Supermario kassiert – aber wird das wirken?

| 06.06.2014 | 2 Kommentare

EZB-Präsident Mario Draghi hat erstmals in der Eurozone einen negativen Einlagezins eingeführt - ein Versuch mit ungewissem Ausgang

Spannend. Die EZB wagt das große Experiment: Sie hat alle Zinsen gesenkt. Der Leitzins sinkt von 0,25 auf 0,15%, viel spannender ist aber der Einlagezins, der mit 0,1% nun zum ersten Mal negativ wird.
 

ECB's Mario Draghi discusses latest developments in the eurozone with MEPs, 2013. Foto: EP, CC BY-NC-ND

ECB’s Mario Draghi discusses latest developments in the eurozone with MEPs, 2013. Foto: EP, CC BY-NC-ND

 
Joah, negativer Einlagezins. Die Banken, die ihr Geld bei der EZB parken, bekommen bei Übernachtgeschäften am nächsten Morgen weniger Geld zurück, als sie am Abend bei der EZB geparkt haben. Das macht natürlich keinen Sinn für die Banken, aber das ist ja auch das Ziel. Die Banken sollen das Geld in die Wirtschaft stecken und nicht bei der EZB parken. Die Zentralbank möchte damit eine höhere Kreditvergabe erreichen.

Ob das alles klappt, steht aber auf einem anderen Blatt. Denn es gibt eine Reihe negativer Rückkopplungseffekte, die verhindern könnten, dass selbst ein negativer Einlagezins nicht für mehr Unternehmenskredite sorgt.

 

Mit dem Leitzins sinkt auch der Sparzins

Normale Bankkunden könnten in Zukunft darauf verzichten, Geld bei ihrer Bank oder Sparkasse anzulegen. Dann würde den Banken aber ein Teil des Geldes fehlen, das ihnen ansonsten zur Weiterverleihung an Unternehmen zur Verfügung steht.

Frances Coppola hat auf dieses Problem schon früh hingewiesen. In Dänemark gibt es schon eine Zeitlang negative Zinsen, und dort ist genau dieser negative Effekt eingetreten:

Why Negative Rates Won't Work In The Eurozone, Frances Coppola, Grafik: ©Forbes

Why Negative Rates Won’t Work In The Eurozone, Frances Coppola, Grafik: © Forbes, Screenshot 04.06.14

Man sieht schön, wie ab der senkrechten Strichellinie (Einführung des negativen Zentralbankzinses) die Einlagen bei den Banken sanken und diese auch die Kreditvergabe reduzieren mussten.

Es ist natürlich absolut unklar, wie sich die europäischen Sparer verhalten. Wird der Effekt der Spargeldflucht klein oder groß, oder sogar so groß, dass der ursprünglich beabsichtige Effekt sogar überkompensiert wird?

Sprich: Die Banken verliehen zwar jetzt ehemaliges “EZB-Park-Geld” an Unternehmen, die Sparer zögen aber so große Mengen Geld ab, dass die Banken daraufhin die Kreditvergabe noch stärker wieder einschränken müssten.

 

Die Banken haben Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen

Einer der Gründe, warum Banken so massiv deutsche Staatsanleihen gekauft haben, liegt genau hierin: Für deutsche Staatsanleihen müssen die Banken am wenigsten Eigenkapital “hinterlegen”, weil Bundesanleihen als absolut erstklassig gelten.

Kleinunternehmen in Italien hingegen haben ein deutlich höheres Risiko, und dafür brauchen die Banken pro Kredit deutlich mehr Eigenkapital. Eigenkapital war, ist und bleibt aber bei den Banken knapp. Die Deutsche Bank gibt gerade neue Aktien heraus, um die durch Basel III erhöhten Eigenkapitalrichtlinien zu erfüllen. Die Banken stehen bei der Kreditvergabe also nicht nur auf der Bremse, weil sie nicht wollen, sondern zum Teil auch, weil sie nicht können.

Ich habe daher schon mit Dirk Elsner vom Blick Log darüber diskutiert, ob die EZB nicht etwas an den Richtlinien für die Kreditvergabe an Unternehmen ändern müsste: also einen temporär niedrigeren Sicherheitsabschlag auf Unternehmenskredite verlangen könnte.

Aber es ist – wie bei jeder Maßnahme, die diskutiert wird – sehr, sehr eindeutig, dass hier versucht wird, mit Geld- bzw. Zinspolitik der EZB ein Problem zu lösen, dass viel sinnvoller von der EU, also politisch, gelöst werden sollte. Bei jeder Maßnahme, die die EZB wählt, ergeben sich nämlich Auswirkungen auf die gesamte Eurozone.

Diese ist aber nicht einheitlich, und die gerade gültigen Zinsen sind so gut wie nirgends passend. Für Griechenland sind die Zinsen weiterhin zu hoch, für Deutschland deutlich zu niedrig. In Deutschland gibt es nicht einmal im Ansatz eine Kreditklemme, in Italien oder Griechenland sind mangelnde Kredite für Immobilien oder neue Fabriken aber ein Riesenproblem. Die Politik könnte hier viel zielgenauer eingreifen.

Ein mögliches Mittel wären staatliche Bürgschaften für Investitionen, damit das Risiko für die Banken sinkt. Wenn der Staat für 60 oder 80% einer Investition die Sicherheiten liefert, wäre nur noch ein Bruchteil des Kredits risikoreich, und nur für diesen risikoreichen Teil müsste Eigenkapital hinterlegt werden.

Anders gesagt: Die Banken könnten mit der gleichen Menge Eigenkapital viel mehr Unternehmenskredite bereitstellen. Man würde die Politik also ändern: Von dem Versuch, die Kreditvergabe zu erhöhen, indem man Übernachteinlagen bei der EZB bestraft, könnte man zu einem Belohnungsmodell wechseln, über das die Kreditvergabe an Unternehmen gefördert wird, indem der Staat Bürgschaften vergibt und das Risiko der Banken senkt.

Aber nun gut, die europäische Politik kommt schon seit fünf Jahren nicht aus dem Kraut und lässt die Notenbank die Drecksarbeit machen.

Es kann übrigens auch gut sein, dass die EZB die oben geschilderten Effekte gar nicht so wichtig findet, sondern vorrangig den Euro schwächen will. Denn ein schwacher Euro würde zuverlässig für mehr Inflation sorgen, was ein probates Mittel gegen die drohende Deflation wäre, und die europäische Wirtschaft auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger machen.
 

Wen das Thema interessiert: Am 5. gab es zu diesem Thema einen Ökonomen-Hangout mit dem  Wirtschaftswurm Arne Kuster und Eric Bonse.

 

Zusätzliche Liquidität für Banken – aber nicht einfach so

Die EZB hat auch die oben angesprochenen Richtlinien geändert. Allerdings auf eine etwas komische Art: Sie EZB hat eine neue, sehr langfristige Geldspritze geschaffen, ähnlich den “Dicken Bertas” der Vergangenheit.

Die EZB stellt den Banken also Extraliquidität zur Verfügung. Das Programm heißt dieses Mal targeted longer-term refinancing operations, TLTRO, neu ist das “T” für targeted. Darunter versteht die EZB, dass die Banken dieses Geld nur bekommen, wenn es a) nicht in den Finanzsektor geht, und b) nicht für private Immobilienverkäufe verwendet wird.

Das Ziel ist klar: Das Geld soll in der Wirtschaft landen. Mal schauen, ob das funktioniert …
 

Crosspost von egghat · Die wunderbare Welt der Wirtschaft