Postkapitalismus für alle

| 18.03.2014 | 2 Kommentare

In Calafou, einem kleinen Ort nahe Barcelona, erprobt eine kleine Gemeinschaft neue Formen sozialer Selbstorganisation.

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise gingen unter anderem Bilder von Menschen um die Welt, die Spaniens öffentliche Plätze mit Zelten besetzt hatten. Der Straßenprotest der sogenannten „Indignados“ gegen die sozialen Folgen der Bankenrettung ist abgeebbt. An seine Stelle ist die Suche nach neuen sozialen Praktiken jenseits des Kapitalismus getreten. Spideralex, Aktivistin und Cyberfeministin, erklärt im Interview mit Carta, was es mit der „öko-industriellen und postkapitalistischen Kolonie“ Calafou auf sich hat.

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Photos: Llúis Casany
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Spideralex, du gehörst zu der Gruppe von Menschen, die sich in Calafou zusammengeschlossen hat. Was ist das für ein Zusammenschluss, und wie ist er entstanden?

Calafou ist ein 60 Kilometer von Barcelona entfernter kleiner Ort. Man steigt in Barcelona in den Zug, und nach ein 1 Stunde und 20 Minuten kommt man 1,5 km von Calafou entfernt an. Es ist eine industrielle Kolonie. Industrielle Kolonien wurden im letzten Jahrhundert gegründet, um die Stärke der Gewerkschaftsbewegungen und der anarchistischen Kooperativen zu brechen, die sich in den katalonischen Städten bildeten. Es ging den bürgerlichen Industriellen dabei um Delokalisierung und Dezentralisierung. Sie gründeten also eine Fabrik, eine Produktionsanlage, siedelten Arbeiter mit ihren Familien dort an, bauten eine kleine Kirche, einen kleinen Laden und eine Schule – das ist die Struktur, die es vor hundert Jahren auch in Calafou gab. Sie verdankt sich einer klassisch paternalistischen Vorstellung: Die Arbeiter sollten dort arbeiten, produzieren und reproduzieren, der ganze Lebenszyklus sollte sich dort abspielen. So ließ sich die Arbeiterbewegung am besten kontrollieren. Es gab etwa 100 solcher industriellen Kolonien in Katalonien. Die meisten sind inzwischen Industrieruinen, manche sind in Museen umgewandelt worden, in anderen wird tatsächlich noch gearbeitet. In Calafou hat die letzte Industrieproduktion 2004 dicht gemacht, aber das Gebäude, in dem die Arbeiter wohnten, stand schon seit 40 Jahren leer.

Kein bezahlbarer Wohnraum

In Spanien gab es schon immer eine Wohnungskrise: Es ist sehr schwierig, Wohnraum zu bezahlbaren Preisen zu finden. Anders als in manchen nördlichen Ländern, gibt es bei uns keine Genossenschaften, über die man Zugang zu menschenwürdigen Wohnbedingungen bekommen könnte. Deshalb hat sich schon vor zehn Jahren in Katalonien eine Organisation namens Sostre Civic gegründet, „Bürgerhaus“. Dieser Initiative geht es darum, alternative Wohnformen in Katalonien zu entwickeln und genossenschaftliche Initiativen zu befördern. Irgendwann hat sie sich mit der sogenannten Cooperativa Integral Catalana zusammengeschlossen, die vor dreieinhalb Jahren gegründet wurde, um autonome Projekte zu vernetzen und deren Mitgliedern Zugang zu den Gütern und der Infrastruktur zu verschaffen, die sie für ihr tägliches Leben benötigen. Also nicht nur zu agrar-ökologisch Gütern, sondern auch zu Servern, ICT, Energieversorgung, Gesundheitsleistungen etc.

Eines dieser Projekte setzte sich zum Ziel, Calafou, also diese industrielle Kolonie, als Kooperative käuflich zu erwerben. Vor drei Jahren haben wir mitbekommen, dass das Gelände verkauft werden sollte, und vor zwei Jahren haben wir schließlich eine Abmachung mit dem Eigentümer getroffen. Wir haben uns auf eine Geldsumme geeinigt, um dort einziehen und die Räumlichkeiten herrichten zu können. Zum einen ist es jetzt eine Wohnungsgenossenschaft mit 27 Appartements. Man kann ein lebenslanges Nutzungsrecht an einer Wohnung erwerben, aber man kann sie nicht als Spekulationsobjekt kaufen. Zum anderen haben wir Produktionsräume geschaffen. Es gibt viele Räume, die man für einen Euro pro Quadratmeter mieten kann. Dort können Leute ihre eigenen produktiven Projekte realisieren. In den ersten anderthalb Jahren sind diese Projekte noch nicht richtig in Gang gekommen, weil wir Dringenderes zu tun hatten. Wir mussten für Elektrizität und Wasser sorgen, Fenster und Türen einsetzen, das Dach reparieren etc.. Wir haben schließlich alles selbst gemacht. Jetzt fangen wir allmählich mit den Projekten an.

Foto: Lluís Casany

Öko-industriell und postkapitalistisch

Einige davon sind kollektive Projekte, an denen alle teilnehmen und die von der Hauptversammlung von Calafou betrieben werden. Diese Hauptversammlung findet einmal wöchentlich statt, und Entscheidungen werden grundsätzlich im Konsens getroffen. Das ist unsere Arbeitsweise. Außerdem haben wir Arbeitsgruppen. Einige laufen kontinuierlich, andere werden je nach Bedarf eingerichtet. Wenn wir also zum Beispiel eine Veranstaltung organisieren, findet sich eine Gruppe von Leuten zusammen, die gemeinsam die Planung übernehmen. Wir haben also einerseits gemeinsame Projekte, wie zum Beispiel die selbstverwaltete Küche, ein Zentrum für soziale Aktivitäten, ein Hack Lab. Und es gibt verschiedene Einzelprojekte, die zusammen ein sehr große Bandbreite abdecken.

Wir bezeichnen Calafou als öko-industrielle und postkapitalistische Kolonie. Das impliziert, dass die Projekte auf Prinzipien der Permakultur basieren. Sie sollen nachhaltig sein und so umweltfreundlich wie möglich. Und sie sollen postkapitalistisch sein, nämlich in dem Sinne, dass sie in Beziehungen eingebettet sind, die etwas mit sozialer Ökonomie zu tun haben, mit kooperativen Ansätzen, Tauschhandel, Zeitbanken und so weiter. Nach Möglichkeit benutzen wir auch ein soziales Geld als Zahlungsmittel, den sogenannten Eco: eine soziale Währung, die wir innerhalb der Cooperative Integral Catalana eingeführt haben. Aber der Euro wird auch noch verwendet.

Foto: Lluís Casany

Teil der Free-Culture-Bewegung

Was die Projekte angeht, so haben wir zum Beispiel einen Workshop, der Montessori-Spielzeug für Schulen herstellt, wir haben Schablonen für T-Shirt-Produktion, wir stellen Seife aus Altöl her etc. Eine Menge Leute beschäftigen sich mit freien Technologien, also nicht nur mit freier Software, wie zum Beispiel bei den freien sozialen Netzwerken wie Loreo oder dem Phone Liberation Network, bei dem es um freie Internettelefonie geht. Auch die Entwicklung freier Technologien mit Hilfe von freier Hardware spielt eine Rolle. Dafür haben wir das Hardlab, ein Labor, das auf Elektronik, Recycling und Reparatur spezialisiert ist. Und gerade bringen wir ein Biolab auf den Weg, um uns mehr mit Bioforschung und dergleichen zu beschäftigen.

Alles, was wir angehen, hat mit freier Technologie zu tun, und wir arbeiten grundsätzlich nur mit freien Lizenzen. Wir verstehen uns als Teil der Free-Culture-Bewegung. Wir versuchen, all jenen einen Raum zu bieten, die mit unterschiedlichen Initiativen die technologische Souveränität zu befördern versuchen. Diese Leute können hier zusammenkommen und sich austauschen, können Recherchen anstellen und praktische Alternativen erproben. Das ist unser eigentlicher Schwerpunkt, denn agro-ökologische Produktion können wir im Grunde nicht leisten, weil der Grund und Boden bei uns stark verseucht ist, wegen eines industriell stark belasteten Flusses. Aber das wussten wir vorher. Zu uns kommen also eher Leute mit anderen Schwerpunkten.

Foto: Lluís Casany

Seid Ihr eine feste Gruppe, oder steht Calafou auch für neue Leute offen?

Wir sind im Durchschnitt 30-40 Personen. Zum Teil sind es Einwohner, also Leute, die ein Appartement gekauft oder gemietet haben. Es gibt auch freie Unterkunftsmöglichkeiten in unserem „roten Haus“, als kollektive Form der Unterbringung. Und es gibt eine Menge Besucher, die für einen bestimmten Zeitraum kommen. Wenn Gäste länger bleiben möchten oder vorab nicht wissen, wie lange, fragen sie die Hauptversammlung. Wenn die Hauptversammlung zustimmt, werden sie Einwohner. Aber viele kommen auch nur als Besucher zu Veranstaltungen. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatten wir um die 10 Events. Zum Beispiel das spanische Hackertreffen 2012. Oder das „Hack the earth“, ein fünftägiger Event mit Workshops rund um das Thema Selbstorganisation und Autonomie. Wie man sein eigenes Bier braut, wie man eine Solaranlage baut etc.. Wir machen aber auch spezialisiertere Workshops, zum Beispiel dazu, wie man eine effiziente Heizung selber baut. Die Leute kommen aus ganz Spanien, um das lernen. Wir setzen also voll auf Selbstverwaltung und Autonomie und versuchen, den entsprechenden Wissenstransfer zu erleichtern.

Du sagtest, bei Euch werden alle Entscheidungen im Konsens getroffen. Das ist wahrscheinlich nicht immer ganz einfach. Habt ihr nicht auch Konflikte?

Konsensorientierte Entscheidungsfindung ist in der anarchistischen Bewegung weit verbreitet, und die ist in Spanien und vor allem in Katalonien immer sehr wichtig gewesen. Leute, die zu unserem Projekt kommen, haben damit meist schon Erfahrungen in anderen Projekten oder anderen Gruppen gesammelt, die auch so arbeiten. Vielleicht ist es eine etwas langwierigere Art der Entscheidungsfindung, aber wir sagen immer: Wir kommen langsam voran, weil wir einen wirklich weiten Weg gehen wollen. Und ich glaube, das funktioniert. Natürlich gibt es auch Konflikte und unangenehme Situationen, und wir debattieren viel. Aber wir halten diese Hauptversammlung jede Woche ab und haben die Methode nach und nach verbessert. Jetzt haben wir uns zum Beispiel darauf verständigt, dass diejenigen, die die Hauptversammlung leiten, jede Woche wechseln.. Diese zwei Personen bereiten vor, was am Sonntag diskutiert wird, damit die Leute sich schon im Vorfeld Gedanken darüber machen können. Das vereinfacht auch die Entscheidungsfindung. Und wir haben Leute, die mitschreiben. Außerdem machen wir alle unsere Entscheidungen in unserem freien sozialen Netzwerk öffentlich. Wir dokumentieren also unsere Fortschritte. Wir legen sehr viel Wert darauf festzuhalten, was wir tun, warum wir es tun und wie wir es tun. So entsteht nach und nach ein How-to, das sowohl für uns selbst nützlich ist als auch für Leute, die uns besuchen und nachvollziehen wollen, wie wir arbeiten:.

Vernetzt ihr euch auch mit anderen politischen Bewegungen in Spanien?

Wir bewegen uns in einem interessanten Kontext. In Spanien hat es schon immer viele Experimente in Sachen Zivilgesellschaft, Partizipation und Selbstverwaltung gegeben. Im Zusammenhang mit der Krise gibt es jetzt ein immer größer werdendes Bedürfnis nach Formen der Selbstorganisation. Wir sind von den Banken ausgeraubt und vom Staat im Stich gelassen worden. Es gibt eine Menge Korruption. Die Leute verstehen allmählich, was da passiert. Und nach einer Phase der Mobilisierung findet jetzt der Übergang zu einer Phase des sozialen Handelns statt. Wir erproben neue Formen der Organisation und suchen Möglichkeiten, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen, von der Unterkunft über die Ernährung bis hin zur Gesundheit. Und natürlich stehen wir im permanenten Austausch. Viele Leute, die in Calafou leben, sind auch in anderen Initiativen und Projekten in Katalonien oder andernorts engagiert. Calafou wird auch immer mehr ein Treffpunkt. Zum Beispiel gibt es in Spanien derzeit eine starke und sehr wichtige Bewegung gegen Zwangsräumungen, weil zunehmend Leute aus ihren Wohnungen herausgeworfen werden, wenn sie nicht mehr bezahlen können. Bei uns in der Region haben die Leute angefangen, sich in Calafou zu treffen. Wir versuchen auch, agro-ökologische Produzenten aus der Region zusammenzubringen, damit sie sich untereinander vernetzen können. Über ein halbes Jahr hinweg haben sie sich bei uns getroffen und verschiedene Sachen zusammen organisiert. Wir wollen eine Art Hub sein, das den Wissenstransfer zwischen verschiedenen Gruppen und sozialen Bewegungen ermöglicht.

Es steht also in einem größeren politischen Kontext, und ihr teilt gemeinsame politische Werte. Aber ich würde mal eine eher ideologische Frage stellen. „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, hat Adorno geschrieben. Ist Calafou eine Art hortus conclusus, in dem Leute zusammenkommen, um am Rand der Gesellschaft nach ihren eigenen Regeln zu leben, oder ist Euer Ziel letztlich, die Gesellschaft zu verändern?

Dazu kann ich nur aus meiner persönlichen Sicht etwas sagen. Was Calafou ist und wie wir als Gemeinschaft es sehen, darüber haben wir uns in der Gruppe verständigt. Was ich jetzt sage, ist allein meine persönliche Meinung. Katzen sollen ja angeblich sieben Leben haben. Aber wir haben nur eins. Und ich persönlich möchte bestimmte Sachen jetzt einfach klären und bestimmte Ausdrucksformen finden. Und ich möchte dabei nicht auf Strukturen angewiesen bleiben, die ich nicht mehr legitimiere und die aus meiner Sicht gerade komplett versagen, ja zusammenbrechen. Ich möchte jetzt neue Möglichkeiten und Ansätze ausprobieren. Ich weiß nicht, welches der richtige Weg ist, ich glaube auch nicht, dass es nur einen richtigen Weg gibt. Wahrscheinlich gibt es viele. Jedenfalls habe ich ein Bedürfnis danach, mit alternativen Formen des Produzierens, des Teilens und des Liebens zu experimentieren und dabei Beziehungen aufzubauen, die man in seinem täglichen Leben braucht, um mehr oder weniger glücklich zu sein. Als soziale Anarchistin bin ich überzeugt, dass ich selbst nur freier werde, wenn auch die Leute, mit denen ich zusammen bin, mehr Freiheit erlangen. Also ist es für mich wichtig, dass wir eine tatsächliche soziale und politische Transformation in Gang setzen, die auch für andere von Bedeutung sein kann. Deshalb legen wir so viel Wert auf die Schaffung von Infrastruktur, die von allen genutzt werden kann, auch wenn sie nicht bei uns vor Ort sind. Wie zum Beispiel die freie Software. Deshalb nutzen wir freie Lizenzen. Wir arbeiten wirklich an der Idee von technologischer Souveränität für alle.

Foto: Lluís Casany

Von außen betrachtet, wirkt es ein bisschen seltsam: Es gab vor zwei Jahren diese große Bewegung in Spanien, „los indignados“, mit einer Menge Protest auf der Straße, der nach und nach abgeebbt ist und inzwischen verschwunden zu sein scheint.

Nein, das ist nicht verschwunden. Man kann nur nicht immer auf der Straße sein. Es gab zunächst eine große Mobilisierung, uns wurde bewusst, dass wir den öffentlichen Raum wieder besetzen mussten, ihn uns wieder aneignen. Dass wir bestimmte Dinge nicht in unserem Namen zulassen durften. In großen Teilen der Bevölkerung ist dabei ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es einen Unterschied zwischen Legalität und Legitimität gibt. Und das ist wirklich wichtig. Die Leute haben angefangen, sich über Politik Gedanken zu machen. Ihnen ist bewusst geworden, dass die Banken und der Staat ein großes Desaster sind und dass man die Dinge anders angehen muss. Wir reden hier über richtig krasse Situationen: Die Leute sind aus ihren Wohnhäusern herausgeworfen worden, haben ihre Arbeit verloren und sind dann auf die Straße gegangen. Das war alles andere als trivial. Aber an vielen Orten hat es dann eine Entwicklung weg von der Mobilisierung und dem Straßenprotest hin zu sozialer Aktion gegeben. In Madrid zum Beispiel gibt es immer mehr Initiativen, die sich miteinander vernetzen, um Formen sozialer Ökonomie auszuprobieren. So etwas gibt es in Madrid, in Sevilla, in Katalonien. Wir haben unser eigenes Projekt, aber es gibt rundum jede Menge weiterer autonomer Projekte, und natürlich vernetzen wir uns. Es ist vielleicht nach außen nicht so sichtbar, wir haben nicht diese mediale Präsenz. Aber ich glaube, die Leute haben in Wirklichkeit angefangen, mit neuen sozialen Praktiken zu experimentieren. Die Bewegung ist also nicht abgeebt oder verschwunden, sondern ihre Form hat sich gewandelt.

Aber seht ihr nicht die Notwendigkeit, das irgendwann ins politische System zurückzutragen?

Das hier ist das politische System. Das Problem ist: Wir können die Politiker in Spanien nicht dazu zwingen, auf die Bürger zu hören. Wir haben alle legalen Mittel genutzt, die man uns angetragen hat. Sie haben zu uns gesagt: „Ihr wollt das Gesetz über Zwangsräumungen ändern? Dann müssteihr eine Petition machen und eine halbe Million Unterschriften sammeln.“ Wir haben sogar anderthalb Millionen Unterschriften gesammelt, und nichts ist passiert. Man kann dieses Spiel, das die Politiker einem vorschlagen, mitspielen, man kann die Möglichkeiten politischer Partizipation als Bürger ausnutzen. Aber irgendwann hat man das alles hinter sich, und es hat sich trotzdem nichts verändert. Jede Menge Korruptionsfälle werden aufgedeckt, und niemand geht dafür ins Gefängnis, niemand hängt seinen Job als Minister an den Nagel, es passiert überhaupt nichts. Ich weiß nicht, wo das alles enden wird, aber die sozialen Spannungen sind enorm. Insofern, Bürgerbeteiligung ist erst mal schön und gut: Man kann auf die Straße gehen, man kann die vorgesehenen politischen Wege beschreiten, aber wenn dann nichts passiert und nichts aufgegriffen wird, dann fängt man irgendwann an, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Foto: Lluís Casany

Trotzdem bleiben Politiker aber diejenigen, die die Entscheidungen treffen, von denen dann eine Menge Leute im Land betroffen sind. Es können ja nicht alle in Calafou leben.

Ich fürchte, ich kann das mit unseren Politikern nicht mal richtig erklären. Hier in Deutschland ist es vielleicht anders. Ich habe gehört, dass hier schon mal Minister zurückgetreten sind, zum Beispiel der Verteidigungsminister, nachdem er beim Betrug mit seinem Titel erwischt worden ist. In Spanien passiert so was nie. Man kann sie bei den schlimmsten Dingen erwischen, und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder, und trotzdem bleiben sie, wo sie sind. Die Situation ist ganz anders, die herrschende Klasse in Spanien ist ganz anders. Es sind die Schlimmsten, die Allerkorruptesten. Sie verscherbeln alles an den freien Markt, sie privatisieren das Bildungssystem, das Gesundheitswesen, die Krankenhäuser, sie haben uns über lange Zeit hinweg eine Menge Geld geraubt. Erst retten wir die Scheißbanken mit öffentlichem Geld, und jetzt müssen wir dafür das ganze Sozialsystem verkaufen. Wir sind wirklich in einer Situation, in der wir keine Zeit zu verlieren haben. Wir müssen jetzt handeln und Alternativen finden, was Wohnraum, Gesundheit und Bildung angeht.

Also alternative soziale Praktiken entwickeln statt innerhalb des politischen Systems zu arbeiten.

Für mich als Anarchistin, ist das schon sehr sonderbar. Ich war in den letzten Jahren immer wieder auf der Straße, um das bestehende Sozialsystem zu verteidigen. Aber wir brauchen jetzt neue Kontexte, bei denen Wohlfahrt in eine demokratische Perspektive und in soziale Praktiken eingebettet ist. Aber wenn wir die Politiker nicht dazu zwingen können, aus einer solchen Perspektive heraus zu handeln, was bleibt uns dann übrig? Wir können nur unser Leben selbst in die Hand nehmen und anfangen, uns auf andere Art und Weise zu organisieren. Und dabei anderen Menschen, die zunehmend aus diesem System herausfallen, Werkzeuge in die Hand zu geben, um sich solchen Initiativen anzuschließen und selbst Souveränität zu entwickeln. Das ist ein sehr langsamer Prozess, und er kann frustrierend sein.Aber ich persönlich sehe im Augenblick keine Alternative dazu.

Foto: Lluís Casany

Original interview in English:

Spideralex, you are a hacktivist, a cyberfeminist, and you are part of Calafou. What is Calafou, and how did it come about?

Calafou is a place that is located 60 km from Barcelona, You can get in a train from Barcelona in 1hour 20 minutes, and it lets you at 1,5 km. It’s an industrial colony. Industrial colonies are smallvillages that were settled last century. It was a way of breaking the strength of the worker unions‘ movements and anarchist cooperatives that were gathering in the cities, in Catalonia. At some point, Bourgeois patrons decided to delocate and decentralise, so they would put up a a production place, and workers would live there with their families. There would be a church and a small shop and a school – that is the kind of infrastructure you would find in Calafou. The place was built one century ago. It was really a paternalist perspective: The workers would be there working and reproducing, all the life cycle would gather there. It was a good way of controlling the worker’s movement. There are about 100 industrial colonies in Catalonia, most of which are are abandoned, some have been transformed in museums, other one’s are still somehow active. In Calafou, the last industrial production closed in 2004, but the building with the flats of the workers has been abandoned for 40 years.

In Spain, there has always been a huge housing crisis. It is very difficult to get access to housing at social prices. There is no social cooperatives like f.i. in some Northern European countries. So there for ten years, an organisation in Catalonia, which is called sostre civic, „civic roof“, was trying to develop lodging cooperatives. And at one stage, these mixed with the Integral Catalan Cooperative that was launched 3,5 years ago to federate different autonomous projects in a big network, so that members of these cooperatives could get access to different goods and services they need for their daily life – not only agro-ecological food, but also servers, ICT, energy, health etc. One of these projects consisted in buying this industrial colony that was being sold. Three years ago, they identified that this place was to sell, and finally, two years ago, we reached an agreement with the proprietor, that was asking us for a first sum of money to have us inside and begin to rehabilitate the space.

Right now, it is a lodging cooperative with 27 flats: You can buy the right to use a flat during your life, but you cannot speculate with it. And there is also production places. There is space that can be rented for 1 euro per square meter. People can set up their productive projects. For the first 1,5 years, we could not really start off, because we had to deal with more urgent matters, like having electricity, water, putting windows, doors, fixing the roofs etc. We did it all by ourselves. Now we begin to have productive projects. Some are collective ones that are used by everybody and maintained by the general assembly of Calafou. Calafou is a project that is based on a weekly general assembly. Decisions are taken by reaching concensus. This is our working methods. Then we set up working groups. Some are continous, like f.i. the one that deals with information and communication matters. Others are just created for the needs we have. So if we organise an event, there is a working group that gathers and sees how this can be achieved. So we have common projects, like the self-managed kitchen, the social center, the hack lab for instance. And then, there is particular productive projects. It gathers really a huge range of things.

The name of our colony is Calafou, ecoindustrial and post-capitalist. So what does it mean exactly? It means that the projects have to be based on permaculture principles, they have to be sustainable and the most eco-friendly possible. And they have to be post-capitalist in the sense that they have to be embedded in relations that are related to social economy: cooperativism, exchange trade, time-banks. We also use a social money when it is possibly, it is called ecos. It is a social currency that we have inside the Integral Catalan Cooperative. But we also still use euros, not everything is in the social money dimension. As for the projects, we have f.i. a workshop that is producing Montessori toys for schools, we’ve got stencils for making T-shirts and that kind of thing. We also got soap production with wasted oil. And a lot of people are investigating free technologies.Not only free software, like the developmonet of free social networks like Loreo, or the phone liberation network, but there is also the development of free technologies using free hardware. There is a Hardlab, a laboratory that is more specialised in electronics, in recycling and fixing things. And now we are launching a biolab, to make more things that deal with researching on biological matters. Basically, everything we do is related to free technologies in the sense that everything is licenced with free licences. We are in the free cultural movement. We try to be a space where people that are interested in launching technological sovereignity initiatives, can gather, exchange, research and develop those kind of alternatives. This is our focus, because we are not a place for agro-ecological production, as the earth is very contaminated, because of a polluted river nearby. But we knew that, so Calafou has appealed to different kind of profiles.

Are you a fixed group or is Calafou open for new participants?

We are on average between 30 and 40 persons. On the one hand inhabitants, people that are living there all the time because they are buying or renting a flat. And there is a lot of visitors that come for a while. So when a visitor wants to stay longer or does not yet know for how long, , they ask the general assembly if it’s okay. If the people agree with them, they become inhabitants of the place. But we get a lot of visits, and we have organised a lot of events, like ten events in two years. For instance, the Spanish Hack meeting last year. „Hack the earth“, that was another encounter of five days with a lot of workshops around self-amangement and autonomy, from producing your own beer to solar energy stuff etc. We also make more targeted workshops, like learning to build your efficient heater. People come from all Spain to learn these methodologies. We really focus on self-management and autonomy. And now we can facilitate the transfer of knowledge.

It is quite a special thing to have this mechanism of collective decision making. I can imagine that is not always unproblematic. Did you have conflicts with that as well?

Decision making by reaching consensus is really related to anarchist movements, and this is an important movement in Spain and in Catalonia specifically. Generally, people that come to the project, already come from other projects or other groups that already work on that basis. Maybe it is slower than other kind of decision making methodologies. But we always say: We go slow because we go really far. I think it is working. Of course, we have conflicts, we debate a lot. But we have been improving the methodology of our general assemblies, because we do it every week. Recently, we have decided that the two persons who prepare the assemblies should rotate on a weekly basis. They prepare the Sunday meetings, so the people got an idea of what we are going to talk about. That makes it easier to have decisions taken. We also have people who take notes. and all acts of the general assembly are published in our free social network. It is a way of documenting our processes. We put a lot of emphasis on documenting what we are doing, why we are doing it, how we are doing it. It is like a How-to for us and for the people that are coming to better understand how we work.

Are you networking with other political movements in Spain?

It is an interesting context. There has always been a lot of experimentation around citizenship, participative processes and self-managed initiatives in Spain. Now with the crisis, there has been an increasing interest in self-organisation. In Spain and in other countries in Europe, we have been robbed by the banks and abandoned by the state. There is a lot of corruption. People have begun to understand that. And now they are going from mobilization to social action. We have to gather to find new ways of organising and covering our daily basic needs, like lodging, food, health etc. So of course we are always in a network of exchange. A lot of people living in Calafou are also engaged in other initiatives and other projects, in Catalonia or elsewhere in the world. Also, our place is becoming a meeting place for other movements. For instance, the movement against evictions that is really strong and important in Spain right now, since people are thrown out of their houses, because they cannot pay anymore. In our region, they have come to meet in our space. We also try do get the agro-ecological producers in the region to meet up and begin to organise a network between them. They came for six months every week to meet and to organise these kinds of things. We are really like a hub that enables this knowledge transfer between different groups and social movements.

So it’s in a broader political context, with common political values. But let me ask you an ideological question maybe. German philosopher Adorno once said: There cannot be a right life in the wrong. Is Calafou an isolated space where you can do your own thing the way you want it. Or is your goal rather to change society?

This is my personal opinion. I have tried to explain what Calafou is. That is something we have agreed upon as a group. But this is just my personal opinion now. I think it is both. In reality you only have one life, you do not have seven lives like the cats. Personally, I need to cover things, I need to express things. I don’t want to depend anymore on structures that I don’t legitimate anymore, I think they are failing, they are collapsing completely. I need to find solutions that enable me to experiment. I cannot say which is the correct way of doing things, and I don’t think, there is one way, I think there is many ways. I need this now, and with Calafou, I find this space and this bunch of people to be able to experiment with alternative modes of producing, sharing, loving, establishing relations you need in your daily life to be more or less happy. As a social anarchist, I believe that I can only become more free if the people with me become more free as well. So for me it is important, that what we are achieving is creating a real social and political transformation that is meaningful to others as well. So that is why we really put an emphasis on creating infrastructure that can be used by everybody, if we are talking about software, for instance. This is why we use free licences. We really work on the idea of technological sovereignity for everybody.

If you look at it from the outside, it seems a bit strange. One and a half year ago, there was this big movement in Spain, called the „indignados“, there have been a lot of protests in the cities, but now it all seems to have faded away.

It has not faded away. You cannot always be in the streets. First, there has been this huge mobilisation and this becoming conscient altogether that we needed to re-occupy the public space and and protest against things being done in our name. Large parts of the citizenship have begun to understand the difference between what is legal and what is legitimate. And that has been really important. People have begun to talk more about politics. They have begun to realize that the banks and the state are a big failure, that we need to do things in a different way. We are talking about really crazy situations. People being driven out of their places, going to the the street, because they don’t have work, there is unemployment. There is a lot of situations that are not trivial. By now, in a lot of places, we have gone from mobilization in the street to social action. In Madrid for instance, there is a multiplication of initiatives that network and try to make social economies. Ithappens in madrid, it happens Sevilla, it happens in Catalonia. We have got our own project, but there is a spreading of autonomous projects around us, and we try to network. Maybe, we don’t have the same mediatic visibility like before. But I think that people really are experimenting with new ways. So hte movement did not fade out, it just transformed into another thing.

But don’t you see the need of getting that back into the political system?

This is the political system. We do not have any way of forcing the politicians in Spain to listen to citizens. We have been using every legal system they proposed to us. They said: „Oh you want to change the law about the evicitions? You have to make a popular legislation initiative, you have to gather half a million signatures.“ We have gathered a million and a half, and nothing has changed. You can play the game that is proposed by politicians about how political participation should work. But at some point, if you’ve done everything they’ve proposed to you, and nothing changes, and with all the corruption cases that are being discovered, nobody is going to prison, nobody is letting their work as ministers … – I don’t know where the situation will end up, but there is a really huge social tension. At one stage, citizens can be in the streets, they can play normal politics, but if nothing is taken into account, they begin to do things by themselves.

On the other hand, politicians are still the ones that are taking political decisions which affect a lot of people in the country. Not everybody can live in Calafou.

I think I cannot even explain what our politicians are like. Maybe here in Germany, it is different. I have seen that here, some ministers have been caught cheating, and they resigned, like the defense minister. But that never happens in Spain. You can catch them doing the worst things, not only one time, but again and again, and they will still be there. It is not the same kind of ruling class we have in Spain. They are really the fucking worst, the most corrupted. They are selling everything to the private market, they are privatising education, they are privatising sanity, hospitals, everything. For a long time, they have deprived us of a lot of money. We save the fucking banks with public money, and now we have to sell the whole welfare system. So we are in a situation that we really have to act now and find alternative solutions, for housing, health and education.

So the idea is developing social practices rather than working within the political system.

For me it is confusing, because as an anarchist, during the last years, I’ve been involved in going to the streets for defending the welfare systeme. It’s been superstrange. But we need to have a context that is more wealthy from a democratic perspective. But if we cannot force politicians to do what they have to do from this perspectives, what can we do? We can only take our lives in our own hands and begin to organise in another way and try to have more people that are increasingly excluded from the system to have the tools to join us or to join this kind of initiatives and become empowered. So it’s a really slow process, and it can be really frustrating, but for me, as Spideralex, right now, I don’t see other solutions.

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