Flug MH 370 und der Mythos von der absoluten Kontrolle

| 08.04.2014 | Ein Kommentar

Wir haben uns daran gewöhnt, alles schnell, umfassend und scheinbar stimmig erklärt zu bekommen. Nur selten werden wir daran erinnert, dass es weder die hundertprozentige Kontrolle noch einfache Erklärungen für alles gibt.

Am 8. März verschwand das Flugzeug der Malaysia Airlines mit der Flugnummer MH 370 von den Radarschirmen und seitdem komplett von der Bildfläche. Die Suche nach MH370 ist längst zum Geduldsspiel geworden, wird scheinbar täglich verstärkt und ist dabei längst aus den Schlagzeilen verschwunden. Das Thema ist bereits wieder out.

Wie üblich bei ungewöhnlichen Ereignissen, konnten hier wieder gewohnte (Medien-)Reflexe beobachtet werden. Ungezählte Experten spekulierten über das mögliche Schicksal des Fluges mit 239 Menschen an Bord. Andere fragten, wie es im Zeitalter der vermeintlichen totalen Überwachung sein könne, dass niemand erklären kann, was hier passiert sei.

Offensichtlich erwartet die digitale Medienöffentlichkeit im Zeitalter der Aufmerksamkeitsökonomie in Echtzeit eine belastbare und umfassende Erklärung für ungewöhnliche Ereignisse wie das rätselhafte Verschwinden einer Boing 777. Solche Anspruchshaltungen versuchen “Experten” seit Jahren durch eloquent vorgetragene Erklärungen zu nähren.

Philip Eppelsheim griff die öffentliche Verwunderung vorvergangenen Sonntag in der FAS in dem Beitrag “Verschwunden” auf (nur offline erhältlich):
 

Wir staunen, … [w]eil wir einfach keine Erklärung dafür haben, wie dieses Flugzeug verschwinden konnte. Das konnte eigentlich nicht sein. Nicht in dieser Welt, nicht in dieser Zeit.

 
Er bezieht sich damit auf die aktuelle Totalüberwachung, die insbesondere Edward Snowden offengelegt hat und die suggeriert, es gäbe für nichts und niemanden mehr ein Rückzugsgebiet, in dem sein Handeln nicht beobachtet werden kann. Er fährt fort:
 

Hätte vor dem 8. März jemand gesagt, dass Flugzeuge verschwinden können, er wäre ausgelacht worden. […] Nun hat sich aber gezeigt, dass ein Flugzeug doch verschwinden kann. Dass es immer noch Dinge git, die nicht zu verhindern und auch nicht zu erklären sind.

 
Die totale Überwachung und Kontrolle erweisen sich erneut als großer Mythos. Ebensowenig gibt es die sofortige Erklärung für alles. So tragisch dasEreignis für die Passagiere und deren Angehörige ist, so notwendig ist es auch, deutlich zu machen, dass unsere Politiker, Behörden und Fachleute eben nicht alle Risiken unter Kontrolle haben, geschweige denn, alles erklären können. Sie sind weit davon entfernt.

Ich habe zwar längst nicht alle Meldungen gelesen, dennoch wäre es mir sicher aufgefallen, wenn ein “Experte” gesagt hätte: “Sorry, wir haben keine Ahnung.”  Das ist natürlich nicht das, was gewöhnlich von einem Fachmann erwartet wird.

Die Öffentlichkeit ist es gewohnt, von Experten  einfache Erklärungen zu hören und Antworten, wie man einen Missstand künftig abstellen kann. Wenn das dann auch noch prägnant und plausibel vorgetragen wird, interessiert sich niemand für die Begründung. “Die Form siegt über den Inhalt”, schrieb Hansruedi Ramsauer dazu einmal in seinem Blog (Beitrag ist nicht mehr online).

Das erinnert mich fast zwangsläufig an Daniel Kahnemans Illusion des Verstehens, über die ich im vergangenen Jahr geschrieben habe. In Anlehnung an Kahneman dürfte auch klar sein, was passiert, wenn irgendwann das Wrack gefunden wird: Dann wird nämlich die Geschichte so konstruiert und erklärt, dass sie im Nachhinein vollkommen plausibel erscheint.

Nach Kahneman versuchen wir Ereignisse im Licht unseres Wissens zu verstehen. Für den Zufall und nicht erkannte oder unerklärbare Phänomene ist darin kein Platz:
 

“Wir können einfach nicht anders, als mit den beschränkten Informationen, die wir besitzen, so zu verfahren, als wären sie alles, was man über das Thema wissen kann. Aus den uns verfügbaren Informationen konstruieren wir die bestmögliche Geschichte, und wenn es eine gute Geschichte ist, glauben wir sie.”

 
Nach Kahneman sind wir nicht auf der Suche nach Zusammenhängen, sondern nach Kohärenz. In einem Interview mit dem Philosphie Magazin (nicht online) sagte er im vergangenem Jahr:
 

“Nun hängt die Kohärenz nicht von der Menge der Erkenntnisse und der Beweise ab, die man zu einem Thema hat: Wir können sehr starke Schlussfolgerungen ausgehend von sehr wenigen Details ziehen. Das nenne ich ‘WYSIATI’ – ‘What you see is all there is’ [Allein die verfügbare Information zählt], es leitet die meisten unserer Wahrnehmungen.”

 
Kahneman erklärt leider nicht, warum wir uns zufriedengeben mit Erklärungen, die zwar nicht stimmen (müssen), die wir aber für richtig halten. Eine mögliche Antwort darauf könnte die Evolutionstheorie geben.

Der Evolutionsbiologe Edward O. Wilson schreibt in seinem Buch “Die Einheit des Wissens”:
 

“Außerhalb unseres Kopfes existiert eine von uns unabhängige Realität. Nur Verrückte und ein paar konstruktivistische Philosophen bestreiten das.

Innerhalb des Kopfes existiert eine Rekonstruktion dieser Realität, basierend auf Sinnesreizen und selbstentworfenen Vorstellungen. Reize und Selbstentwürfe formen den Verstand, nicht etwa irgendeine unabhängige Entität im Gehirn, jener Geist in der Maschine, wie der Philospoph Gilbert Ryle es abfällig nannte. In Wirklichkeit haben die Idiosynkrasien der menschlichen Evolution dafür gesorgt, dass die äußere Realität nicht im Einklang mit der inneren Vorstellung von ihr steht.

Das heißt, die natürliche Auslese ließ ein Gehirn entstehen, das den Zwecken des Überlebens dienen sollte und nur zufälligerweise auch imstande ist, die Welt besser zu verstehen, als es für das Überleben nötig ist. Die angemessene Aufgabe der Wissenschaft ist es nun, dieses Missverhältnis zu diagnostizieren und zu korrigieren.

Auch wenn sie dabei noch ganz am Anfang steht, sollte niemand davon ausgehen, dass die objektive Wahrheit unmöglich herauszufinden ist, selbst wenn uns sogar die verantwortlichsten Philosophen drängen, endlich zu akzeptieren, dass dies völlig unmöglich sei. Vor allem ist es noch viel zu früh für die Wissenschaftler, diese Infanteristen der Erkenntnistheorie, ein Territorium aufzugeben, das derart lebenswichtig für ihre Mission ist.”

 
Crosspost vom Blick Log