Wulff-Buch: Jagdszenen einer politischen Karriere

Beachtet zu werden, ist unausweichlich damit verbunden, beobachtet zu werden. Sein Buch und die Pressekonferenz, in der Christian Wulff es vorstellt, rücken dieses Doppelgesicht der Öffentlichkeit in grelles Licht.

Diese Inszenierung, auf der einen Seite die Medien als der tapfere weiße Ritter der Aufklärung, auf der anderen Seite der schnorrende schwarze Fürst Christian I. und seine schöne junge, vielleicht verruchte Gattin, war schon während der Aufführung in der Saison 2011/12 der pure Kitsch. Aus der Distanz von zwei Jahren fragt man sich verwundert, wie diese Aufführung so viel Beifall finden, sogar Journalistenpreise ernten konnte.

Christian Wulff hat jetzt eine Fortsetzung in Buchform veröffentlicht. Darin erhebt sich der Fürst aus dem Staub der Arena, um gegen den Medien-Schurken Kai Diekmann für seine Ehre zu kämpfen.

Natürlich war und ist die Bild-Wulff-Affäre nicht einfach Theater. Die Waffen und die Wunden sind echt. Selbst der Cheflektor des Beck-Verlages, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Pressekonferenz moderiert – wenn soviel Aufmerksamkeit winkt, stellt Mann die Pressesprecherin in die zweite Reihe –, ist anschließend sichtlich erleichtert, ungeschoren davongekommen zu sein. Seine Begrüßung ist im Wesentlichen eine Rechtfertigung für das unsensible, peinliche Marketing des Buchtitels „Ganz oben Ganz unten“. Nein, man dürfe das nicht nur ökonomisch sehen, man könne auch mit 200 000 Euro Ehrensold ganz unten sein.

Dass eine Hand die andere wäscht, ein Geldbeutel den anderen füttert, ein Pöstchen das andere befördert, ist ein gewöhnliches Phänomen der Oberschicht. Was soll man dort anderes machen, wie soll man anders vorankommen?

Oberschichten-Akteure sind deshalb keine schlechteren Menschen, sie praktizieren nur den Verhältnissen angepasstes Verhalten. Wer sich nicht dagegen wehrt, wer nicht ganz bewusst nicht mitmacht, ist automatisch dabei. Christian Wulff war voll dabei. Die Funktion eines Skandals ist es, viel Lärm um einen Einzelfall zu veranstalten, damit alle anderen in Ruhe weitermachen können. Dass es gerade ihn getroffen hat, mit diesem Schicksal hadert Wulff.

Schenken Sie Aufmerksamkeit, die kann man nicht umtauschen, heißt ein Bonmot. Man kann Wulffs Buch als einen Jagd-Bericht lesen – „Die Jagd“, „Die letzte Kugel“ heißen zwei Kapitel-Überschriften –, wenn man darunter nicht einfach Verfolgtwerden versteht.

Öffentlichkeit ist keine Hasenjagd. Die Jagd auf Stars und Promis, die der Boulevard-Publizismus täglich betreibt, setzt die Jagd der Stars und Promis nach der Aufmerksamkeit, Beachtung, Bekanntheit voraus. Sie jagen und verfolgen sich gegenseitig, die Promis und der Publizismus. Eine ganze, expandierende Branche, die PR-Branche, lässt sich von Organisationen und Personen für das – unhaltbare – Versprechen bezahlen, Beachtung garantieren und Beobachtung verhindern zu können.

Die Politik leidet unter diesen Jagdverhältnissen in besonderer Weise, weil sie in der demokratischen Pflicht steht, sich beobachten zu lassen.

Das bedeutet auf der einen Seite: Wer gewählt werden und politisch erfolgreich sein will, muss die Öffentlichkeit suchen, nach Medienpräsenz jagen. Auf der anderen Seite hat der Publizismus, der Polit-Stars verfolgt, das grundsätzliche Alibi, gerade seine demokratische Kontrollfunktion auszuüben. Sie erstreckt sich im Kampagnenfall auch auf das Bobbycar eines Präsidentenkindes.
 

„Mit meiner Wahl [zum Bundespräsidenten] am 30. Juni 2010 glaubte ich, dem Medienzirkus entkommen zu sein … Würde ich ab und zu ein Interview geben, hätte ich vor allem darauf zu achten, dass alle Medien gleich behandelt werden. So dachte ich. Mit diesem Missverständnis begann eine fatale Abfolge gegenseitiger Irritationen zwischen dem Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, und mir, die am Ende dazu führte, dass der Chefredakteur seine Leute ausschwärmen ließ.“ (S. 169f.)

 
Der Umstand, dass Politik und Medien sich aus guten demokratischen Gründen gegenseitig brauchen, ist in wechselseitigen Missbrauch umgeschlagen.

Wie diese Instrumentalisierung, dieses rücksichtslose Durchsetzen der eigenen Interessen auf Seiten der Politik aussieht, hat Christoph Hickmann (am 24. Mai in der Süddeutschen Zeitung) am Beispiel von Ursula von der Leyen hervorragend beschrieben. Wie brutal dieser Missbrauch auf Seiten der Medien ausfallen kann, dafür ist und bleibt die Bild-Zeitung der exemplarische Fall.