Der Zeitgeist steht rechts, die Zeitungen stehen wo?

Alexander Kissler, „Salon“-Verantwortlicher beim Monatsmagazin Cicero, hat den „vielleicht entscheidenden“ Grund herausgefunden, warum die Auflagen der gedruckten Leitmedien sinken.

Es ist ganz einfach: Die Zeitungen schreiben an ihren Lesern vorbei. Sie schauen dem Volk nicht aufs Maul, nein, sie versuchen, dem Volk sein Schandmaul zuzuhalten oder es ‚politisch korrekt‘ zu ignorieren. Man sehe es an der tendenziösen Anti-Russland-Berichterstattung, aber auch an der ‚Ausgrenzung’ des Schriftstellers Akif Pirincci. Kissler:

Der vielleicht entscheidende Grund für die kollabierende Leserbindung lautet aber: Immer mehr Menschen haben den Eindruck, da werde an ihrem Leben, ihren Eindrücken, ihren Haltungen vorbei geschrieben. Da bastle sich eine abgehobene Medienelite die Welt, wie sie ihr und nur ihr gefalle. Da herrsche der teils übellaunige, teils zwangsironische Nörgelton der Hyperkorrekten und Dauerbesorgten, der Schönredner und Weggucker und Besserwisser. Längst aber sei – um bespielhaft den Namen eines routinierten Leitartiklers der SZ aufzurufen – alles der Fall, was eben nicht der (Heribert) Prantl ist. Man achte nur auf die stetig wachsende Schere zwischen dem Tenor der jeweiligen Kommentare zum Weltgeschehen und den Leserbemerkungen gleich darunter. Die Entfremdung macht Fortschritte. Leser an Medium: du lügst, es ist ganz anders. Medium an Leser: Schnauze.“

Die Entfremdung macht also Fortschritte: Das Volk wandert nach rechts, die Medien bleiben links? So sieht man es offenbar in den Zeitschriften-Salons.

 

Medien und Volkes Stimme

Nun ist es ein weit verbreitetes Missverständnis, dass Medien die Stimme des Volkes wiedergeben müssten. Zeitungen sind Tendenzbetriebe, in denen die Meinungen der Verleger und/oder der leitenden Journalisten und/oder bestimmter Interessengruppen vorrangig zum Zuge kommen. Zwar gibt es journalistische Regeln und Standards, denen auch Tendenzbetriebe unterliegen, aber die Aus- und Stoßrichtung eines Blattes bestimmen diejenigen, die über die Mittel verfügen, das Blatt herzustellen und zu vertreiben (das scheint im Zeitalter des Internets und seiner angeblich neutralen Plattformen manchmal ausgeblendet zu werden).

Dass Zeitungen nicht gleichzusetzen sind mit dem Meinungs-Durchschnitt ihrer Leser (öffentliche Meinung ist nicht gleich veröffentlichte Meinung), war übrigens schon so, als die Auflagen noch durch die Decke gingen und z.B. die Bildzeitung nicht zweieinhalb Millionen (wie heute), sondern fünf Millionen Auflage machte – oder der Spiegel statt 750.000 verkauften Exemplaren fast 1,3 Millionen Hefte absetzte.

Es kann also nicht allein an der mangelnden Anpassung an den Zeitgeist oder am Aneinander-Vorbeireden von Journalisten und Lesern liegen, wenn die Auflagen sinken (hier ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens).

Ein anderer Grund könnte die fehlende Vielfalt der großen Medienangebote sein. Nicht die Abgehobenheit einer vermeintlichen Medienelite wäre dann das Problem, sondern deren Homogenität. Lästern Politikverächter seit Jahren über die „Einheitspartei“ CDUCSUSPDFDPGRÜNE, so zetern die neuen Medienverächter nun über den Einheitsbrei von ZEITSPIEGELSTERNSZFAZWELTBILDTAZFR. Zu lange glaubten die Vertreter der Leitmedien, die Politikverachtung (die eine heuteshow sehr erfolgreich zelebriert) könne nicht auf die Medien abfärben. Nun ist es passiert.

Es ist also was dran an Alexander Kisslers Kritik: Der Zeitgeist ist umgekippt wie ein zu lange stehendes Gewässer. Auch unter bürgerlichen Intellektuellen (vor allem unter den Seitenwechslern, den so genannten Konvertiten) ist es schick geworden, pöbelhaft und rotzig über vermeintlich bevorzugte Minderheiten oder angeblich herrschende Meinungen herzuziehen (eine schwache Probe davon erlebten die Grünen im letzten Bundestagswahlkampf – übrigens gezielt lanciert von den Leitmedien).

Deutschland hat eine Welle des „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ erfasst – links wie rechts. Viele haben das Geduckt- und Kleingeredetwerden satt. Man will sich nicht mehr verstecken. Man will „das Unbehagen in der Kultur“ endlich auskotzen. Es dürfte kein Zufall sein, dass der Hauptvorwurf der unzufriedenen Zeit-Leser gegenüber dem verblüfften Zeit-Redakteur Stefan Willeke lautete: Ihr habt wohl den Schuss nicht gehört. Der Schuss ist das Ende des Dialogs.

Ob Bushido, Sarrazin, Lewitscharoff oder Pirincci – mit jeder derartigen Veröffentlichung geraten die jahrzehntelang aufgebauten Nachkriegs-Zivilisationsschranken weiter ins Wanken, Ängste verwandeln sich in offenen Hass, man ist plötzlich sogar bereit, rationale Argumentation durch bewusste Irrationalität abzuwehren.

 

Anpassung oder Widerstand?

Noch werden die Aufläufe der nationalen „Querfront“ medial belächelt oder als Aufstand zurückgebliebener weißer Männer abgetan. Noch liefert jeder gezielte Regelverstoß in den Medien empörte, aber leicht durchschaubare pharisäerhafte Schlagzeilen.

Viele Beobachter dieses rätselhaften Stimmungswandels kommen nicht klar mit der neuen Melange aus linkem und rechtem Hass, aus Antikapitalismus und schweigender Mehrheit, aus Populismus und reaktionärer Verschrobenheit, aus Volk und Salon. Diese Leute trumpfen auf, denn sie wittern: Da geht was.

In den Leitmedien scheint sich – verstärkt durch die Auflagenrückgänge – das Gefühl auszubreiten, etwas verpasst zu haben, das Ruder im letzten Moment herumreißen zu müssen, den Hass durch Entgegenkommen irgendwie einhegen oder besänftigen zu können. Manche Biedermänner möchten die Brandstifter auf einen Drink einladen.

Und aufmerksame Journalisten, die das Internet bisher verachteten, legen plötzlich alte Animositäten gegen Online ab und bewegen sich als Social-Media-Redakteure durch die ihnen fremd gewordene Welt. Sie spüren: Da kommt was.

Die Frage, die Alexander Kisslers Salon-Gedanken dem Medien-„Mainstream“ aufgibt, lautet also: Anpassung oder Widerstand? Vielleicht sollten die Tendenzbetriebe mal nachsehen, welche Tendenz sie noch haben.