Banken-Stresstest der EZB: Heisenberg oder Walter White?

| 29.04.2014 | Ein Kommentar

Was "Breaking Bad" und der Gesundheitscheck für Banken gemeinsam haben

Am vergangenen Freitag gab es eine vergleichsweise unspektakuläre Nachricht, die aber für das Finanzsystem bedeutend ist: Die Europäische Zentralbank (EZB) wird am 4. November 2014 die Bankenaufsicht übernehmen.

Dass dies mit der Einrichtung eines weiteren bürokratischen Regulierungsregimes (PDF) verbunden ist, soll heute nicht Thema sein. In der Vergangenheit hat die EZB mehrfach betont, die Überlebensfähigkeit der Institute in einer Krise sei eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Notenbank die Aufsicht übernehme. Ich komme gleich dazu, was das bedeutet.

Wer die US-Serie Breaking Bad gesehen hat, wird wissen, was ich mit der Überschrift meine: In der Serie von Vince Gilligan verschwinden die Übergänge zwischen den “Guten” und den “Bösen”, und umgekehrt. Personifiziert wird das durch den gerade 50 gewordenen Familienvater und Chemielehrer Walter White.

Der SPIEGEL bezeichnete die Serie als die spektakulärste und verstörendste des amerikanischen Fernsehens. Eigentlich meint White es nur gut und tut alles für seine Familie, so sagt er zumindest ständig. Die Serie zeigt dann, welche Kettenreaktion eine anfängliche Regelübertretung auslösen kann, wenn sie hinter einem – sich ständig erweiternden – Geflecht aus Intransparenz und Tarnung vertuscht wird.

Seit Monaten muss ich bei der Lektüre von Berichten über den geplanten Banken-Stresstest der EZB an Breaking Bad denken. Wie in der Serie wird maximale Kraft dafür aufgewendet, in der Außendarstellung den Spießer zu mimen, während man im Hinterhof verzweifelt die Leichen zu beseitigen versucht. Dass Walter dabei vieles misslingt, gehört zum Kern der Serie.

Stresstests sollen die Wirkungen einer extremen Finanzmarkt- und Wirtschaftssituation auf die Solvenz und Zahlungsfähigkeit von Banken prüfen. Angeblich will die EZB diesmal strenger vorgehen als die EBA. Einige werden sich noch an das Theater im Sommer 2010 erinnern, als man den Finanzmärkten und Steuerzahlern ebenfalls verkaufen wollte, dass ein ausgeklügelter Stresstest die Solidität des europäischen Finanzsystems beweise. Kurz nach erfolgreich bestandenem Stresstest mussten einige Banken staatliche Hilfen in Anspruch nehmen.

Diesmal soll also angeblich alles anders werden, denn dem Stresstest wird eine Bilanzprüfung vorangestellt.

Auch Walter White hat nach jedem Gespräch mit seiner Frau und seinen Freunden, die zunehmend Verdacht schöpfen, Besserung gelobt. Ihm nahm man zeitweilig sogar ab, dass er sich wirklich ändern wollte. Aufgrund der Umstände ritt er sich aber immer tiefer in den Schlamassel. Demgegenüber verhalf ihm sein Alter Ego “Heisenberg” zu viel mehr Anerkennung – in der Unterwelt -, als die, die er in seinem Leben als krebskranker Familienvater bekam. Freilich auch zu mehr Gefahren.

Die EZB will mit ihrem “Banken-TÜV” einen “Gesundheitscheck” der wichtigsten europäischen Banken durchführen. Diese Begriffe aus dem Alltag sollen suggerieren, dass man es diesmal ernst meint.

Die Bewertung soll sich aus drei Bausteinen zusammensetzen [ausführliche Details der Bewertung]:

  1. Aufsichtliche Risikobewertung der Hauptrisiken, u. a. Liquidität, Verschuldungsgrad und Refinanzierung – nach quantitativen und qualitativen Kriterien
  2. Prüfung der Aktiva-Qualität (Asset Quality Review – AQR) der Vermögenspositionen (Kredite, Wertpapiere, Beteiligungen etc.), die Banken eingegangen sind. Dabei wird analysiert, ob die Bewertungen der Aktiva und der Sicherheiten adäquat und die damit zusammenhängenden Rückstellungen angemessen sind.
  3. Es wird ein Stresstest durchgeführt, mit dem die Widerstandsfähigkeit der Bankbilanzen geprüft wird.

Nun werden Banken und Verbände im Vorfeld nicht müde, zu versichern, dass man sich keine Sorgen zu machen brauche um den Stresstest in Deutschland. Man habe aus der Finanzkrise gelernt und seine Hausaufgaben gemacht.

Dass ein Großteil der Erholung nicht den Banken selbst, sondern den stabileren Kapital- und mit staatlicher Hilfe geretteten Staatsanleihemärkten zu verdanken ist, wird dabei gern unter den Teppich gekehrt. Immerhin, in der Deutschen Bank scheint sich die Auffassung durchzusetzen, dass man zur Erfüllung des Stresstests wohl noch ein paar Euro Kapital benötigt.

Auf welcher Basis nun viele zu wissen glauben, dass die Stresstests kein Problem sein werden, ist mir nicht klar. Das Interessante an der Diskussion im Vorfeld ist nämlich, dass wichtige Parameter für den Stresstest nach einem Bericht des Wall Street Journals erst heute bekannt gegeben werden.

Die Konstruktion aufsichtsrechtlicher Stresstests erinnert mich nicht nur an Breaking Bad, sondern auch an eine Passage aus Nassim Talebs Antifragilität. Darin schreibt er (Pos 1.672 ff.):
 

Unser Körper entdeckt Wahrscheinlichkeiten mit sehr viel größerer Findigkeit und geht mit Risiken wesentlich besser um als unser Verstand. Beispielsweise suchen Risikomanagementprofis in der Vergangenheit nach Informationen über das so genannte Worst-Case-Szenario und legen sie ihren Schätzwerten für zukünftige Risiken zugrunde – man nennt diese Methode »Stresstest«.

Sie untersuchen die schlimmste Rezession in der Geschichte der Menschheit, den schlimmsten Krieg, die schlimmste historische Zinsentwicklung. Ihnen entgeht aber völlig die Widersprüchlichkeit, dass dieser so genannte schlimmste Fall zu der Zeit, da er sich ereignete, schlimmer war als der damals geltende »schlimmste Fall«. …

Ähnlich war man beim Nuklearreaktor von Fukushima vorgegangen, der im Jahr 2011 von einem Tsunami getroffen und vollständig zerstört wurde. Er war mit der Maßgabe gebaut worden, das schlimmste Erdbeben, das je in dieser Region stattgefunden hatte, überstehen zu können.

Sehr viel Schlimmeres konnten sich die Erbauer nicht vorstellen – und sie zogen nicht in Betracht, dass das schlimmste Ereignis in der Vergangenheit natürlich seinerseits eine Überraschung gewesen war, da es so etwas vor ihm nie gegeben hatte.

 
Was meine ich nun mit dem Vergleich mit “Heisenberg”, der stets gestresst ist, weil er seine Verbrechen vertuschen und Leichen beseitigen muss?

Ich wundere mich ständig über Aktivitäten, die darauf hindeuten, dass man die Bilanzen in letzter Sekunde ein wenig hinbiegen möchte, wie zum Beispiel bei der Unicredit. Nach einem Bericht des Handelsblatts soll eine milliardenschwere Bad Bank helfen, den wachsenden Berg fauler Kredite zu reduzieren. Da ist dann zu lesen, dass sich die Bad Bank “um die Problemkredite kümmert”. Was das genau heißt, wird nicht gesagt.

Auch White sprach gegenüber seiner Frau von lösbaren Problemen, über deren Details er aber nicht reden wollte.

Dann war im Februar zu lesen, die EZB wolle Finanzinstituten mehr Zeit geben, um ihre Kapitallücken zu schließen. Wenn die EZB also mit Kapitallücken rechnet, kann es ja so entspannt nicht sein, wie nach außen getan wird. Für Heisenbergsche Unschärfen spricht auch, dass die EZB ausgerechnet mit Staatsanleihen “schonend umgehen” will – die den Banken in den vergangenen Jahren so zugesetzt haben.

Noch mehr gewundert habe ich mich über einen letzte Woche bekannt gewordenen “Streit um die Gläubigerbeteiligung”.

Nach einem Bericht des Handelsblatts streiten EU-Kommission und EZB “um die Subventionierung kapitalschwacher Banken. Kapitallücken, die beim EZB-Stresstest aufgedeckt werden könnten, sollen weiterhin mit staatlichen Geldern gestopft werden”.

Moment!

Gestopft werden, mit staatlichen Geldern? Hatte nicht erst vorvergangene Woche Europa die Verabschiedung der “Bankenunion” durch das EU-Parlament gefeiert?

Verbreitet wurde in der Folge, die Bankenunion solle das Ziel haben, dass Steuerzahler nicht mehr haften. Gut, geglaubt hat das ohnehin niemand, und für mich war das stets Muppet-Rhetorik. Und es interessiert auch die EZB nicht. Sie will das “Bail-in-Prinzip”, das zunächst eine Belastung der Eigentümer und Gläubiger vorsieht, abschwächen, weil sie sich um die Finanzmarktstabilität sorge, berichtete das Handelsblatt.

Irgendwie scheinen sich hier also die verschiedenen Drehbücher zu widersprechen. Martin W. Hüfner schrieb vergangene Woche in dem Beitrag Warum können Banker nicht wie Bäcker sein? auf Risknet:
 

“Eigentlich müssten die Banken so gesund sein wie schon lange nicht mehr. Seit der großen Finanzkrise, also seit mehr als fünf Jahren, wird alles getan, um sie “zu retten”. In der vergangenen Woche wurde das große Gesetzespaket der Bankenunion beschlossen. Trotzdem stehen sie nach wie vor in der Kritik.

Da stimmt doch etwas nicht. Könnte es sein, dass wir bei der Gesundung des Bankensektors auf das falsche Pferd setzen? Ja, das glaube ich in der Tat.”

 
Hüfner formuliert dann eine Position, die ich seit Jahren vertrete:
 

“Die bisherigen Maßnahmen sind der falsche Ansatz. Die Banken müssen nicht mehr reguliert werden. Sie müssen vielmehr zuerst wieder Teil der Marktwirtschaft werden.

In einer Wettbewerbsordnung geht es nicht in erster Linie um Kultur oder um staatliche Vorschriften für einzelne Unternehmen. An oberster Stelle steht der Wettbewerb, vor allem die volle Haftung der Banken für ihr Geschäft. Das ist die Voraussetzung dafür, dass sie als Unternehmen funktionieren.”

 
Der Chemielehrer Walter White wird in Breaking Bad immer wieder von seinem Heisenberg eingeholt, weil das Kochen von Chrystal Meth Anerkennung und Liquidität verschafft. Fast bis zum Schluss glaubt White, dass er seine Umwelt mit Täuschungen überlisten kann. Erst im Lauf der der 5. Staffel spürt er, dass ihm die niemand mehr abnimmt. (Wie es am Ende ausgeht, will ich hier nicht verraten.)

Um hier nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte die Aktivitäten um den Stresstest – im Gegensatz zu den Aktivitäten von Walter White – nicht für illegal. Aber in Sonntags- und Kongressreden von Politikern, Banken und Aufsichtsbehörden heißt es, es müsse mehr Transparenz über die Stabilität des Finanzsektors hergestellt werden. Diese wohlklingenden Bekenntnisse werden beklatscht und dann ignoriert.

Damit bestätigen sich die Grundprinzipien unserer marktwirtschaftlichen Ordnung, dass diejenigen kein Interesse an Transparenz haben, die ihre Einnahmequellen schützen und Risiken an unbeteiligte Dritte geben wollen. So tragen dann doch alle ihren kleinen Heisenberg stets mit sich herum.

 

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