Ausgelagerte Verantwortung: Tracking, Überwachung und Big Data

Sascha Lobo bringt in einem FAZ-Artikel die Probleme von Überwachung und Big Data auf den Punkt und lenkt die Debatte endlich dahin, wo sie hingehört: in das Zentrum menschlichen Denkens und Handelns.

Viele verwechseln gar die Mittel und den Zweck, erfreuen sich an jenem, ohne diesen im Auge zu behalten.

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 
Überwachung ist keine Erfindung des Internets, sie ist offenbar eher ein menschliches Grundbedürfnis. Es gibt auch nicht DIE Überwachung. Überwachung an sich erfolgt in Abstufungen und mannigfaltigen Ausformungen. Anhand von drei kleinen Szenarien möchte ich dies verdeutlichen und damit gleichzeitig versuchen, zu vermitteln, warum das Thema so diffus, so schwierig einzuordnen, so überfordernd ist.

 

Szenario A: Der kleine Blogger

Der kleine Blogger betreibt sein Weblog, weil er seine Gedanken teilen möchte. Jeder Klick ist für ihn eine Belohnung. Jeder “Like” eine positive Resonanz, die ihn ermutigt, weiterzumachen.

Um dieses Feedback überhaupt sichtbar zu machen, benötigt der kleine Blogger eine Technologie, die Daten sammelt und Daten auswertet. Eine Webseitenüberwachung. Eine Webstatistik. Daraus kann der kleine Blogger dann ablesen, wer zu welcher Zeit seine Seite besucht hat. Das freut ihn sehr.

 

Szenario B: Der große Blogger

Der große Blogger betreibt sein Weblog, weil er damit Geld verdienen möchte. Jeder Klick ist für ihn bares Geld. Jedes “Like” ein positives Signal für seine Werbepartner, damit sie weiterhin Werbung auf seinem Blog schalten.

Um dieses Feedback überhaupt sichtbar zu machen, benötigt der große Blogger eine Technologie, die Daten sammelt und Daten auswertet. Eine Webseitenüberwachung. Eine Webstatistik. Daraus kann der große Blogger nicht nur ablesen, wer zu welcher Zeit seine Seite besucht, er kann daraus auch Rückschlüsse ziehen, welche Beiträge besonders gut bei welchen Menschen ankamen und zu welcher Zeit gelesen wurden und damit am Ende besonders viel Geld einbringen. Das freut ihn sehr.

 

Szenario C: Der Geheimdienst

Der Geheimdienst betreibt sein Fake-Weblog, weil er damit Staatsfeinde identifizieren möchte. Jeder Klick auf die Bombenbauanleitung stammt für ihn von einem potentiellen Terroristen, jedes “Like” ist ein Hinweis auf einen möglichen Staatsfeind.

Um dieses Feedback sichtbar zu machen, benötigt der Geheimdienst eine Technologie, die Daten sammelt und Daten auswertet. Eine Webseitenüberwachung. Eine Webstatistik. Daraus kann der Geheimdienst nicht nur ablesen, wer zu welcher Zeit seine Seite besucht, er kann auch Rückschlüsse ziehen, ob es sich dabei um einen möglichen Terroristen handelt. Das freut ihn sehr.

“Datatracking” und “Datamining” ist immer nur ein Mittel zum Zweck. Der Zweck ist aber dabei das Entscheidende. Der Zweck macht den Unterschied. Es ist nicht das Gleiche, ob ich mit “Big Data” Krebs heilen möchte, den Menschen Produkte aufschwatzen will, die sie gar nicht brauchen, oder die Voraussetzung schaffe, um angebliche Terroristen mit Drohnen zu töten. Das sollte man nicht einfach durcheinander würfeln.

Es macht ja auch absolut keinen Sinn, über die Existenzberechtigung von Messern zu diskutieren, nur weil damit manche Menschen andere Menschen umbringen, während die meisten anderen Menschen sich damit lediglich eine Scheibe Brot abschneiden. Das Messer allein macht Menschen nicht zu Hals- oder zu Brotabschneidern. Aber das Messer bedient natürlich wunderbar ein im Menschen schlummerndes Bedürfnis: Es ist das Mittel zum Zweck.

Daher sollten wir nicht darüber diskutieren, ob es legitim ist, Unternehmen unsere Daten zu geben, sondern wir sollten vielmehr einfordern, was mit diesen Daten jeweils (!) geschieht, was Sinn und Zweck und vor allem die mögliche Konsequenz der jeweiligen (!) Datensammlung und -auswertung sind.

Es macht, wie gesagt, einen Unterschied, ob die Schufa meine Daten sammelt, um mich einem existenziellen Scoring auszuliefern, das dann darüber entscheidet, ob ich kreditwürdig bin oder nicht, oder ob Facebook meine Daten indirekt an Werbekunden verkauft, ihnen also Zugang zu meiner Wahrnehmung gibt.

Es macht einen Unterschied, ob die NSA Länder wegen wirtschaftlicher und geostrategischer Vorteile abhört oder sie nach potentiellen Staatsfeinden scannt. Es macht auch einen gigantischen Unterschied, welche Konsequenz sich aus dem jeweiligen Abhören ergibt.

Will man mich für staatskritische Ansichten (die je nach Staat sehr unterschiedlich ausfallen) einsperren, mundtot machen oder automatisiert exekutieren lassen, oder will man einfach nur für den Fall der Fälle gewappnet sein? Sich absichern, eben weil man als Staatsbediensteter und Mensch sich für viele Millionen Menschen verantwortlich fühlt und es tatsächlich immer mal wieder ein paar Irre gibt, die andere Menschen in die Luft sprengen wollen?

Letzteres ist aber etwas völlig anderes, als sich durch Informationen einen Wissensvorsprung zu verschaffen und wirtschaftlich besser dominieren zu können. Gleiches gilt für Unternehmen und ihre “Überwachung”: Will man mir passende Angebote unterbreiten, weil sie wirklich meinem Interesse entsprechen könnten, oder will man mich einfach nur bestmöglich übers Ohr hauen? Das sind elementare Unterschiede, und ich würde mich außerordentlich freuen, wenn ich nicht mehr mit Angeboten konfrontiert würde, die so gar nicht zu meiner Lebenswirklichkeit passen.

Lasst uns also bitte lieber über den Sinn und Zweck von Werbung, über Sinn und Zweck von Massenkonsum, über Sinn und Zweck jeweiliger politischer Herrschaftsstrukturen reden: nicht alles gleich in einen Topf mit Namen “Big Data” werfen und an der schieren Unendlichkeit und Überfülle des Themas ohnmächtig in uns zusammensacken, den Untergang von Allem herbeibeschwören und am Ende die Technologie zum alleinigen Sündenbock deklarieren. Das ist zu einfach und führt zu nichts.

Die Zwecke, die Gründe, aus denen Technologien und alle Arten von Werkzeugen heute benutzt werden, wie sie benutzt werden, sind wesentlich älter und wichtiger als die Werkzeuge und Technologien selbst.

Am Anfang war der Wille, das Interesse. Lasst uns doch darüber reden. Und lasst uns vor allem darüber diskutieren, wie sehr wir uns auf diese Daten wirklich verlassen wollen. Wie sehr wir komplexe, menschliche, nicht-triviale Entscheidungen auf simple, triviale Maschinen verlagern wollen.

Sascha hat vollkommen Recht, wenn er schreibt:
 

“Das ist das Gruseligste an dieser [Big Data] Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss.”

 
Ja, die Technologie ist die große Versuchung, die eigene Verantwortung, die eigene Entscheidung aus der Hand zu geben und die eigenen Hände in Unschuld zu waschen. Aber selbst die Versuchung ist menschlich. Sie wächst nämlich auch deshalb, weil gleichzeitig der Druck auf die entscheidende Person zunimmt, weil die Komplexität und die Transparenz der Konsequenz aus der jeweiligen Entscheidung zunehmen. Wir sind uns immer mehr der Interdependenzen, also den jeweiligen Abhängigkeiten voneinander und von unseren Entscheidungen, bewusst. Die Technologie (und gerade das Internet) erschaffen die Komplexität und Abhängigkeiten nicht, sie decken sie nur stärker auf.

Um ein Beispiel anzuführen: Spätestens seit dem Vietnamkrieg stehen die Befehlshaber unter stärkerem öffentlichen Druck, weil die bewegten Bilder des Krieges durch das Fernsehen erstmals eine breite Masse von Menschen global erreichen konnten. Ich nenne das die Transparenz der Konsequenz. Die Konsequenz der Transparenz war in diesem Fall die Protestwelle der 68er auf internationaler Ebene. Die USA musste sich erstmals bei der Bevölkerung für einen Kriegseinsatz rechtfertigen- ein Novum.

Die bisher aus dem stillen, abgeschirmten Kämmerlein mit abstrakter Weltkarte erteilten Befehle erhalten durch diese Transparenz plötzlich eine ganz andere Gewichtung. Doch nicht nur der öffentliche Druck lastet auf der jeweiligen verantwortlichen Person, auch die eigene empathische Gefühlswelt steht dem Befehlshaber oftmals im Weg. Eine Entscheidung lässt sich im Angesicht der unmittelbaren Konsequenz und der eigenen Gefühlswelt wesentlich schwieriger fällen. Dadurch, dass Auswirkungen des globalen Handels unmittelbar durch Bilder transportiert werden, wächst auch die “Gefahr” der empathischen Gefühlsregung, etwa beim Nahrungsmittelspekulanten. Die Lösung: Entweder Soziopathen den Job machen zu lassen, oder die Maschinen und damit die Algotrader übernehmen das Business.

Eine Maschine kennt keine Empathie, kennt keine Angst, kennt kein Mitgefühl und keine Skrupel. Eine Maschine entscheidet angeblich “vernünftig”, also rein rational, und rechnet die menschlichen Dilemmata rein mathematisch, als einen entmenschlichten Spielzug, aus. Eine Maschine bereut nichts, eine Maschine kann verantwortlich gemacht werden, ohne selbst Verantwortung zu tragen. Die Maschine ist damit das, was sie schon immer war: Eine Entlastung für den Menschen.

Doch wollen wir das wirklich? Wollen wir derart komplexe menschliche Entscheidungen Maschinen und Formeln überlassen? Ich möchte mein Leben nicht der Entscheidung von Algorithmen überlassen.

Die Internetutopie ist keine Technikutopie. Die Internetutopie speist sich allein aus den Gedanken rund um den menschlichen Zweck. Wir stehen vor einer teleologischen und nicht vor einer technologischen Frage: Was für eine Welt wollen wir gestalten, welche Mittel wenden wir dazu an, und was müssen wir tunlichst unterlassen?
 
Crosspost vom Blog der Karlhochschule