Russland – stark oder schwach?

| 26.03.2014 | 8 Kommentare

Manchmal werden deutsche Journalisten Opfer ihrer eigenen Propaganda. So kursieren über die russische Wirtschaft einige verzerrte Vorstellungen.

Da stellt Marcus Theune, der aus sicherer Entfernung, nämlich aus London, berichtet, ein wirtschaftliches Chaos in Russland fest. Und aus Berlin meldet Nikolaus Blome, Russland „ist zurückgeworfen auf den Stand eines Schwellen- oder Entwicklungslandes“.

Vielleicht sollte sich Blome, wenn schon nicht aus Berlin, so doch aus seiner Fantasiewelt zurückziehen und sich ein paar reale Daten ankucken: Die Wirtschaft der Eurozone schrumpfte 2012 um 0,7% und 2013 um weitere 0,4%, während die Russlands um 3,4% bzw. 1,5% stieg. Wer wurde also hier zurückgeworfen?

Auch die Sache mit dem Schwellenland ist etwas komplizierter. Mit 15.000$ ist das BIP pro Kopf in Russland immerhin größer als in vier Ländern, die der OECD angehören, also dem exklusiven Klub der reichen Staaten. Das russische BIP pro Kopf ist nämlich höher als in Ungarn, Mexiko, Polen und der Türkei. Und es ist sehr viel höher als in den wichtigsten anderen Entwicklungs- und Schwellenländern: 37% höher als in Brasilien, 128% höher als in China, und 959% höher als in Indien.

Aber nicht nur Blome schreibt Quatsch, auch die Handelsblatt-Autoren Jan Malien und Jörg Hackhausen. „Russland ist auf Kapital aus dem Ausland angewiesen“, meinen sie. Aber stopp, nur wenig später heißt es: „Die Kapitalabflüsse gingen vor allem von Einheimischen aus.“ Ja, was denn nun? Kapitalimporte oder Kapitalabflüsse?

Tatsächlich weist Russland – wie Deutschland – regelmäßig einen Leistungsbilanzüberschuss auf, und das heißt auf der anderen Seite, es exportiert netto Kapital. Marcus Theunes‘ oben verlinkter Artikel „Londongrad“ dokumentiert ebendies.

Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass gerade die politische Krise die Wende einleitet. Aktuell wird nämlich gemeldet, dass russische Unternehmen wie auch die russische Notenbank ihre Gelder aus dem Westen heim holen – aus Angst davor, dass die Konten eingefroren werden.

Sollte die politische Krise eskalieren und es zu weitreichenden Handelssanktionen kommen, dann würden natürlich nicht nur – wie bereits berichtet – die meisten EU-Staaten leiden, sondern auch Russland. Die aktuelle Rubelabwertung wird dagegen die russische Wirtschaft stimulieren. Hier ist der Argumentation von Heiner Flassbeck zu folgen: Er diagnostiziert Russland die „holländische Krankheit“.

Das heißt: Wegen der Öl- und Gasexporte wertete der russische Rubel in der Vergangenheit so stark auf, dass darunter die russische Industrie litt. Ihre Produkte wurden auf den Exportmärkten zu teuer. Und das könnte sich nun ändern.

Selbst weitreichende Handelssanktionen hätten nicht nur einen negativen Einfluss auf die russische Wirtschaft. Man muss das wie Flassbeck sehen: Die Russen importieren hauptsächlich Maschinen und Fahrzeuge. Investitionen in den Maschinen- und Fahrzeugpark kann man aber auch ohne Probleme ein paar Jahre aufschieben. Und in der Zwischenzeit kann man ungestört die eigenen Industrie so weiterentwickeln, dass sie selbst ein paar Angebotslücken füllen kann.

Die Europäer brauchen dagegen hauptsächlich Gas und Öl, und dieser Bedarf lässt sich nicht aufschieben.

 
Crosspost vom Blog des Wirtschaftswurms; siehe auch die Diskussion dort und bei Eric Bonse. Zudem von Arne Kuster zum Thema: