Verschwörungstheorien: Wirklichkeit ist Ansichtssache

Ein Gespräch mit dem Wissenschaftsautor Thomas Grüter

Hinter allem Übel dieser Welt stecken Regierungsorganisationen, Geheimdienste, Finanzlobby und Systempresse. Davon sind Verschwörungstheoretiker überzeugt. Sie wollen uns Gehirngewaschenen die Augen öffnen. Warum sind solche Theorien so beliebt, seien sie noch so absurd?
 

Sich kreuzende Kondensstreifen, Foto: Dennis Skley, CC BY-ND

„Linienführung 320/366″, Foto: Dennis Skley, CC BY-ND

 
Seit wann gibt es Verschwörungstheorien überhaupt?

Eine der ältesten überlieferten Verschwörungen stammt aus Ägypten, sie ist 4.000 Jahre alt. Die Geschichte handelt von einer Verschwörung zur Ermordung des Pharaos Amenemhet I. Es war für einen Pharao damals besser, sich zu überlegen, wer sich gegen ihn verschwören könnte, und eine entsprechende Theorie aufzubauen. Das konnte lebensrettend sein.
 
Heute geht’s eher um Chemtrails, die US-Notenbank FED, Terroranschläge. Wie werden Verschwörungstheorien aufgenommen?

Grundsätzlich hängen Menschen denjenigen Zeitgenossen und Organisationen gerne Verschwörungen an, denen sie sowieso alles Böse zutrauen. Wer davon überzeugt ist, dass beispielsweise die FED nur zu ihrem eigenen Besten und zum Besten der Superreichen dieser Welt handelt, wird ihr jede Verschwörung zutrauen. Die Juden sind schon seit dem Mittelalter das Ziel von Verschwörungstheorien. Das reicht von Brunnenvergiftungen bis zur angeblichen Weltherrschaft.
 
Was ist das Rezept für eine gute Verschwörungstheorie?

Eine gute Verschwörungstheorie, die breite Akzeptanz findet und sich lange hält, muss Organisationen anschuldigen, die möglichst vielen Menschen suspekt sind.

Dafür kommen besonders Gruppen infrage, von deren inneren Transaktionen wenig bekannt ist, und die sich nach außen abschotten. Sie bilden den idealen Nährboden für alle möglichen bösartigen Vermutungen. Und dann hängt man diesen so ausgemachten Gegnern am besten noch das an, was in der eigenen Gruppe als besonders widerwärtig gilt. Daraus können sich dann zählebige Verschwörungstheorien entwickeln.
 
Worum geht es den Verschwörungstheoretikern? Vielleicht um das rein menschliche „ich bin besser als du“ und „ich mache mich größer als du“?

Da muss man unterscheiden. Es gibt Leute, die sehr viel Zeit und Ideen darauf verwenden, solche Theorien zu erfinden. Die sind aber in der absoluten Minderheit. Dann gibt es Verschwörungstheorien, die in die Welt gesetzt werden, um einem Gegner zu schaden – Beispiel Ukraine.

Die russischen Staatssender geben laufend Berichte über alle möglichen Verschwörungen heraus. Sie betreffen vor allem den Westen und die „Faschisten”, wer auch immer das sein soll. Nach russischer Lesart sind „Faschisten” die Feinde Russlands, die man im Zweiten Weltkrieg besiegt hat. Wer in Russland heute als Faschist beschuldigt wird, gilt als deren Helfer. Während wir die russischen Ultranationalisten als Faschisten bezeichnen würden, würden das die Russen selbst nie tun. Die Grenzen zwischen dem, was man als eigen und fremd bezeichnet, sind dort anders gezogen.

Davon abgesehen: Man muss sich im Klaren sein, dass Verschwörungen alltäglich sind. Es gibt sie ständig und überall. Daraus beziehen die Theorien ihre grundsätzliche Plausibilität. Die Anhänger dieser Theorien können sagen: Seht ihr, da ist eine echte Verschwörung, also könnte meine Behauptung auch stimmen.
 
… aber nur, weil es hin und wieder Verschwörungen gibt, ist es doch geradezu paranoid, hinter allem gleich eine Verschwörung zu sehen …

Nein, nicht unbedingt. Die Sache ist extrem situationsabhängig. Wenn Sie die Ukraine als aktuelles Beispiel nehmen, dann müssten Sie bei dieser Argumentation ja auf beiden Seiten große Teile der Bevölkerung psychiatrisch behandeln lassen. Die Anzahl von verdeckt agierenden Gruppen dort ist erstaunlich hoch.

Ich erinnere an die russischen „Selbstverteidigungskräfte“ auf der Krim. Diese maskierten Männer ohne Hoheitsabzeichen erschienen auf der Krim buchstäblich aus dem Nichts. Die Russen haben später zugegeben, dass es ihre Marinesoldaten waren, was sie zu Beginn ausdrücklich bestritten haben. Und jetzt bewegen sich diese Kräfte, auch als grüne Männchen bezeichnet, im Osten der Ukraine – und die Russen behaupten wieder, sie hätten mit ihnen nichts zu tun.

Wenn irgendwo ein so ausgeprägtes Machtvakuum auftritt wie in der Ukraine, nehmen die Verschwörungen zum Ausnutzen der Situation noch schneller zu als die Verschwörungstheorien.
 
Wer ist denn – sagen wir mal – besonders anfällig für Verschwörungstheorien?

Der Begriff ist so negativ besetzt, dass sich das kaum wissenschaftlich überprüfen lässt. Niemand würde zugeben, dass er an Verschwörungstheorien glaubt.

Man weiß aber aus der Sozialpsychologie: Besonders anfällig sind Menschen aus einer Gruppe, die sich nach außen hin sehr stark abschließt. Sie haben oft den Eindruck, von der Außenwelt bedroht zu werden. Das führt eventuell zu einer weiteren Beschränkung der Außenkontakte und erregt damit wirklich das Misstrauen der Anderen. Diese sozialpsychologischen Mechanismen sind wichtiger als eine eventuelle persönliche Disposition.
 
Welche Rolle spielt das Internet da?

Durch das Netz gibt es zwar nicht mehr Verschwörungstheorien, aber sie werden leichter zugänglich. Menschen, die schon immer das Gefühl haben, von bestimmter Seite bedroht zu werden, finden leicht eine passende Theorie.

Verschwörungstheorien wiederum leben davon, dass sich Anhänger finden. Heutzutage reicht es aus, wenn sich weltweit ein Dutzend Leute finden, die an eine Sache glauben und sich in ihrem Glauben gegenseitig verstärken. Die Vernetzung durch das Internet sorgt dafür, dass diese Konstrukte am Leben bleiben.
 
Und warum geht es aktuell so stark gegen die Presse? Da ist von Systempresse und gleichgeschalteten Medien die Rede …

Neu ist das nicht, das kenne ich schon aus meiner Studentenzeit vor 35 Jahren. Damals hatte man noch den Ost-West-Gegensatz. Die kommunistischen Studentengruppen waren sehr stark vertreten, und sie argumentierten ganz ähnlich gegen die „bürgerliche” Presse.

Neu ist heutzutage die Stärke der rechtspopulistischen Parteien, gerade vor der Europawahl. Ihr Argumentationsmuster ist ähnlich wie das der Kommunisten damals: Die Presse sei gegen sie eingestellt und habe sich heimlich abgesprochen, falsch zu berichten oder Meinungen zu unterdrücken. Der Vorwurf der heimlichen gegnerischen Absprache konstruiert eine Feindschaft und ist der typische Unterbau von Verschwörungstheorien.
 
… und die besten Gegenargumente bringen nichts …

Wer entschlossen ist, diese Dinge zu glauben, ist auch kaum umzustimmen. Der letzte Rückzug dieser Menschen ist es, dem Diskussionspartner vorzuwerfen, er sei Teil der gegnerischen Verschwörung.

Verschwörungstheorien bilden einen geschlossenen Argumentationskreislauf. Wenn ich glauben will, dass die Erde eine Scheibe ist, kann ich jedes Gegenargument als vorsätzlich konstruierte Täuschung abtun. Verweist man auf den absurden Aufwand, der dafür nötig wäre, dann beweist das in den Augen der Verschwörungsgläubigen nur die ungeheure Macht ihrer Gegner. Dagegen kommt man einfach nicht an.
 
Also sind Verschwörungstheorien keine Theorie, sondern vielmehr Ideologie und Glaube?

Verschwörungstheorien sind der Ausdruck von Vorurteilen. Sie entstammen einer Parallelwelt, in der es nur noch „wir, die Guten“ und „die Anderen, die Bösen“ gibt. Die Dinge, die auf der Welt schiefgehen, die Verbrechen und die großen Katastrophen, werden den Bösen zugerechnet, also den Anderen.

Je ausgeprägter dieses „Wir“ und „Die“, desto wilder die Verschwörungstheorien.
 
Welche Rolle spielen die Montagsdemos in diesem Zusammenhang? Es gibt immer mehr Berichte, dass da die herrlichsten Verschwörungstheorien breitgetreten werden …

Die Leute bestärken sich dort gegenseitig darin, dass die Welt in den Händen der Bösen ist, und sie aufgerufen sind, das zu ändern. Im Grunde genommen haben die sich den Namen „Montagsdemo“ angeeignet, weil das einen guten Klang hat. Mit den ursprünglichen Montagsdemos aus der Wendezeit hat das aber auch wirklich gar nichts zu tun.
 
Was folgt aus Verschwörungstheorien? Werden da nur Behauptungen aufgestellt oder leiten die Anhänger auch konkrete Handlungen daraus ab?

Viele Anhänger von Verschwörungstheorien geben sich damit zufrieden, den Zustand der Welt zu beklagen. Es gibt aber auch Leute, die ich als den Typ „Hexenjäger“ bezeichnen. Beispiel NSU: Die Gruppierung glaubte nicht nur, Deutschland werde von Ausländern überflutet, sondern auch, man müsse dagegen vorgehen und Ausländer erschießen.

Praktisch alle Terrorgruppen sind von Verschwörungstheorien motiviert. Sie glauben, dass im Kampf gegen das Böse jedes Verbrechen erlaubt ist. Solche Menschen sind glücklicherweise selten. Die meisten, die an Verschwörungstheorien glauben, geben sich damit zufrieden, dass es mächtige böse Gruppen gibt, gegen die man sowieso nicht ankommt.
 
Wie geht man mit Verschwörungstheoretikern um?

Im persönlichen Gespräch lehne ich eine Diskussion normalerweise ab. Ich habe kaum eine Chance, denjenigen, der an so etwas glaubt, zu überzeugen. Trotzdem würde ich nie sagen, er könnte Recht haben, nur, damit ich Ruhe habe. Dann fühlt er sich erst einmal bestätigt – und will mich überzeugen.

Überzeugte Verschwörungsgläubige können stundenlang referieren. Deshalb empfehle ich immer: Wenn Sie kein langes, ermüdendes Gespräch haben wollen, versuchen Sie, ihn auf ein anderes Thema zu bringen.

In einer öffentlichen Diskussion fragen Sie eher danach, wen er als Gegner betrachtet, und warum. Das bringt meistens mehr Einsichten für Sie und die Zuhörer, als die Verästelungen der Verschwörungstheorie.

 
Über Thomas Grüter
Thomas Grüter wurde 1957 in Münster geboren. Er hat Medizin studiert und forscht seit 2002 zusammen mit seiner Frau zum Thema Neuropsychologie. Seit 2009 ist er Affiliate am Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Universität Bamberg. Er hat mehrere Sachbücher geschrieben, darunter „Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer”, das sich mit den Ursachen von Verschwörungstheorien befasst.
 
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