Superzufrieden

| 28.05.2014 | 2 Kommentare

Schön, wenn die Lokalpresse etwas Angenehmes über Menschen oder Veranstaltungen schreibt. Blöd nur, wenn dadurch die Leser unverzeihlich gelangweilt werden.

Ein Lokalreporter hat mir neulich den Satz gesagt: „Die Leute waren superzufrieden.“ Solche Sätze merkt man sich ja eigentlich nicht. Aber dieser hier geht mir nicht mehr aus dem Kopf, denn er war ziemlich seltsam platziert. Er stand am Ende einer Geschichte, die mir der Reporter erzählte. Er hatte über irgendwelche Leute geschrieben. Später hatte er sie noch mal getroffen. Bei der Gelegenheit hatten sie ihm gesagt, dass sie mit dem Artikel superzufrieden seien. Er erzählte das, als wäre seine Aufgabe damit erfüllt gewesen.

Kann natürlich gut sein, dass das so war. Es spricht ja erst mal nichts dagegen, dass Menschen, über die man schreibt, mit dem Ergebnis auch zufrieden sein dürfen. Vielleicht ist das sogar der bestmögliche Fall.

Es kann aber eben auch bedeuten, dass der Artikel Mist war. Das ist immer dann so, wenn er den einzigen Zweck hatte, die Leute superzufrieden zu machen. Und wenn man in Lokalzeitungen blättert, sieht man, dass das gar nicht so selten passiert.

Dahinter steht häufig eine gute Absicht. Leider macht es das nicht besser.

Ich habe das selbst schon oft falsch gemacht. Vor allem in der ersten Zeit. Man soll über irgendeine Veranstaltung schreiben. Zum Beispiel Karneval. Die Leute freuen sich, dass man vorbeikommt. Sie sind alle sehr nett. Dann beginnt das Bühnenprogramm. Ab und zu gibt es Applaus. Es ist nicht wirklich schlecht, aber man ist doch ganz froh, wenn am Ende alles vorbei ist.

Dann sitzt man vor dem Computer. Und, mein Gott, die Leute waren ja wirklich nett. Sie haben sich echt Mühe gegeben. Da macht man eben was Freundliches. Und wenn man dann noch der Überzeugung ist, dass man für die Zeitung so schreibt, wie man es aus der Zeitung kennt, stehen auf dem Bildschirm nachher Sätze wie diese hier:

„Der Saal platzte aus allen Nähten.“

„Die Leute lagen johlend unter dem Tisch.“

„Es war ein Abend der Extraklasse.“

Mit solchen Zeitungsartikeln tut man niemandem einen Gefallen. Sich selbst nicht, weil man sich später für die Texte schämt. Den Veranstaltern nicht, weil sie den Abend, beflügelt von der tollen Resonanz, im nächsten Jahr wiederholen wollen. Und den Zeitungslesern erst recht nicht, weil sie sich zu Tode langweilen.

Das Problem: Der Leser ist der Einzige, der nicht dabei ist. Deswegen wird er oft vergessen.

Es gibt zwei Möglichkeiten, Zeitungsleser glücklich zu machen. Die einfachste ist: Man beschreibt alles so, wie es im Idealfall gewesen wäre. Die schwierigere: Man beschreibt Dinge so, wie man sie sieht.

Die glücklichen Leser sind in beiden Varianten nicht immer ganz deckungsgleich. Ich halte die zweite Variante für besser, aber die erste ist oft angenehmer, denn wenn man schreibt, dass eigentlich nichts los war und der Applaus nur so dahingeplätschert ist, hat man nachher den Veranstalter am Telefon, der so was erstens nicht gewohnt ist, und das zweitens auch noch völlig anders sieht.

Man muss ja oft gar nicht kritisch werden. Ärger handelt man sich schon dann ein, wenn man auf die üblichen Euphemismen verzichtet.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstanden habe, für wen ich da eigentlich schreibe. Das klingt wahnsinnig banal. Aber wenn ich Lokalzeitungen durchblättere, habe ich oft den Eindruck, dass die Frage nicht immer gestellt oder falsch beantwortet wird. Viele Zeitungsartikel sind ein Deal zwischen dem, der schreibt, und dem, über den geschrieben wird.

Der Deal hat für beide Vorteile. Der eine kriegt die Komplimente, der andere das Lob für die hervorragende Berichterstattung. Den Ärger hat der, der das lesen muss. Aber das wird der Autor nur selten erfahren.

In sieben Jahren als Zeitungsredakteur haben sich viele Menschen gemeldet, weil sie sich über die Zeitung geärgert haben. Es haben ein paar Leute angerufen, die ein Lob loswerden wollten. Aber es hat noch nie jemand meine Nummer gewählt, weil er sich mit der Zeitung gelangweilt hat.

Wir Zeitungsleute sind da ein bisschen wie Eltern, wenn die Kinder im Urlaub sind. Wir denken: Wenn sich keiner meldet, ist wohl alles in Ordnung. Bei den Eltern ist der Gedanke wahrscheinlich sogar richtig. Bei uns habe ich da Zweifel.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Ich habe oft das Gefühl, dass am Ende die falschen Leute superzufrieden sind.

Crosspost von Operation Harakiri