Zwei Sichtweisen · Auf den Schlips getreten

In Wirklichkeit geht es nicht um die Einstellung, die ein Kleidungsstück zu suggerieren scheint. In der Medienwelt findet gerade der große Kampf um die Fleischtöpfe statt.

Disclaimer: In den nächsten Zeilen ist jedes Wort ganz genau abgewogen und abgezirkelt. Denn dies ist ein Text, der einerseits vermeiden möchte, von Menschen falsch verstanden zu werden, die sich in ihrer Ehre als Journalist gekränkt fühlen könnten. Aber er soll gleichzeitig ein Beitrag sein, um die Kirche wieder ins Dorf zu holen.

Das Thema ist schnell skizziert: Journalisten unterschiedlicher Provenienz haben in den letzten Tagen Selbstporträts verbreitet, in denen sie ihre Kapuzenjacke zur Schau stellten und je nach Stimmungslage ein mal mehr, mal weniger grimmiges Gesicht. Was macht man nicht alles, um seiner Twitter-Timeline immer wieder etwas Neues zukommen zu lassen?

Kaum auf Touren gekommen, wurde die Bilder-Kampagne mit hochschwangeren Wörtern versehen. Der Tagesspiegel taufte den Vorgang eine “Debatte”. Andere nannten das Spontangeschehen eine “Twitter-Welle von Solidarität”.

Ja, so weit sind wir gekommen, dass wir das Verhalten von Seilschaften und kleinen Interessensgruppen in der Kommunikationsindustrie mit Begriffen adeln, die nichts mit dem Vorgang selbst zu tun haben.

Debatte? Das war doch eher Comedy. Solidarität? Mit wem oder was?

Weil die Sache nach einem Oberbegriff giert, möchte ich einen vorschlagen: Geisterbahn. Das ist diese große Kirmes-Bude, in der im Dunkeln ein paar Meinungsmacher das Ersteigen von Karriereleitern und das Antichambrieren erfolgreicher Aufsteiger zu einem Ereignis mit Relevanz-Verdacht umdeuten und den Rest der Branche da draußen zu einer Fahrt durch die Galerie der Schreckgespenster einladen.

Wenn man, so wie ich das tue, die Online-Facette von Journalismus schon seit ein paar Jahren ernst nimmt und mit Bloggen und Twitter und Instagram und mit der Arbeit an Online-Videos schon ziemlich gut dabei ist, kommt man bei solchen Geisterbahn-Spektakeln immer wieder ins Grübeln.

Gewiss. Debatten sollten wir tatsächlich führen. Aber richtige. Über die Honorierung von Online-Journalismus zum Beispiel und das Bezahlen von Kosten, die entstehen, wenn man rausgeht und recherchiert. Und Solidarität sollten wir tatsächlich üben, aber auf breiter Basis, um vielleicht endlich solche Stichwörter wie Arbeitskampf in die Runde zu werfen und mit Konsequenzen zu drohen.

Nur, was steht stattdessen immer wieder auf der Agenda? Auch so eine Art Kampf. “Kulturkampf” nannte etwa Jens Rehländer das @ploechinger-Dramolett am Montag in seinem Blog und stellte den Kollegen Harald Staun von der FAS kurz in den Stiefel.

Das kann man machen, aber ich hätte eigentlich lieber eine Einordnung von Jens Rehländer gelesen, die seine eigene Kolumne von vor ein paar Tagen noch einmal ins Spiel bringt, um dem ganzen Sachverhalt auf diese Weise ein paar Watt mehr Licht zu spenden.

Da stand, sehr gut begründet, eine zentrale Aussage, mit der sich das Dilemma der aktuellen Strukturkrise in den Medien nachvollziehen lässt: Großverlage können keine Innovation (er schrieb im Plural, der Singular wäre genauso korrekt, wenn nicht sogar prägnanter). Die Verlage können allerdings durchaus ihren Mitarbeitern und der Welt da draußen immer wieder etwas vorgaukeln. Die Macht haben sie, dass sie so tun können, als hätten sie Lösungen für die Zukunft im Ärmel. Ich tippe mal, das geht nicht weiter als solche Reflexe wie die Bestallung von “Internetexperten” in führende Positionen von großen Redaktionen wie der Süddeutschen Zeitung.

Irgendwann wird man auch die Integration der zwei Hauptplattformen Print und Online hinbekommen haben und die allzu großen Reibungsverluste in der täglichen Arbeit abgebaut. Innovation ist das allerdings nicht, sondern es handelt sich dabei schlichtweg nur um eine verspätete Anpassung des Workflow an die magnetischen Kräfte des Universums.

Staun hat darauf übrigens selbst aufmerksam gemacht, wie man eine solche Entwicklung einordnen sollte. Und zwar in einem Twitter-Text: “Das ist doch Steinzeit: die Vorstellung, dass die Front zwischen Print und Online verläuft”. Mal sehen, ob er zu diesem Gedanken demnächst noch etwas ausführlicher das Wort ergreift. Ich wäre darauf jedenfalls gespannt.

Die Front verläuft in unserer Branche tatsächlich ganz woanders. Wie man immer wieder an der Zeit sehen kann, die mit ihrer Geschichte über die Karriere des Chefredakteurs von sueddeutsche.de (und seine angeblichen journalistischen Schwächen) die entscheidende Rolle in dieser Angelegenheit gespielt hat. Dasselbe Haus, das anderntags einen freien Online-Mitarbeiter aus Russland zu schassen beliebte, nachdem er von einem festangestellten Journalisten von der Funke-Mediengruppe (WAZ etc.) über Twitter zur Zielscheibe gemacht worden war.

Muss man erwähnen, dass es sich um eine Mediengruppe handelt, die ihr Geld damit verplempert, sich auf Pump noch mehr Zeitungstitel zu kaufen? Und die dadurch immer größer wird, aber natürlich nicht innovativer?

Die Frage, ob Stefan Plöchinger ein Journalist ist (oder eher ein Manager), verblasst daneben. Genauso, wie die Frage danach, welches Weltbild der Medienredakteur der FAS hat und ob sich das aus einer Handvoll von Buchstaben tatsächlich herausfiltern lässt. Leute, die Spaß haben am Durchflöhen von Tumblr-Seiten mit Selfies und Gossip-Geschichten aus der Journo-Welt, werden wohl niemals müde werden, ihre Interpretation solcher Kinkerlitzchen hochzuspielen. Und so vergeht die Zeit. Und so verpufft die kreative Energie.

Es ist ein Reflex, der allerdings ganz gut die Gefühlslage einer frustrierten Medienarbeiter-Generation widerspiegelt, die prekär ist und mit jedem Tag schlechter wird. Und die natürlich noch verstärkt wird, wenn sie erkennen muss, dass ihnen die etablierten Kollegen keine vernünftige Karriereperspektive gönnen nach all dem Ackern in einem Milieu rapide sinkender Profitabilität.

Klar. Da fühlt man sich auf den Schlips getreten. Auch wenn man keinen hat. Oder nicht mehr trägt.
 
Crosspost von American Arena