Allmende: Wir müssen nur wollen

| 24.03.2014 | 5 Kommentare

Eine Podiumsdiskussion bei Wikimedia Deutschland fragt, ob die Commons in der zukünftigen Netzökonomie noch eine Rolle spielen werden.

ABC des freien Wissens“ nennt sich eine neue Diskussionsreihe, die Wikimedia Deutschland am 20. März in seinen neuen Büroräumen am Berliner Tempelhofer Ufer eröffnet hat. Unter dem Titel sollen in Zukunft in regelmäßigen Abständen „relevante Fragen der vernetzten Gesellschaft durchbuchstabiert“ werden. Das Durchbuchstabieren ist wörtlich gemeint: Die Veranstalter wollen einmal das Alphabet durchlaufen und haben am Donnerstag unter dem Titel „Allmende“ den Anfang gemacht.

Zu Gast waren die Commons-Aktivistin Silke Helfrich, der Organisationstheoretiker Leonhard Dobusch sowie Elektra Wagenrad, die die Freifunk-Technologie mitentwickelt hat. Welche Chance haben die Commons im Zusammenhang einer zunehmenden Durchökonomisierung öffentlicher Räume? Werden sich Allmenden in Zukunft noch gegen Staat und Markt behaupten können? Hat die freie Selbstverwaltung eine Chance gegen bequeme Konsumangebote?

Was „Commons“ eigentlich sind, hat Silke Helfrich schon so oft erklärt, dass sie es herunterrattern kann: eine historische Eigentumsform, die anders als das Privateigentum auf dem Ansatz basiert, ein Gut gemeinsam zu verwalten und fortzuentwickeln. Während in der Immaterialgüterökonomie die freie Software dafür das Paradebeispiel ist, brauchen Commons durchaus nicht auf immaterielle Güter beschränkt zu bleiben. Im Gegenteil stammt der Begriff ursprünglich sogar aus der Landwirtschaft: Das Gemeindeland der Kirchen konnte einst von den Bauern gemeinschaftlich genutzt werden, um die Schafe darauf weiden zu lassen. Erst als mit der Industrialisierung die Möglichkeit entstand, Wolle über den Eigenbedarf hinaus zu produzieren und als Ware an die neuen Wollmanufakturen zu verkaufen, wurde das Land zur knappen Ressource, das in Privatbesitz verwandelt und eingezäunt werden musste.

Einhegung

Auch heute, so Helfrich, werden noch solche Zäune gebaut, allerdings nicht mehr um Schafsweiden herum, sondern die Einhegung vollzieht sich häufig mit technischen und marktökonomischen Mitteln. Als Beispiel nennt sie hybrides Saatgut, das im nächsten Jahr nicht mehr nachwächst. Deshalb kann man die im Supermarkt gekaufte Petersilie, wenn man sie abgeerntet hat, nur noch wegwerfen, obschon Petersilie früher unverwüstlich war und bei entsprechender Pflege immer wieder kam. Ähnlich verhält es sich nach Helfrich mit den Nespresso-Kapseln: Der Nutzer lässt sich von seiner Kaffeemaschine vorschreiben, dass er nur bestimmte Kaffeekapseln verwenden kann, obschon Kaffee eigentlich jeder kochen kann, der Pulver und heißes Wasser hat.

Bequemlichkeit statt Selbstbestimmung? Helfrich jedenfalls sieht die genannten Beispiele als Zeichen für einen verheerenden Trend: Die Gemeinschaft lässt sich die Kontrolle über die Dinge, die sie produziert und nutzt, aus der Hand nehmen. So erfahren immer größere Bereiche dessen, was einmal gemeinschaftlich besessen und verwaltet wurde, eine private Aneignung. Damit geht einher, dass man sich die Regeln für die Nutzung dieser Güter vorschreiben lässt. Helfrich zieht daraus den Schluss, dass dem allgegenwärtigen Markt möglichst viele Güter wieder entzogen werden müssen, um stattdessen frei und selbstbestimmt verwaltet zu werden:

Dass die Commons wirklich eine umfassende Alternative zu Staat und Markt sein können, bezweifelt hingegen der Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch. Sie seien vielmehr auf einen Staat angewiesen, der Recht setze, und oft auch auf einen Markt, der Ressourcen bereitstelle. Die Allmende-Produktion könne deshalb nicht als Allzweck-Heilmittel gegen zu viel Markt ausgerufen werden, sondern benötige im Gegenteil eine entsprechende politische und ökonomische Rahmensetzung:

Auch mit der Wikipedia, die vielen als best-practise-Beispiel für eine erfolgreiche digitale Allmende gilt, setzt Dobusch sich kritisch auseinander. So verweist er auf den Streit zwischen Inklusionisten und Exklusionisten: jenen, die grundsätzlich jeden Wikipedia-Artikel für wertvoll hielten, und jenen, die für eine stärkere Auswahl nach Relevanzkriterien plädierten. Natürlich müsse die Wikipedia-Community sich Gedanken darüber machen, so Dobusch, wie sie verhindere, dass sie komplett von Marketing und PR überrollt werde. Oder darüber, wie eine angemessene Beteiligung unterrepräsentierter Gruppen gewährleistet werden könne. Er selbst wolle sich deshalb höchstens als „gemäßigten Inklusionisten“ verstanden wissen. Relevanzdiskussionen hätten ihre Berechtigung. Genau wie Hierarchien, die bei der Wikipedia unbestreitbar entstanden seien, aber auch eine gewisse Arbeitsteilung ermöglichten.

Relevanz ist Firlefanz

Mit solchen Überlegungen macht Dobusch sich am heutigen Abend keine Freunde. „Relevanz ist Firlefanz“, widerspricht ihm Silke Helfrich. Die Frage sei vielmehr: „Wofür produzieren wir, zu welchem Zweck, zu wessen Nutzen und unter wessen Kontrolle?“ Schließlich habe die Wikipedia sich erfolgreich gegen kommerzielle Enzyklopädien durchgesetzt, für die es enorm wichtig gewesen sei, über die Relevanz der Beiträge bestimmen zu können.

Das sieht auch die Programmiererin Elektra Wagenrad so. Jegliche Autorität, die über Relevanz entscheiden wolle, lehnt sie ab – in der Wikipedia sei schließlich genug Platz für alle Artikel. Und die Wikipedia werde immer besser und nützlicher, je mehr Artikel sie enthalte. So ähnlich wie das Freifunk-Netz, für das Wagenrad die Meshtechnologie mitentwickelt hat. Je mehr Leute sich dort einklinken, desto besser. Was übrigens weder Geld noch Mühe koste, meint Wagenrad, und wenn es doch nicht auf Anhieb gelinge, könne man immer die anderen fragen, die schon dabei sind. Und warum sollte man auch den Zugang zu Gütern beschränken, von denen genug für alle da ist?

Es könnte also alles ganz einfach sein. Man treibt die Commons als gesamtgesellschaftliche Praxis voran, beseitigt die Knappheit, schafft Freiheit und Selbstbestimmung für alle. Die Immaterialgüter sind da ein guter Anfang, aber natürlich längst noch nicht alles, glaubt Silke Helfrich. Auch ein Auto bestehe schließlich zu 95% aus Wissen und Patenten. Im Grunde gehe es also um viel mehr, nämlich um die Entwicklung einer neuen Kultur, einer „Kultur des Commonings“. Die existierenden Produktionsstrukturen seien obsolet, es komme nun darauf an, möglichst viele Güter in alternativen Zusammenhängen zu produzieren und selbst zu verwalten. Von Umsonstläden über Freie Software und Open-Source-Autos bis hin zur selbst gezüchteten Petersilie, die immer wieder nachwächst. So bunt und fröhlich kann es bei der Überwindung des Kapitalismus zugehen. Man muss es nur sichtbar machen und allen davon erzählen.

Der einzige, der das nicht auf Anhieb glauben mag, ist anscheinend Leonhard Dobusch.

Doch das wird ihm an diesem idealistisch geprägten Abend bei Wikimedia verziehen. Als déformation professionelle.