paderborn nach Kassel zu fahren. Ein paar weitere Elemente braucht es schon, damit eine Schwarzwälder Kirschtorte oder eine feine Autofahrt daraus werden.

Heute führen wir uns gegenseitig darüber in die Irre, das habe sich geändert. Heute wird Empörung als vermeintliche Waffe mit sich herumgetragen, wir digitalisieren sie einander auf die tragbaren Endgeräte. Dort hat sie eine neue Darreichungsform erhalten.

Heute findet Empörung in einer Art Halböffentlichkeit statt.

In den begrenzten und zugleich offenen Zirkeln der sozialen Netzwerke und Webplattformen lässt sich mit Empörung so trefflich um sich schleudern, dass die irrige Vermutung entstehen kann, die Äußerung derselben für sich genommen sei schon der bewegende, verändernde politische Akt. Habe ich auf Facebook erst der Halböffentlichkeit gezeigt, wo der Hammer hängt, wie die Aktien stehen, wie der Hase läuft, habe ich mich als politisch engagierter Staatsbürger gezeigt, habe das Meine getan, habe: Druck gemacht.

Und so verwenden wir immer mehr Energie darauf, Empörung digital zu ventilieren — in der vielleicht tiefer als vermutet sitzenden Annahme, damit würden wir mehr verändern können als früher, als wir uns nur so vor uns hin empört haben.

Das ist ein Irrtum.

Empörung per se ist kaum etwas wert. Selbst dann, wenn sie ins Internet gespeichert wird. Empörung ist nichts als eine Gefühlswallung, gerichtet auf ein Thema. Aber sie bringt nichts, wenn sie nicht mit Taten einhergeht.

Das war schon immer so, und das wird sich auch nicht ändern. Deswegen werden wir weiterhin auf die Straße gehen, mit unseren Abgeordneten reden, Initiativen mit anderen Menschen starten, und vor allem: selbst konstruktiv an besseren Ideen und Lösungen arbeiten müssen, damit sich die Dinge ändern, die sich ändern müssen.

Wenn Angela Merkel nichts anderes als Empörung hinbekommt, dann finden wir das lächerlich. Wir erwarten von ihr stattdessen, dass sie Dinge tut.

Nicht anders ist es aber bei uns selbst. Auch, wenn wir nicht gerade zufällig die mächtigste Frau der Welt sind, haben wir die Pflicht, unseren Rohstoff Empörung für wirklichen Wandel einzusetzen. Anstatt ihn damit zu verwechseln.
 
Crosspost von OMNIPOLIS