Die Ikonographie der Schutzweste

| 10.06.2014 | 8 Kommentare

Ein Bild von einer prominent besetzten Ruderpartie, wie nett. Es lässt sich allerdings auch anders lesen.

Dieses Photo hat über Pfingsten Schlagzeilen gemacht. Der schwedische Ministerpräsident Reinfeldt ist in Kontrolle der Ruder. Seine Gäste sind ihm ausgeliefert. Es sind bisher keine Bilder bekannt geworden, die die Gäste dabei zeigen, wie sie in das Ruderboot gelangt sind. Frau Baumann, wenn nicht die Kanzlerin höchstselbst, wird darauf geachtet haben, dass das Verlassen festen Grundes unbeobachtbar bleibt.

Die Botschaft des Photos ist erstaunlich dicht. Ich brauche mit keiner Zeile auf das PR-Ziel einzugehen. Es ist schon in der Sekunde gescheitert, in der die Bootspartie mit stimmungsvollem Phototermin ausgedacht wurde. Wir brauchen deshalb auch nicht auf den vorgeblichen Grund des kleinen schwedischen Gipfels einzugehen. Er wird angesichts dieses Bildes buchstäblich gegenstandslos.

Das Bild des Imbootsitzens gehört zu den abgegriffensten Formeln der politischen Rhetorik. Subtiler wird es dadurch, dass die Gäste der staatlichen Ruderpartie und ihr Bodenpersonal aus den Augen verloren haben, in welcher ikonographischen Tradition das Ineinembootsitzen steht.

Es geht um das Überleben, um Leben und Tod.

Auf diesen Sachverhalt lenken uns die Westen des Staatspersonals an Bord. Nur die Kanzlerin hat darauf geachtet, dass die Weste sich – Ton in Ton – in ihr habitualisiertes Gleichgewicht fügt, wenngleich der Farbton zwischen Oliv, Petrol und Schlamm auf einen Jenseits-Zustand verweist, auf das Ziel einer Tarnung, die in dem Augenblick auffliegt, in dem die Inkongruenzen des Bildes in den Blick gelangen.

Der Schwede führt die Ruder. Der niederländische und der britische Premier halten sich fest, dummerweise auf derselben Seite, ein seltsames Vorzeichen für den Niedergang ihrer beiden seefahrenden Nationen. Völlig im Gleichgewicht mit sich selbst sitzt nur die Kanzlerin da. Sie wendet das Gesicht zum Photographen-Pulk als dem Stellvertreter der politischen Öffentlichkeit.

Damit kommen wir der Bildergeschichte um einen mächtigen Schritt näher.
 

Karl Rössing, "Das Floß der Medusa", Holzschnitt unter Verwendung zweier Bilder von Géricault

Karl Rössing, “Das Floß der Medusa”, Holzschnitt unter Verwendung zweier Bilder von Géricault

 
Leser meiner Blogs kennen den Verweis schon: Klaus Heinrichs Essay über “Das Floß der Medusa”. Das Bild wurde, wie Heinrich erzählt, eines der Nachkriegs-Wiedererkennensbilder. Es wurde erstmals 1945/46 im Foyer des berliner Admiralspalasts gezeigt. Karl Rössing montiert in den Holzschnitt zwei Géricault-Bilder: den Gardejäger und das Floß der Medusa.

Beide Bilder erzählen europäische Grauensgeschichten. In beiden Bildern gelangen das starrende Entsetzen und der rasende Stillstand zu einer Intensität, die jeden Übertragungswiderstand zunichte macht.

Frau Merkel verkörpert in diesem Bild die getarnte Schutzwestenmadonna der nächsten Vorkriegszeit.
 
Crosspost von anlasslos