Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang

Fragwürdige Studien und Diagnosen wollen belegen, dass aufsehenerregende Gewaltverbrechen besonders häufig von Autisten begangen werden. Die Medien verbreiten solche 'Erkenntnisse' gerne weiter.

Stellt man die Frage, was Journalismus und Wissenschaft verbindet, so kommt man schnell zum Ergebnis, dass beide von Aufmerksamkeit leben. Journalisten leben von Auflage und Seitenzugriffen, Wissenschaftler von Publikationen und öffentlichem Interesse an ihrer Forschung; in einer Zeit, in der knappe Forschungsgelder zunehmend eine Konkurrenzsituation herstellen.

An diesem Punkt gehen Journalismus und Wissenschaft eine Symbiose ein: Populäre Forschungsthemen geben knackige Meldungen mit Lesegarantie her, und Medieninteresse rechtfertigt die neuerliche Bewilligung von Forschungsgeldern und Drittmitteln.

Was also könnte besser sein, als Themen miteinander zu verknüpfen, die aktuell im öffentlichen Bewusstsein recht präsent sind – etwa Autismus und Massenmord?

Nicht erst seit Adam Lanza geistert die angebliche Verbindung zwischen Autismus und Gewalttaten durch Presse und wissenschaftliche Publikationen. Und wenn das Gerücht nicht kleinzukriegen ist, dann muss wohl etwas dran sein.

So jedenfalls scheinen es sich Clare Allely und ihr Team von der University of Glasgow gedacht zu haben, deren Studie namens „Neurodevelopmental and psychosocial risk factors in serial killers and mass murderers“ sogar durch Gelder des schwedischen Gillberg Neuropsychiatry Centre gefördert wurde.

Die Studie möchte bei über einem Viertel der Amokläufer und Serienkiller autistische Züge sehen, bei 20 Prozent eine Kopfverletzung (inklusive Erkrankungen wie Hirnhautentzündung), und entdeckte bei über der Hälfte beider Gruppen zusätzlich psychosoziale Stressoren in der Vergangenheit, wie körperliche Misshandlung oder sexuellen Missbrauch.

Glaubt man der Studie, macht die Kombination Autismus, Kopfverletzung plus psychosoziale Stressoren den perfekten Amokläufer und Serienmörder. Ganze zehn Individuen haben es in diese Kategorie geschafft, was die Wissenschaftler dann auch noch mit einem hippen Venn-Diagramm illustrierten.

Ein Ergebnis, über das man sicherlich nachdenken könnte, wären da nicht ein paar Kleinigkeiten, die jeden denkenden Mensch stutzig machen müssen. Und zwar nicht nur die Vermischung von Amokläufern und Serienmördern, die, wie die Wissenschaftsautorin Emily Willingham ausführt, sich in Motivation und Vorgehensweise völlig voneinander unterscheiden.
 

Serienmörder sind Massenmördern nicht ähnlich. Sie sind zwanghafte Sadisten — kein Kennzeichen von Autismus — die tatsächlich einen Mangel an Empathie zeigen. Einige sind wütend. Massenmörder wie McVeigh mögen den Mangel an Empathie teilen, aber sie treibt noch etwas anderes an. Ein anderes Kennzeichen von McVeighs Psyche, laut seinem Diagnostiker, war Wut. Zorn. Hass.

 
Der zwanghafte Sadismus drückt sich, so Katherine Ramsland in ihrem Buch „Inside the Minds of Serial Killers“, nicht selten schon in der Kindheit späterer Serienmörder aus, die beispielsweise durch das Quälen von Tieren auffallen. Verhalten, dass ebenfalls in keinem Verhältnis zu Autismus steht und eine solche Diagnose eher ausschließen würde.

Um Serienmörder und Massenmörder – sprich Amokläufer – in einen Topf zu werfen, ignoriert das Team um Allely erst einmal, dass das Phänomen Serienmörder relativ gut erforscht ist und sich diese Forschung nicht rein auf Post-mortem-Diagnosen anhand von Tagebüchern und Berichten des Umfelds stützt, sondern, dass mehr Serienkiller als Amokläufer ihre Taten überlebten und über Jahre und Jahrzehnte hinweg erforscht werden konnten.

Dieses Muster setzt sich fort. So bezieht sich die Studie lieber auf ein Paper des Autismusforschers Michael Fitzgerald, der einen Subtyp zum Asperger-Syndrom entdeckt haben möchte, dem er den klangvollen Namen „Criminal Autistic Psychopathy“ gibt, als auf die Diagnose des Gutachters von Jeffrey Dahmer:
 

Aber der vom Gericht bestellte Psychiater. Dr. George Palermo, sagte Dahmer sei weder primär nekrophil noch ein Psychotiker, sondern er litte stattdessen an einem Komplex anti-sozialer Persönlichkeitsstörungen. Das Palermo scheinbar weder der Anklage noch der Verteidigung verpflichtet war, mag dazu beigetragen haben, dass die Mitglieder der Jury seiner Diagnose hohen Wert beimaßen.

 
Fitzgerald dagegen — der für seine Post-mortem-Diagnosen eher berüchtigt ist, als berühmt –, will aus der Ferne autistische Anzeichen bei Dahmer festgestellt haben und nutzt ihn, um seine Theorie der „Criminal Autistic Psychopathy“ und die Angst vor dem geborenen autistischen Killer auch populärwissenschaftlich in klingende Münze zu verwandeln.

Eine Theorie, die in der Autismusforschung, abseits von Allely und Co, eher mit kritischem Brauehochziehen quittiert wird. So schreibt Mohammad Ghaziuddin von der University of Michigan in „Violent behavior in autism spectrum disorder: Is it a fact, or fiction?“
 

Die meisten Berichte, die Gewaltverbrechen mit ASD in Verbindung bringen, sind entweder aufgrund isolierter Fallbeschreibungen entstanden oder anhand einer voreingenommenen Auswahl, die unzuverlässige Diagnosekriterien verwendet. Bei Personen im hochfunktionalen ASD-Spektrum werden Gewaltverbrechen fast immer nur durch komorbide psychiatrische Störungen ausgelöst, wie schwere Depressionen oder Psychosen.

 
Auch bei weiteren Killern, die laut Allely „sehr wahrscheinlich“ dem autistischen Spektrum zuzurechnen sind, steht die Behauptung auf eher tönernen Füßen. So zum Beispiel beim schwedischen Serienmörder Peter Mangs (in der Studie als „Peter Mang“ aufgeführt).

Den Recherchen der Journalistin Elke Wittich zufolge widersprach der Gerichtsgutachter, der ihn insgesamt über 150 Stunden begutachtete, das Mangs Asperger-Autist sein könne. Laut Mangs Anwalt habe dieser lediglich vorgegeben, Autist zu sein, um sich die damit verbundene schwedische Sozialhilfe zu erschleichen.

Deutliche Zweifel haben sich inzwischen auch bei dem Amokläufer ergeben, bei dem die Asperger-Diagnose relativ schnell behauptet wurde, und die dann irgendwann als glasklar erwiesen galt: Adam Lanza.

Dessen Vater geht in einem langen Interview mit der Publikation The New Yorker auch auf die psychiatrische Krankheitsgeschichte des Sohnes ein. So berichtet er über dessen frühe Entwicklung:
 

Adam Lanza war nie gewöhnlich. Geboren im Jahre 1992, begann er erst im Alter von drei Jahren zu sprechen und er verstand mehr Worte, als er anwenden konnte.

 
Nach den gültigen Diagnoserichtlinien für das Asperger-Syndrom hätte diese Diagnose nie gestellt werden dürfen. Diese besagen ausdrücklich, dass die Sprachentwicklung nicht verzögert sein darf. Nach dem damals gültigen Diagnosehandbuch DSM IV wäre lediglich „Autismus“ oder „PDD-NOS“ (Pervasive developmental disorder not otherwise specified) in Frage gekommen.

Hier greift möglicherweise die Beobachtung des Autism Consortiums, die die Zusammenfassung der Diagnosen Autismus, Asperger-Syndrom und PDD-NOS zur „Autismus Spektrum Störung“ (Autism Spectrum Disorder (ASD)) unter anderem mit der Befangenheit der Diagnostiker begründeten.
 

[…] reiche, weiße Männer erhalten die Diagnose Asperger-Syndrom, während ärmere, nicht-kaukasische Bevölkerungsgruppen die Diagnose PDD-NOS erhalten.

 
Weitere Fundstellen untermauern die Vermutung, dass Adam Lanza eine unzutreffende, aber dafür wenig stigmatisierende Diagnose zugeteilt wurde.
 

„Adam war nicht für eine Therapie zu haben“, sagte mir Peter. „Er wollte nicht über Probleme reden und er wollte nicht einmal zugeben Asperger zu haben.“ Peter und Nancy hatten so viel Vertrauen in die Asperger-Diagnose, dass sie nicht nach anderen Erklärungen für Adams Verhalten suchten. In diesem Sinne, das Asperger-Syndrom mag sie von dem abgelenkt haben, was ihm wirklich fehlte.

 
Und weiter:
 

Peter wird ärgerlich, wenn andere Menschen spekulieren, ob das Asperger-Syndrom Adams Amoklauf ausgelöst hat. „Asperger macht Menschen ungewöhnlich, aber es macht sie nicht so“, sagte er und drückte seine Ansicht aus, dass der Zustand einen „Fremdkörper verschleierte“, der nicht Asperger war. „Ich dachte, es könnte Schizophrenie maskiert haben.“

 
Emily Willingham ist, basierend auf diesem Interview, zur Ansicht gekommen, dass die Berichte von Adam Lanzas Vater jeder Autismusdiagnose grundlegend widersprechen. Autistische Menschen sind vom Beginn ihres Lebens an sensorisch sehr empfindlich und zeigen auch von Beginn an ungewöhnliche Bewegungsmuster. Da diese Symptome bei Lanza erst im Verlauf der Entwicklung eingesetzten, hält sie eine Reihe anderer Diagnosen für möglich, aber natürlich auch post mortem für nicht mehr beweisbar.

Mit derartigen Details in Bezug auf die Schwächen der Studie von Allely hält sich die Presse aber nicht auf. Umgehend titelte sogar die Washington Post über eine „statistisch signifikante Verbindung zwischen Amokläufen, Autismus und Kopfverletzungen“, und Zeitungen auf der ganzen Welt, bis hin zu Nachrichtenportalen wie T-Online, plärrten es der Washington Post ohne jede Überprüfung der Fakten nach.

Dann, als hätten ihn Allely und ihr Team bestellt, ereignete sich schon der nächste Amoklauf, diesmal in Kalifornien, und sofort war allenthalben wieder das Asperger-Syndrom im Gespräch. Das Gerücht verbreitete sich durch alle Medien. Diesmal war sich der Focus nicht zu schade, dem Leser die Ursache des Amoklaufs direkt in der Überschrift klar zu machen und titelte „Hass gegen Frauen und Autismus“.

Eine Behauptung, die weiterhin im Netz steht und durch die Allelys dieser Welt voreingenommen ausgewertet werden wird, obwohl sie längst durch den Vater des Amokläufers widerlegt wurde:
 

Astaire sagte, dass das Asperger-Syndrom bei Elliot nicht diagnostiziert wurde, aber die Familie vermutete er läge im Spektrum und er seit Jahren in Therapie gewesen war. Er sagte, er kenne keine anderen psychischen Erkrankungen, aber Elliot hatte tatsächlich keine Freunde, wie er in seinen Videos und Texten behauptete.

Astaire sagte, Elliot war unglaublich schüchtern, sprach stockend und sah Menschen nur selten in die Augen. „Er war grundlegend zurückgezogen“, sagte er. „Der Typ auf dem Video war sehr viel selbstbewusster. Das ist ein Typ, den ich nie getroffen habe.“

 
Die Qualität der Asperger-Diagnose durch die Familie entspricht hier ungefähr der Qualität der Diagnosekriterien, die Allely in ihrer Studie anlegt. Charakteristiken wie „Einzelgänger“ oder sozial unangepasstes Verhalten, die sich an vielen Stellen des Diagnosehandbuchs DSM V finden lassen; bei Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen oder Schizophrenie, bis hin zur „Premenstrual Dysphoric Disorder“.

„Loner“ zu sein macht alleine noch keinen Autismus aus, und nur eine sorgfältige Differentialdiagnose kann die Aufklärung bringen, welche Störung genau sich hinter Zurückgezogenheit, Einzelgängertum oder Schüchternheit verbirgt – wenn überhaupt eine Störung vorliegt.

Von solchen Feinheiten lässt sich das Team um Allely nicht beeindrucken. Auch nicht, dass sie bei einer mehr als wackeligen Faktenlage die weitere Stigmatisierung von Autisten billigend in Kauf nehmen. Für die Studie wird alles, was nicht passt, passend gemacht. Bei soviel tumber Ignoranz und fehlendem Bewusstsein für wissenschaftliche Ethik ist es verwunderlich, dass die University of Glasgow die Studie sogar auf ihrer Webseite ankündigt, statt einen Mantel peinlich berührten Schweigens darüber auszubreiten.

Hier zeigt sich, dass man sich heute auch und gerade in der Wissenschaft ein Publicity-trächtiges Thema nicht durch die Lappen gehen lassen kann.

Doch es kann auch nicht das Ziel sein, Autismus und Autisten zu entlasten, indem mit dem Finger auf andere Störungen als „Ersatz-Mördermacher“ gedeutet wird. Was, wenn der angebliche Link zwischen Autismus, Massenmorden und oder Amokläufern oder generell die verzweifelte Suche nach einem hirnorganischen Sündenbock nur verschleiern, dass es gar keine neurologische Ursache für den Mangel an Empathie braucht?

Einen Mangel, den eindrucksvolle Experimente wie das Stanford-Prison-Experiment oder Milgram-Experiment aufzeigen, wie ihn Abu Ghraib bewies, oder wie ihn Politiker zeigen, die ertrunkene Flüchtlinge vor der italienischen Küste gut finden, weil die Toten ‚Armutsflüchtlinge‘ abschrecken könnten. Oder das kollektive Empathieversagen des deutschen Volks angesichts der Verfolgung von Juden, Roma, Sinti oder Menschen mit Behinderungen während des Dritten Reichs.

Es gibt viele Ursachen, die in der Lage sind, die affektive Empathie bei ansonsten völlig normalen Menschen — zumindest temporär — außer Kraft zu setzen. Dazu reicht, wie das Milgram-Experiment zeigte, schon alleine die Anwesenheit einer als Autorität empfundenen Person, die die eigenen Handlungen vom Leiden eines Menschen trennt.

Andere Ursachen können Angst um das eigene Leben, Gruppendynamik, religiöser oder ideologischer Fanatismus, Vorurteile, Wut, Entmenschlichung der Opfer oder Hass sein. Gerade dieser Hass scheint bei ‚normalen‘ Menschen jegliches Mitgefühl außer Kraft zu setzen, sobald das Ziel des Hasses anders ist als der Hassende. Das alleine scheint ausreichend, um alle Hemmschwellen zu senken und sowohl seelische als auch körperliche Verletzungen oder sogar den Selbstmord von Mitmenschen hinzunehmen, bis hin zu aktiver Folter oder zu Mord.

Die Zahlen zu „Disability Hate Crimes„, wie sie Großbritannien oder die USA erheben, sprechen ihre eigene Sprache, ebenso wie die Liste der Autisten, die wegen ihres Autismus von Angehörigen, angeblichen Freunden oder in aller Öffentlichkeit getötet wurden.

Studien wie die von Clare Allely aber verhindern die Beschäftigung mit dem Monster in jedem von uns, das durch Umstände oder Überzeugungen geweckt werden kann.

Autismus im Besonderen und psychische Krankheiten im Allgemeinen dienen als universelle Sündenböcke. Die Suche nach dem Killer-Gen entlastet von der Pflicht, sich über die Auswirkungen von Frauen-, Schwulen- oder Fremdenhass Gedanken machen zu müssen, oder gar die eigene Mitwirkung daran zu erkennen.

Denn eines ist, wie Emily Willingham ausführt, tatsächlich allen Amokläufern gemeinsam: Sie waren wütend. Sie hassten. Sie hassten in einem Ausmaß, das ihre Opfer entmenschlichte und ihnen die Fähigkeit nahm, mit diesen mitzufühlen.

Clare Allely wertete für ihre Studie ‚anekdotische‘ Berichte aus den Massenmedien aus, denselben Massenmedien, die nur zu gerne die Mär vom autistischen Massenmörder-Amokläufer verbreiten. Beim nächsten Amoklauf werden diese Massenmedien als erstes nach Anzeichen suchen, die autistische Züge beim Täter vermuten lassen. Ihre ‚anekdotischen Berichte‘ werden sicher geeignetes Futter für weitere Studien dieser Qualität sein. Ein sich selbst erhaltendes System.

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Mela Eckenfels bloggt auf mela.de. 2002 wurde bei ihr das Asperger-Syndrom diagnostiziert, worüber sie auf mela.geekgirls.de schreibt.