Warum erscheint das FAZ-Feuilleton neuerdings vor dem Wirtschaftsteil?

Offiziell wird die Änderung mit drucktechnischen Notwendigkeiten begründet. Vielleicht steckt aber auch mehr dahinter. Mutmaßungen zu einem Paradigmenwechsel.

Bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) hat sich zum 1. März eine Veränderung vollzogen, die einem Paradigmenwechsel gleicht: Dort, wo seit Jahrzehnten der Wirtschaftsteil platziert war, also hinter „Politik“, befindet sich neuerdings das Feuilleton. Dementsprechend ist Wirtschaft an die dritte, Finanzen sogar nur an die vierte Stelle der Ressortbücher gerückt. Für den geneigten Leser bedeutet dies: Hat er sich des Morgens bei einer starken Tasse Kaffee durch Krim-Krise, Hoeneß-Affäre und „Zeitgeschehen“ gearbeitet, so wird er als nächstes mit Theaterkritiken, Buchrezensionen und der neuesten Kolumne von Constanze Kurz beglückt. Erst danach folgt die trockene Kost der Konjunktur, der Unternehmensberichte und Börsenkurse. Was ist passiert?

Der offiziellen Begründung zufolge ist die neue Blattstruktur „das Ergebnis einer drucktechnischen Optimierung, bei der korrespondierende Bücher einer Zeitung gleichzeitig über die Druckzylinder laufen. Da der Politik- und der Wirtschaftsteil sowie das Feuilleton und der Finanz-/Sportteil gemeinsam in einer sogenannten „Sammelproduktion“ gedruckt werden, musste die  Blattstruktur entsprechend angepasst werden“ (Pressemitteilung der FAZ vom 27.2.2014). Das mag so sein.  Es kommt aber noch eine zweite, eine viel weiter reichende Interpretation in Frage. Und die hat nicht mit „drucktechnischer Optimierung“, sondern mit der inhaltlichen Mutation der Ressorts infolge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu tun. Das FAZ-Feuilleton hat seinen Kompass in den vergangenen Jahren fundamental neu ausgerichtet. Unter der Ägide des legendären Joachim Fest bediente es früher mit gediegenem Schrifttum die gebildeten Schichten unseres Landes. Eine Opernpremiere hier, eine Kunstauktion dort, und immer den neuesten Böll, Grass oder Walser unterm Arm –  so spazierte der privatgelehrte Bürger im Geiste durch den in der FAZ ausgestellten Kanon bundesrepublikanischer Kultur. Um die schönen Künste aber vollends genießen zu dürfen, hatte man, gleichsam in protestantischer Leistungsethik, zuvor den Wirtschafts- und Finanzteil durchzuackern – per aspera ad astra.

Schnitt! Im Jahre 2014 ist alles anders. Seitdem „Lehman“, Manager-Exzesse und Zinsmanipulationen unsere marktwirtschaftlichen Überzeugungen erschüttert haben, ist es vorbei mit der Seligkeit eines kulturbeflissenen, gleichsam industriell hinterlegten Edeljournalismus. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem im einstigen Reich Ranickis nicht über die vermeintliche Kälte des digitalen Kapitalismus geklagt wird. Demnach habe man die Wirtschaft und ihre Akteure nicht mehr zu achten, sondern sich vor ihnen in Acht zu nehmen, die Hasardeure und Zocker in Ketten zu legen. Zielscheibe des Furors sind dabei neben den verhassten Wölfen der Wall Street zunehmend die globalen, datensammelnden IT-Unternehmen. Gegen sie hat FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher eine ganze Armada von Gastautoren, darunter Shoshana Zuboff, Juli Zeh sowie den SPD-Europapolitiker Martin Schulz in Stellung gebracht. Schirrmacher selber schlägt neuerdings nach bei Habermas und zeiht das Silicon Valley des „Imperialismus“, der „nach und nach immer mehr der Branche annektiert “ (FAZ vom 8.3.2014, Seite 1). Mit diesen schrill-apokalyptischen Sirenenklängen, denen zufolge wir uns von den Googles und Amazons dieser Welt digital ausbeuten und algorithmisch fernsteuern lassen, hat sich das FAZ-Feuilleton erfolgreich an die zweite Stelle der Ressortbücher katapultiert. „Wirtschaft und „Finanzen“ müssen sich dagegen vorkommen wie zwei umgehängte Eisenbahnwaggons.

Keine Frage: Dass die am Finanzplatz Frankfurt erscheinende FAZ sich kritisch mit den Entgleisungen des Kapitalismus auseinandersetzt, ist mehr als zeitgemäß. Ebenso sind Warnungen vor der digitalen Selbstentäußerung ein Ausdruck intellektueller Wachsamkeit. Was trotzdem irritiert, sind die redaktionellen Prioritäten, die die FAZ neuerdings setzt: Erst werden im Feuilleton die systemischen und technologischen Grundlagen unserer Gesellschaft kritisch hinterfragt. Danach dürfen „Wirtschaft“ und „Finanzen“ – wie großzügig! – daran erinnern, dass nur verteilt werden kann, was vorher auch erwirtschaftet wurde. Und dass es ohne digitale Industrien keinen technologischen und gesellschaftlichen Fortschritt geben kann.

Zweierlei möchte man den FAZ-Machern zurufen. Erstens: Wirtschaft ist sicherlich nicht alles. Aber ohne industrielle Wertschöpfung, ohne das Leistungsvermögen der sozialen Marktwirtschaft, liessen sich weder Museen und Konzerthäuser noch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) finanzieren. Und zweitens: Eine wesentliche Ursache für die Finanzkrise lag – neben dem Casinogebaren vieler Banken, insbesondere deutscher Landesbanken – in der mangelnden Kenntnis der Anleger über die Produkte, die sie sich in ihr Wertpapierdepot gelegt haben. Finanzbildung aber lässt sich am ehesten durch die tägliche Lektüre des Finanzteils einer Tageszeitung aufbauen. Dass dieser nun ans hintere Ende der FAZ gerutscht ist, scheint auch dem finanzkritischen Zeitgeist geschuldet. Klug wirkt es hingegen nicht.