Milchmädchenrechnen

Unsere Daten sind richtig was wert. Warum drehen wir den Spieß nicht einfach um?

 
 
Es sind manchmal die kleinen Sachen, die einen aufhorchen und nachrechnen lassen.
 

“Der Wert personenbezogener Daten hat zugenommen: Im Jahr 2011 wurden die Daten von EU-Bürgern auf einen Wert von 315 Mrd. EUR geschätzt, und es ist von einem jährlichen Anstieg auf nahezu 1 Bio. EUR bis 2020 auszugehen.”

 
Boah, 1 Billion Euro! Und zwar eine ganze, richtige, nicht falsch übersetzte Billion! Die EU hat aber immerhin 505 Millionen Einwohner – der Wert meiner persönlichen Daten lag daher 2011 bei 623 Euro. Bis 2020 werde ich noch weiter ausspioniert und bin dann immerhin 1980 Euro wert. Endlich weiß mich jemand mal wertzuschätzen!

Aber …

Im Vergleich zu anderen Ausgaben sind das Peanuts. Könnte ich unter Umständen einmal auf ein neues Smartphone verzichten und euch Pissern 623 Euro zahlen, und ihr hört im Gegenzug damit auf, mich ständig auszuspionieren? Ich bin mir auch sicher, dass ich bis 2020 ein paar Energiesparlampen einschrauben und euch die fehlenden 1357 Euro überweisen kann.

Nächste Rechnung.

Die Netto-Werbeeinnahmen sämtlicher Medien in Deutschland lagen 2012 bei 18,42 Milliarden Euro. Bei 80 Millionen Einwohnern wird also jeder von uns über die Medien mit einem Werbeetat von 230 Euro beschallt. Das macht pro Monat … 19,18 Euro.

Könnten wir vielleicht die GEZ abschaffen, die Einnahmen umverteilen, und ihr hört mit dem ständigen Genöle rund um Printkrise, böses Internet und so weiter auf? Und dafür macht ihr bitte vernünftigen, nicht nur auf die Werbevermarktung schielenden Journalismus?

Und auch du, liebe Musikindustrie: Du hast 2012 1,435 Milliarden Euro umgesetzt. Jeder Deutsche hat also 17,93 Euro für eure Produkte ausgegeben.

Wie wär’s, wenn ich euch das jedes Jahr einfach so überweise? Am 1. Januar ist das Geld bei euch auf dem Konto und dann kann ich fleißig Musik runterladen, hier im Blog zum Download anbieten, öffentlich aufführen und so weiter. Deal? Hört ihr dann auch auf, ständig zu versuchen, unser Internet kaputt zu machen?

Auch ihr, liebe Adressenhändler: Euch geb ich gerne Geld. Im Shop des Adressenhändlers Schober kann ich gucken, was für meine Adresse gezahlt wird, wenn sie einmal in den Fängen der Datenkraken ist, und stelle mit Schrecken fest, dass ich mittlerweile zur Altersgruppe 31-45 zähle. 24 Cent pro Adresse. Hier, ich runde sogar auf 30 Cent auf und dafür lasst ihr das mit den ollen Werbebriefen. Danke.

Facebook macht 2,6 Milliarden Dollar Umsatz, mit Werbung erwirtschaftet es 2,3 Milliarden Dollar. Bei 1,2 Milliarden Nutzern sind das 2,16 Euro Umsatz pro Nutzer. Das überweis ich euch auch gerne, wenn ihr im Gegensatz dazu eure Webseite vernünftig gestaltet.

Und auch Google  – 14 Milliarden Dollar Umsatz sind eine Hausnummer, und die Zahl der Google-Nutzer ist nur schwer zu ermitteln. Der Umsatz liegt aber auch “nur” bei 2 Dollar pro Weltbevölkerungskopf, und ich wär sogar glatt bereit, ein paar Kröten jährlich draufzulegen, damit die Ärmsten der Armen das nicht zahlen müssen.

Und zum Schluss die schlimmste Datensau: Das Budget der NSA beträgt 10,8 Milliarden Dollar. Wenn die ganze Weltbevölkerung in den Ablösetopf zahlt, sind das 1,54 Dollar pro Kopf. Wenn wir Deutschen unsere Sparstrümpfe plündern und das alleine stemmen, zahlen wir 135 Euro im Jahr.

Wie die Verbandsgemeinde Kirchheimbolanden informiert, könnte jeder Haushalt diese Summe sparen, wenn er auf programmierbare Heizungsthermostatventile umsteigt. Lasst uns also einfach mal ein paar neue Thermostate kaufen und den Jungs aus Fort Meade ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen können. Die Pferdeköpfe müssen wir ja nicht unbedingt in die Lasagne packen.

Das ist Blödsinn?

Natürlich. Trotzdem sollte man ruhig mal über die üblichen Geschäftsmodelle nachdenken. Warum gibt es eigentlich kein Buy-Out aus der Werbevermarktung? Der Deal könnte fair sein – wir bieten euch einen Premium Account an, dafür verzichten wir auf die nervige Totalvermarktung eurer Daten? Eine monatliche Gebühr für den Google-Account, dafür bekommt man keine Werbung mehr angezeigt, wird nicht mehr quer durch das Internet getrackt, und die Mails bei Gmail werden nicht mehr gescannt und können daher verschlüsselt gespeichert werden?

Zum anderen sind manche Branchen volkswirtschaftlich nicht so bedeutend, wie sie gerne schreien. Der Umsatz der Musikindustrie beträgt mit 1,435 Mrd. Euro gerade mal 0,2 BER pro Jahr – selbst wenn sie vollkommen den Geist aufgibt, ist unser Bruttoinlandsprodukt von 2735 Mrd Euro nicht sonderlich betroffen.

So tragisch das für die Betroffenen wäre – es ist jetzt keine Branche, die so wichtig ist, dass man zur Verfolgung von Urheberrechten wichtige Grundrechte abschaffen müsste.

 
Crosspost von Schmalenstroer.net