Dinge beim Namen nennen

Für eine lebenswerte digitale Zukunft können wir etwas tun: Uns zum Beispiel endlich auf Gemeinsamkeiten einigen.

Ich bin auch dieses Jahr – arbeitsbedingt, nicht aus Prinzip – wieder nicht auf der re:publica, und obwohl ich es einerseits bedaure und gerne viele Menschen meiner digitalen Sphäre (wieder)getroffen hätte, glaube ich, der Blick für das Event wird schärfer, je weiter man davon entfernt ist.

Die Stunde zwischen halb sechs und halb sieben heute Abend hatte ich mir geblockt für den Livestream von Sascha Lobos jährlichem Starter-Rant, und kurz vor Beginn twitterte ich:
 

 
Nun weiß ich natürlich nicht, ob Sascha tatsächlich filmreif einsam in der Herrentoilette vor dem Spiegel stand, das Gesicht mit Wasser benetzte und eine Handvoll Aspirin einwarf, um den ungewaschenen Massen wie jedes Jahr (vergeblich) die Leviten zu lesen. Kann sein, er verträgt kein Aspirin und nimmt lieber Dextro-Energen. Oder einen Schluck Fanta-Korn, wer weiß. Aber er kam raus und trat uns in den Arsch, wie jedes Jahr. Unterhaltsam, wie jedes Jahr. Vergebens, wie …

Nun, das haben wir in der Hand.

Vor dem SpOn Livestream sitzend, Gin & Tonic suppelnd, sah ich zu, wie er sich wand, wütete, verzweifelte, an unserer Trägheit, unserem Desinteresse, unserer Aufmerksamkeitsspanne eines prä-adoleszenten Goldfischs, litt beim Applaus an den falschen Stellen, sich verhaspelte in seinem leidenschaftlichen Appell, die Dinge doch bitte endlich beim Namen zu nennen und die Schurken in diesem Stück zu outen als das, was sie sind: #Sicherheitsesoteriker, #Grundrechtsfeinde, #Spähangreifer.

Es ist salonfähig, ihn zu dissen, weil er in Talkshows sitzt, Kolumnen für ein meist eher enttäuschendes Boulevardmagazin mit unerfülltem Anspruch schreibt und, man muss es wohl so sagen, Politik macht, oder zu machen versucht, denn er hat als offenbar einer der ganz wenigen der Netzgemeinde.de verstanden: Ohne Politik geht es nicht.

Der Marsch durch die Institutionen ist erneut fällig, überfällig, wenn es nicht schon zu spät ist. Insgesamt fühlte ich mich beim Ansehen des Streams ein wenig an Aragorn erinnert, der mit Tränen in den Augen losrennt und „Für Frodo!“ ruft, bevor er durch die unzählige Übermacht der hässlichen Schergen Muttis Saurons in den sicheren Tod läuft. Genaugenommen haben wir Sascha gar nicht verdient.

Sascha zu dissen ist, wie den Überbringer der schlechten Nachricht zu köpfen. Kurzfristig fühlt man sich besser, aber es wird den Lauf der Dinge nicht ändern. Wir sollten uns glücklich schätzen, ihn zu haben und uns verdammt noch eins hinter ihn stellen und kämpfen für das, was uns vor zwanzig Jahren in den Schoß fiel und uns seither prägt und unser aller Leben verändert hat. Unser Befindlichkeitsgedöns wird niemanden in Berlin, Brüssel, London oder Washington beeindrucken.

Stimmen wir mit dem Portemonnaie ab! Unterstützen wir die Digitale Gesellschaft oder Netzpolitik: Den Gegenwert einer Schachtel Kippen im Monat, von ein paar Dönertellern oder eines Albums auf iTunes sollte uns das schon wert sein, auch wenn wir nicht alle SPD-Fans sind.

Lassen wir diese Haarspaltereien. Wir benehmen uns wie dieser wirre Typ auf dem Dach des brennendenden Hauses, der nicht in das Sprungtuch der Feuerwehr springen will, weil unter den Leuten, die es für ihn aufhalten, nicht genügend Frauen oder PoC sind, oder weil in der Mitte ein Logo des falschen Fussballvereins prangt.

Entscheiden wir uns für eine Gemeinschaft, für eine Gesellschaft, die es wert ist, als solche bezeichnet zu werden.
 
Crosspost von E13.DE