Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland

| 25.03.2014 | 2 Kommentare

In der Informationstechnologie hinkt Deutschland der internationalen Entwicklung sträflich hinterher. Ein Erklärungsversuch

Es gibt einen Nationalen IT-Gipfel. Telekom-Unternehmen versprechen gefühlt jede Woche mantraartig den Ausbau ihrer DSL- und Mobilfunknetze. Werbungen zu Media-, Entertain-, DSL-, LTE und anderen Netzangeboten oder netzaffinen Angeboten bombardieren den Bürger in Print, Rundfunk, TV und sogar in diesem Internetz. Wir sind im Hochtechnologieland Deutschland.

Ich wohne in Selzen, einem Dorf mit weniger als zweitausend Einwohnern. Diese Gegend von Rheinhessen liegt mitten im Einzugsgebiet Rhein-Main. Das belegen mir der Berufsverkehr, die Grundstückspreise und die Mieten. Ich wohne also mitten im Hochtechnologieland Deutschland.

Also alles gut?

Die Entwicklung unseres Hochtechnologielandes hängt – wie global gesehen eigentlich jedes Land – im Wesentlichen von der Entwicklung des Digitalen ab. Manche bezeichnen dieses Digitale auch als #Neuland. Und wann immer es in Deutschland um etwas Neues geht, dann ist Widerstand angesagt und erste Bürgerpflicht – vor allem für Manager und Politiker.

In Deutschland ist dann das Digitale oft eine Glaubensfrage: Es wird entweder vergöttert oder verteufelt. Im zermürbenden Kampf um modernes und wettbewerbsfähiges Arbeiten versagt dann womöglich die deutsche Elite und platziert uns auf einem Abstiegsplatz. Da wird reflexartig verzögert, gehadert und verrissen.

Hilfreich ist, dass in Deutschland – und daher besonders beim Digitalen – alles hundertprozentig sein muss. Alles muss rechtlich geklärt und vor allem abgesichert sein. Das macht die Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg holprig in Bezug auf Verschlüsselung, Datenschutz, Datensicherheit oder Vertraulichkeitsklauseln. Gleichzeitig werden tagtäglich Unmengen an unverschlüsselten E-Mails mit Dokumentanhängen zwischen Unternehmen und/oder Agenturen ausgetauscht.

Paradox? Nicht, wenn es um den Glauben geht.

Denn dass die Inhalte sonst niemand sieht, ist mit Sicherheit eine Glaubensfrage. Die Arbeit und deren Zukunft ist ebenso eine Glaubensfrage: Befragungen, Studien, eigene Erfahrungen über den Zustand der Arbeit in unserer von Taylorismus geprägten, ja erfundenen Arbeitswelt zählen nicht, solange der Glaube dem nicht entspricht. Wir sind nicht rückständig, wir sind das Land der Dichter, Denker, Ingenieure und Erfinder. Wir gehen voran.

Nur nicht im Digitalen.

Ich habe einen 16 MBit/s-Tarif im Hochtechnologieland Deutschland. Tatsächlich liefert die DSL-Vermittlungsstelle nur 9964 Kbit/s. Bis vor ein paar Monaten waren es noch über sagenhafte 12 MBit/s. Bei dem Versuch, eine Klärung durch meinen Internet-Serviceprovider (ISP) zu erwirken, sagte der Techniker: “Kann vorkommen, gemäß Tarif sind es ja nur bis 16 MBit/s. Wenn Sie nur 6 MBit/s bekommen, können Sie sich mal wieder melden.”

 

Einkaufserlebnis Bäckerei

Ein typischer Kommunikationsvorgang, den ich in den letzten Jahren immer wieder einmal selbst erlebe, oder von dem ich durch Erzählungen von Freunden und Bekannten höre:

  1. Gehe zum Bäcker
  2. Bestelle ein Pfund Brot (für Generation Y: 1 Pfund = 500 g)
  3. Bekomme 350 g
  4. Beschwere Dich
  5. Erhalte die Antwort: “Aber da auf dem Schild steht doch: BIS zu 500 g.”
  6. Frage nach, warum das Brot denn nur halb so groß ist wie das 1-Pfund-Brot
  7. Erhalte die Antwort: “Ich kann Ihnen leider nicht garantieren, ob und wie sehr der Teig aufgeht.”
  8. Frage nach: “Die vorbestellten Brötchen möchte ich noch abholen
  9. Erhalte die Antwort: “Geht nicht, die Lieferung mit der Backmischung kam nicht. Stau auf der Autobahn. Aber Sie haben immerhin schon bezahlt.”
  10. Wundere Dich.

Nur, dass es so nie beim Bäcker ist. Da funktioniert das auch nicht. Der Bäcker verliert seine Kunden, er bekommt eine Klage an den Hals, sein Ruf ist ruiniert. Aus. Knocked out.

Bei den ISPs ist das Tagesgeschäft. Und wir Hochtechnologiebürger ertragen das seit Jahren – weil es bei keinem ISP wirklich besser ist. Mal ist das Netz grundsätzlich nicht ausgebaut, mal ist gerade irgendein Funkmast ausgefallen, mal … egal. Wir sind glücklich mit DSL 100 MBit/s und LTE – in ein paar Jahren, wenn andere Unternehmen und andere Staaten bereits im Gigabereich sein werden.

Willkommen im Hochtechnologieland Deutschland.

Beim Bäcker bin ich als Kunde und Bürger wenigstens noch König. Bis es den vor lauter BSP (Bäcker-Service-Provider) auch nicht mehr gibt.

 

Nachtrag

Netzökonom Holger Schmidt liefert dazu ein paar Zahlen: Deutschland fällt im Breitband-Wettbewerb zurück.

 
Crosspost von Der Schreibende