Ruhe auf den billigen Allgemeinplätzen!

Hohle Phrasen und leere Worthülsen sind nicht nur Zeichen fehlender Kreativität. Sie offenbaren vor allem mangelnde Recherche.

Wegen der Krim droht eine Neuauflage des Kalten Krieges; die Lehrpläne fürs Turbo-Abi müssen entrümpelt werden; die Notenbanken überschwemmen die Märkte mit Geld. Geht’s vielleicht noch ein bisschen konkreter? Aber klar doch: Immer mehr Beobachter befürchten eine Zuspitzung der Lage. In Zeiten der Globalisierung muss Deutschland konkurrenzfähig bleiben, um den Anschluss nicht zu verlieren. In Situationen wie diesen sind Fingerspitzengefühl und Augenmaß gefragt.

Noch Fragen?

Es gibt tatsächlich Reporter, die solche Sätze schreiben, und Redakteure, die sie auch noch durchwinken. Mit gutem Journalismus hat das nicht viel zu tun. Phrasen wie diese bieten weder neue Informationen noch originelle Sichtweisen. Es sind Null-Aussagen, denen wohl jeder zustimmen kann, ohne genau zu wissen, was eigentlich gemeint ist. Dabei offenbaren sie vor allem fehlende Kreativität und mangelnde Recherche.

Okay, nicht jede Formulierung kann kreativ sein. Wer Sätze mit „immer mehr“ oder „bleibt abzuwarten“ schreibt, wer seine Texte mit „Nun ist es offiziell“ oder „Wer kennt das nicht“ beginnt, ist nicht unbedingt ein schlechter Journalist.

Wer kennt ihn schließlich nicht, den Zeitdruck, unter dem immer mehr Journalisten stehen? Und schließlich soll es tatsächlich Journalisten geben, die „irgendwas 2.0“ für neu halten oder glauben, eine „Generation irgendwas“ entdeckt zu haben. Naja, Geschmackssache.

Viel schlimmer ist es, wenn fehlende Recherche durch Allgemeinplätze vertuscht werden soll. Was bedeutet es genau, wenn eine Bank „toxische Wertpapiere“ besitzt? Wenn ein „hochverschuldetes Land“ „über seine Verhältnisse lebt“ und anschließen unter einen „Rettungsschirm schlüpft“? Wie würde denn eine „Neuauflage des Kalten Krieges“ aussehen? Wo versickert das Geld, das angeblich die „Märkte überschwemmt“? Und wie zum Teufel legt man Finanzmärkten eigentlich „Fesseln“ an?

Es gibt guten Journalismus, der diese Fragen beantwortet. Es gibt aber auch jede Menge schnappatmige Texte, deren Autoren fehlendes Wissen hinter fremden Formulierungen verstecken. Und davon hat kein Leser etwas. In einigen Fällen schadet es sogar.

Beispiele:

  • Fachkräftemangel“: Vom Gerede über einen drohenden Facharbeiter- und Ingenieursmangel profitieren vor allem Unternehmen, die ein wirtschaftliches Interesse an einem Überangebot von Arbeitskräften haben. Das senkt den Preis für den einzelnen Angestellten. Noch ist aber kein Mangel ist Sicht.
  • Armutszuwanderung“: Politiker, die vor einer Flüchtlingswelle und Einwanderung in die Sozialsysteme warnen, erhoffen sich Wählerstimmen, indem sie rassistische und nationalistische Vorurteile bestätigen. Dass Deutschland weit von einer Flüchtlingswelle und massenhafter Einwanderung entfernt ist, stört sie wenig.
  • „Notenpresse“: Bankenvertreter behaupten gerne, eine „Politik des billigen Geldes“ führe unweigerlich zu hoher Inflation. Dabei wissen sie genau, dass alle Anzeichen dagegen sprechen. Solange die Angst vor der Geldentwertung aber größer ist als die tatsächliche Preissteigerung, lässt sich mit inflationssicheren Anlagen viel Geld verdienen.

Journalisten, die diese Phrasen trotzdem nachplappern, helfen Parteien, Verbänden, Interessengruppen dabei, die öffentliche Diskussion in gewünschte Bahnen zu lenken. Freiwilliges Framing, der Traum jeder PR-Abteilung. Ein Alptraum für eine aufgeklärte Öffentlichkeit.

Reporter und Redakteure sollten dringend aufhören, dieses Phrasen-Bingo zu spielen. Die Öffentlichkeit braucht keine Papageien, die auf den Schultern von PR-Abteilungen hocken und deren Plattitüden nachplappern. Sie braucht Journalisten, die tief genug recherchieren – um dann selbstbewusst auf leere Worthülsen zu verzichten.

PS: Ich sammle die plattesten Phrasen bei Medienbingo.