Wozu braucht es noch Bibliotheken?

| 05.06.2014 | 6 Kommentare

Die Debatte über den richtigen Umgang mit den Chancen und Störpotentialen der Digitalisierung ist in vollem Gang – und sie macht auch vor Bibliotheken nicht halt.

Bis vor kurzem galt das ernüchternde Diktum des US-amerikanischen Investors Peter Thiel, „We wanted flying cars, instead we got 140 characters.“ Der PayPal-Gründer und venture capitalist bezog sich auf die Science-Fiction-Visionen und Technikeuphorie der 1960er und das, was gegen Ende der Nuller-Jahre das Netz zu prägen schien: soziale Medien wie Facebook oder die Microblogging-Plattform Twitter.

In der Tat schien die Digitalisierung lange vor allem die Kreativwirtschaft, die Film-, Musik- oder Journalismusbranche zu betreffen beziehungsweise: aus den Angeln zu heben: Big Data, Google Glass, selbstfahrende Autos und Milliarden im Internet der Dinge vernetzter Geräte.

2014, im Jahr 1 nach der Snowden-Affäre, hat das Tempo spürbar angezogen.

Insofern kommt der globale Trendreport des Weltverbands der Bibliotheken IFLA, „Die Wellen reiten oder von der Flut überrascht werden? Die Herausforderungen eines dynamischen Informationsumfeldes meistern“, der am vergangenen Dienstag auf dem 103. Bibliothekartag in Bremen präsentiert wurde, zur rechten Zeit.

Auch der Anspruch der Autoren, Entwicklungsdynamiken der Digitalisierung und ihre Folgen für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik umfassend zu beleuchten, um sich darauf aufbauend systematisch den Konsequenzen für das Bibliothekswesen widmen zu können, zeugt von Weitsicht. Schließlich stehen wir erst am Anfang grundlegender Umwälzungen.

 

Bibliotheken im Kontext

Die IFLA-Publikation basiert auf den Inputs von Experten und Stakeholdern aus unterschiedlichen Bereichen, die „aktuelle und künftig wahrscheinliche“ Trends im globalen Informationsnetz identifizieren, für die bibliothekarische Fachwelt aufbereiten und so die Basis für eine Diskussion über zukünftige Prioritäten innerhalb der weltweiten Bibliotheksgemeinschaft schaffen sollen.

Eine solch holistische Herangehensweise ist sinnvoll, denn weder Bibliotheken als Institution, noch die Digitalisierung können isoliert betrachtet werden. Vielmehr gilt es, Digitalisierung im Kontext anderer, teils langfristig wirkender Prozesse wie Individualisierung und Globalisierung zu verstehen, also im Kontext der Wechselwirkungen zwischen medialem Wandel, sich verändernden ökonomischen Strukturen und gesellschaftlichen Verhältnissen. Sie ist Spiegel und Treiber gesellschaftlicher Veränderungen und sich verändernder Selbstverständnisse und Erwartungen – auch von Bibliotheksnutzern.

Nicht zuletzt die NSA-Affäre und die aktuelle Debatte um die Dominanz von Google haben dazu geführt, dass neben den enormen Möglichkeiten, die mit diesen Entwicklungen einhergehen, zusehends Fragen nach Risiken und Nebenwirkungen in den Blick rücken.

Einerseits, gewissermaßen auf der Haben-Seite, stehen der erweiterte Zugang zu Informationen und Wissen (Trend 1 im Bericht: „Neue Technologien werden den Zugang zu Informationen einerseits erweitern, andererseits begrenzen“), die Vervielfältigung der Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten und Mitsprache (Trend 4: „Hochvernetzte Gesellschaften werden neuen sozialen Gruppen und Stimmen mehr Gehör verschaffen und sie stärken“), die Optimierung von individuellen Handlungschancen, wie auch volkswirtschaftlicher Effizienz.

Andererseits macht sich ein – wenn auch vielerorts diffuses – Unbehagen über die Folgen der Vernetzung auf den Menschen, über Manipulation, Abhängigkeit und Kontrolle breit.

Neben den Verheißungen, die die Entwicklung des Internets zur zentralen gesellschaftlichen Infrastruktur des 21. Jahrhunderts versprach, steht plötzlich das Orwell’sche Schreckensszenario eines „informationellen Totalitarismus“ (Harald Welzer), dem der formalisierte Datenschutz nichts entgegenzusetzen hat. (Trend 3: „Die Grenzen der Privatsphäre und des Datenschutzes werden neu definiert werden.“)

Das Netz ist eben keine Demokratisierungsmaschine, sondern eine Technologie, die auch für machtpolitische Zwecke, in jedem Fall aber für die Umsetzung wirtschaftlicher Interessen verwendet werden kann. Voraussetzung sind Daten, deren systematische Sammlung und Auswertung zu den Strukturmerkmalen der kommerziellen Nutzung des Internets gehören.

Während globale Datenkonzerne wie Google und Facebook über das Ausspähen ihrer Nutzer (Jaron Lanier zufolge das „offizielle Hauptgeschäft der Informationsökonomie“) längst vollumfänglich über uns Nutzer Bescheid wissen und damit auch individuelles Verhalten vorhersehbar und steuerbar wird, zeichnet sich erst langsam ab, wie sich Amazons Möglichkeiten, Bestell- und Leseverhalten der Kunden zu erfassen und zu beeinflussen, auf die Literaturproduktion auswirken wird.

Die Weltöffentlichkeit wurde in jedem Fall erst mit den Enthüllungen über das systematische Abgreifen von Daten durch staatlich-militärische Einrichtungen gewahr, dass sich die vielbeschworene „Informationsgesellschaft“ faktisch auf dem Weg in eine Überwachungsgesellschaft befindet.

 

Die Unwucht der Verhältnisse

Die Folgen dieser Entwicklungen sind nicht nur ökonomischer Natur. Auf dem Spiel steht nichts Geringeres als die Grundlagen demokratischer Gemeinwesen: das Recht auf Selbstbestimmung, Informations- und Meinungsfreiheit und Privatsphäre.

Die Politik hinkt diesen Entwicklungen naturgemäß hinterher. Die zeitliche Koinzidenz der Finanzkrise ab 2008 mit dem Aufstieg algorithmengetriebener Finanztransaktionen ist kein Zufall: Die Digitalisierung ist Ausdruck und Faktor einer sich potenzierenden Dynamisierung gesellschaftlicher Verhältnisse, die die Handlungsfähigkeit der Politik auf die Probe stellt. Wie im Brennglas spiegeln sich hier die Herausforderungen modernen Regierens. Das Internet lässt die traditionelle Abgrenzung zwischen nationaler und internationaler Sphäre obsolet erscheinen, unterminiert Konzeption und Wirksamkeit staatlicher Souveränität.

Gleichzeitig (Anhänger Colin Crouchs würden hier postdemokratische Tendenzen am Werk sehen) nehmen die Asymmetrien im Kräfteverhältnis zwischen einer chronisch ressourcenschwachen Lobby für Grund- und Verbraucherrechte und der hochprofessionalisierten Interessenvertretung der IT-Giganten stetig zu.

Die Schwierigkeit, Privatsphäre und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung unter den Bedingungen entfesselter Informations- und Überwachungsmärkte mittels des formalisierten Datenschutzes effektiv zu sichern, steht beispielhaft für diese vielschichtige Unwucht der Verhältnisse.

Ähnliches haben wir beim Urheberrecht erlebt, das den Versorgungsauftrag der Bibliotheken unmittelbar tangiert. Und es zeigt sich an der Debatte um Ausleihbedingungen und Lizenzrechte von E-Books in öffentlichen Bibliotheken.

Gleiches gilt aber auch grundsätzlich im Umgang mit den Folgen des digitalen Strukturwandels für die Zukunft von Arbeit und Dienstleistungen. In den 250 Jahren seit der industriellen Revolution galt die Gleichung „Technologischer Fortschritt = Wachstum = Beschäftigung“. Es ist nicht ausgemacht, ob diese auch in Zukunft aufgeht.

Frank Schirrmacher hat die Medien als ersten „Austragungsort“ einer Entwicklung bezeichnet, die absehbar alle Branchen und Gesellschaften betreffen wird. Die Transformation habe in der Kreativwirtschaft begonnen, weil ihre Produkte seit jeher nichts anderes als „Daten“ gewesen seien.

„Jetzt aber verwandelt sich die materielle Welt selbst in Daten und also findet der Übertritt statt: Auto, Haus, menschlicher Körper und, nicht zu vergessen, Cash, anfassbares Geld.“

 

Die Zukunft von Arbeit, Dienstleistungen – und Bibliothekaren

Fortschreitende Vernetzung, Automatisierung und immer intelligentere Algorithmen markieren ein „zweites Maschinenzeitalter“ (Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee), in dem immer komplexere Aufgaben durch hochleistungsfähige Server übernommen werden. Klassische Geschäftsmodelle werden herausgefordert, ganze Industrien erschüttert, etablierte Berufsbilder transformiert oder eliminiert.

Über welche – und wessen – Plattformen diese Prozesse laufen, und wie sie reguliert werden (können), darum ging es in der anschwellenden politisch-feuilletonistischen Debatte der vergangenen Monate.

Jaron Lanier, dem „Ketzer der digitalen Heilslehre“ (Süddeutsche Zeitung), und anderen Experten zufolge sind wir drauf und dran, uns selber outzusourcen. „Was wir für Arbeit halten, wird im Museum der Arbeit verschwinden“, so der Kulturtheoretiker Martin Burckhardt in seinem Buch „Digitale Renaissance: Manifest für eine neue Welt”.

Für viele Berufszweige, auch für jene, von denen man es heute kaum vorstellen kann, wird das zutreffen, und ob die Digitalisierung die in der analogen Welt wegfallenden Jobs kompensiert, ist alles andere als sicher. Bibliotheken und Bildungseinrichtungen sind schon heute betroffen.

Nicht, dass es nichts Positives zu konstatieren gäbe.

Auf der Haben-Seite thematisiert der Trendreport die „Demokratisierung des Lernens“. Netzwerkeffekte, open access, avancierte Lernsoftware ermöglichen Wissen für jedermann – kostenlos und an jedem Ort der Welt. Eine schöne Vision, in der erneut der emanzipatorische, demokratisierende Zauber des Internets durchscheint.

Die Erschließung und Weitergabe von Wissen gilt uns als Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben. In Deutschland wird diese zivilisatorische Errungenschaft primär durch personenbezogene Dienstleistungen gewährleistet; Tätigkeiten also, die auf Qualifikation, Erfahrung und Engagement basieren. Onlinekataloge und Electronic Ressource Management machen diese personenbezogenen Dienstleistungen, so, wie sie bisher praktiziert wurden, tendenziell überflüssig.

Für Nutzer bedeutet das zunächst ein Mehr an Wahlmöglichkeiten, auch an Komfort. Doch es geht auch etwas verloren.

Wissen, argumentierte auch die Hamburger Professorin Christiane Bender in einem kundigen Essay, wird sukzessive „ent-subjektiviert“, aber damit auch objektiviert und – potentiell – ökonomisiert.

„Der zukünftige Bildungsmarkt wird durch Netzwerkeffekte geprägt, auf denen die Geschäftsmodelle von Konzernen wie Google, Facebook und Amazon basieren“, so der „Trend Report“.

Wenn diese Prognose zutrifft, und sich die ökonomischen Realitäten des Netzes durchsetzen, kann aus dem Mehr an Bildungsgerechtigkeit schnell ein dramatischer Einfluss der Konzentration von Macht und Geld entstehen. Dabei drohen nicht nur viele klassische Bildungseinrichtungen, sondern auch Bildungsideale und Kulturpraktiken unter die Räder zu kommen. Erst recht, wenn sich der Staat gleichzeitig aus der Finanzierung und Verantwortung für die öffentliche Bildung zurückzieht.

Soweit ist es noch nicht. Aber es ist Zeit für eine Debatte darüber, wie wir uns zu den im „Trend Report“ benannten Megatrends, seinen Chancen und Störpotentialen verhalten wollen: ökonomisch, sozial aber auch mit Blick auf die Frage, wie sich die Errungenschaften der Aufklärung – demokratische Öffentlichkeit und Bürgerrechte – auch unter digitalen Vorzeichen gewährleisten lassen.

Immer wieder ist die Rede von der digitalen Gesellschaft, als einer Art Vorhut oder Avantgarde von Netzaffinen. Doch diese Begrifflichkeit führt in die Irre. Wir leben in einer digitalen Gesellschaft. Die Frage ist vielmehr, wer partizipiert, und welche Gesellschaftsteile abgehängt werden. Anders ausgedrückt: ob also bestehende soziale Ungleichheiten in Wissens- und Informationsgesellschaften ausgeglichen oder verstetigt beziehungsweise verstärkt werden. Das Konzept der „digitalen Spaltung“ hat, gesellschaftlich betrachtet, nach wie vor Relevanz.

Und hier kommen Bibliotheken als wesentliche Bestandteile der Kommunikationsinfrastruktur moderner Demokratien ins Spiel.

Kulturpessimistische Untergangsszenarien, eschatologische Abgesänge auf das Ende der Bibliotheken oder die Häme der selbsternannten digitalen Avantgarde, denen zufolge es in Zeiten überall und jederzeit verfügbarer Informationen Bibliotheken als Hort bildungsbürgerlicher Bräsigkeit nicht mehr braucht, gehen in ihrer Pauschalität an der Sache vorbei.

Im Gegenteil lässt sich argumentieren: Gerade im „dynamischen Informationsumfeld“ (IFLA Trendreport) der Gegenwart, das ja vor allem eines des kommunikativen Überflusses ist, sind Bibliotheken wichtig – vielleicht wichtiger denn je. Davon zeugt ja auch die Renaissance, die Bibliotheken als physische, materielle Orte vielerorts erleben – zumal dort, wo signifikant in neue Konzepte investiert wurde, etwa in Amsterdam, Birmingham, Seattle oder Stuttgart.

Aber sie müssen ihre nach wie vor wichtigen Funktionen – von der Sammlung, Erschließung und Bereitstellung von Wissen über die Vermittlung von Informationskompetenz bis zu übergeordneten Aspekten wie der Garantie von Informationsfreiheit – neu interpretieren. Mit den digitalen Technologien, so Christiane Bender,

„stehen die elektronischen Technologien in einer langen kultur- und zivilisationsgeschichtlichen Tradition der Menschen, ihr Bewusstsein auszudrücken und zu vergegenständlichen.

Aber die Fähigkeit, Informationen und Kommunikationen massenhaft und ohne größeren Zeitaufwand zu speichern, zu vervielfältigen und global zugänglich zu machen, stellt alle bisherigen Methoden, beispielsweise die des Buchdrucks, in den Schatten. Jede Äußerung, jedes Gespräch, jeder Text oder jedes Bild könnte im Prinzip schon während der Herstellung, ohne Bezug auf den Produzenten und auf dessen Kontrolle, gespeichert und weltweit vertrieben werden“.

Aus dieser Beobachtung ergeben sich eine Reihe von Implikationen für Bibliotheken: Was ist bewahrenswert? Wie umgehen mit dynamischen Publikationen? Was ist privat, was öffentlich?

Und sie verweist darauf, dass das Internet eben nicht einfach nur ein neues Medium ist. Es markiert einen alle Medienformen und Branchen beeinflussenden medienevolutionären Sprung. Als „Übermedium“ ist es der historisch gewachsenen Funktion von Bibliotheken durchaus vergleichbar.

 

Vom Bestands- zum Beziehungsmanagement

Bibliothekare als Suchmaschinen in Menschengestalt bedarf es in Zukunft wohl nicht mehr. Während klassische Funktionen, wie bibliografische Recherche und Bestandsarbeit, ins Netz wandern beziehungsweise automatisiert werden, rückt die Arbeit mit dem Nutzer in den Vordergrund: das Anleiten und Moderieren von Prozessen.

Der Bibliothekar wird zum Lotsen durch die digitale Welt und darf sich in der Kommunikation mit Bibliotheksnutzern nicht mehr nur auf ein ermahnendes „Sssshh“ oder (bei der Bücherrückgabe) „Das wird teuer“ beschränken. Die Stadtbibliothek Köln, deren Direktorin Hannelore Vogt in Bremen mitdiskutierte, geht hier mit einer Reihe von Projekten wie der Veranstaltungsreihe [email protected] oder dem Makerspace, in dem die Nutzer der Bücherei neue Technologien ausprobieren können, interessante Wege.

Voraussetzung dafür sind – technologisch wie gesellschaftlich – zeitgemäße, attraktive Orte und entsprechende Ressourcen. Diese Anschlussfähigkeit herzustellen, ist in einem sich rapide ändernden Umfeld keine leichte Aufgabe. „One size fits all“-Lösungen gibt es nicht. Konkrete Strategien müssen für jeweils einzelne Bibliotheken unter Berücksichtigung der großen Trends wie auch lokaler Gegebenheiten und den zur Verfügung stehenden Mitteln entwickelt und fortwährend evaluiert und Veränderungen angepasst werden.

Trotzdem ist das diesjährige Motto der traditionsreichen Fachtagung – der größten Europas -, „Bibliotheken: Wir öffnen Welten“ instruktiv. Denn auch sie müssen sich öffnen – gegenüber dem Medienwandel wie auch ihren Nutzern. Sie müssen sich als medienübergreifende Hubs verstehen, als Orte erlebbarer Informationskompetenz. Und sie müssen einzelne Nutzer wie auch die Zivilgesellschaft zur Mitgestaltung einladen. Das geht nur durch Experimente.
 
Disclosure: Der Autor war als Panelist an der Vorstellung des IFLA-Trend Reports auf dem 103. Deutschen Bibliothekartag in Bremen beteiligt. Der vorliegende Text entwickelt die Thesen seines Vortrags weiter.