Thilo Sarrazin, die Medienmacht und die Kommentarfunktion

Sarrazins neues Buch zeigt uns, wie Leserforen die Medien verändern könnten. Man muss nur einen Blick in die Kommentare werfen.

Immer wieder bin ich verwundert, wie sehr sich meine Wahrnehmung von jener der Mehrheit unterscheidet. Manchmal bin ich richtig froh darüber, doch dann stellt sich die Frage, aus welcher Einzelperspektive schreibe ich da eigentlich? Nachdem sich Deutschland abgeschafft hat, beklagt Thilo Sarrazin nun die Diktatur der Mehrheitsmeinung, und die sei: links (?)

Wirklich? Alexander Kissler vom Online-Magazin Cicero findet, dass es einer Gesellschaft nur gut tun könne, wenn da einer nervt und quengelt und die Ruhe des vermeintlichen Einverständnisses stört. Deshalb verteidigt er Thilo Sarrazin.

Und tatsächlich: Sarrazins Befund, den ich als konservativen Mythos abtun wollte, wird in der Studie „Politikjournalistinnen und –journalisten“ von Lünenborg und Berghofer (Selbsteinschätzung: „leicht links von der Mitte“) und in „Politische Kommunikation in der Mediengesellschaft: Eine Einführung“ weitgehend bestätigt – obgleich die ursprüngliche These noch aus den 1970er Jahren stammt. In diesen Studien wird der eigene Befund allerdings relativiert, indem die Einbettung der Journalisten in die Organisationseinheit Redaktion betrachtet wird. Hier gibt es unterschiedliche Sichtweisen, die letztlich auf den ideologischen Streit über die Autonomie eines Individuums in einem System verweisen.

Dass Kissler als „Ressortleiter Salon“ eher der Autonomiethese anhängt, mag wenig überraschen, zumal er nicht nur die Aussage Sarrazins zur „Linkstendenz“ von Journalisten bestätigt, sondern sie gleich noch auf die politischen Repräsentanten ausweitet:

„Der Blick auf den gegenwärtigen Bundestag, in dem letztlich nur sozialdemokratische und sozialistische Positionen vertreten sind, bestätigt den Befund. Zutreffend identifiziert Sarrazin eine übersteigerte Gleichheitsideologie als den Kern linker Menschheitsbeglückungsphantasien, die auf dem Rücken der zu beglückenden Menschen ausgetragen werden.“

Kissler schließt seinen Artikel mit einem Dank an Sarrazin:

„Dem Staatsbürger Sarrazin ist dafür zu danken, trotz alledem, trotz alledem.

 

Die Medien und der schon vorbereitete Diskurs

Betrachten wir die Kommentarfunktion. Denn Sarrazin, das ist das Moderne an ihm, gibt der landläufigen Meinung Zucker. Ein FAZ-Leser stellt zufrieden fest:

„Habe das Buch am Samstag per Download als E-Book erworben und 80 % durchgelesen. Das aktuell ablaufende Verhaltensmuster der Medien ist 1:1 in seinem Buch beschrieben. Es zaubert mir ein Lächeln aufs Gesicht, wenn ich die Schnappatmung der Presse förmlich spüre.“ (Die Reaktion der Medien bestätigt Sarrazin 1:1).

Wer hat nicht schon Stammtischmeinungen über linksliberale Lehrer, linke Hochschullehrer, linke Journalisten gelesen, die angeblich die Institutionen und die Gesellschaft dominieren? Ich frage mich dann regelmäßig, wo sind sie denn? Doch die Schwierigkeit an der jetzigen Debatte ist, dass die Medien Sarrazins Stammtisch-These selbst anschlussfähig gemacht haben. Etwa durch den Diskurs um die Political Correctness. Thomas Wolf von Focus Money fragt: Was darf man in Deutschland sagen – und was nicht?

Denkschablonen statt ergebnisoffener Debatten – das hat viel mit den Medien zu tun. Schließlich fallen die Vorstellungen davon, was gut und richtig ist, nicht einfach vom Himmel. Der Medientheoretiker Norbert Bolz spricht Klartext: Seit Jahrzehnten dominierten die Linksintellektuellen den Diskurs, sie hätten ›das ausgeprägt, was wir Political Correctness nennen‹.“

Wie viele Tachelesredner und Tabubrecher haben nicht schon in den Talkrunden gesessen, von Hans-Olaf Henkel bis zum Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky? Das führt dann dazu, dass etwa David Hugendick in seiner Besprechung von Sarrazins Buch ausgerechnet von Gutmenschen ohne Anführungszeichen und vom „Sprachhygieniker“ schreibt, obwohl er Sarrazins Bedeutung für den öffentlichen Diskurs ansonsten überzeugend seziert.

 

Totalität linker Meinungsherrschaft?

Vielen Aussagen in den Leserforen ist eines gemeinsam: ein tiefes Misstrauen gegenüber den Medienmachern. Das sollte zu denken geben, vor allem, weil die konservative Spielart des Medienmisstrauens auf der anderen Seite (der linken) nicht wesentlich anders ausschaut (siehe Lanz-Debatte). Warum ist das bemerkenswert? Weil die Medien für sich als „vierte Säule“ des politischen Systems quasi Verfassungsrang beanspruchen und damit einer Legitimation bedürfen, die sie sich anders als die anderen Institutionen erst verdienen müssen. Ein FAZ-Leser stellt sich z.B. diese Frage:

„Wenn der Vorwurf, dass die deutschen Medien redaktionell links stehen, falsch ist, welche politischen Sendungen oder Nachrichten im öffentlich[..]-rechtlichen Fernsehen wären denn dann redaktionell noch konservativ? Welche Haupt-Zeitungen wäre[n] noch konservativ zu nennen? Welcher Journalist traut sich noch ARD und ZDF entschieden zu widersprechen, wenn es um die sensitiven Themen geht? Welche[r] Journalist der etablierten Medien traut sich z.B. ‚Flüchtlinge‘ illegale Einwanderer zu nennen?“ (Wie gerade beim Fall der Anti-Lanz-Petition …)

Diese Position ist noch vergleichsweise moderat im Ton und eine der ersten (von bislang 344) Reaktionen unter einem Artikel von Jürgen Kaube in der FAZ. Der Tenor der Kommentare ähnelt sich:

„Letztendlich sagt er [Sarrazin, K.] nichts wirklich Neues – doch er erregt sich dabei sehr – das schafft (leider) Stammtischatmosphäre. Ohne seine schenkel-klopfenden ‚Jünger’, wäre er durchaus ein fähiger Zeitgeistanalytiker.“

„Ich hoffe, dass ganz viele erkennen, wieviel Wahres an dem provokanten SPD-Mann dran ist, die AfD wählen! Wenn es Europa, Deutschland und den lauteren Bürgern dient, stehe ich als sozialer Humanist bei den Populisten in der ersten Reihe!“

Im Magazin Focus wurde am 24. Februar gemeldet, dass sowohl Maischberger als auch der RBB geplante Sendungen, die der Buchvorstellung dienen sollten, abgesagt haben. Schlussfolgerung zweier Leser:

„Auch in dieses Thema hätten Sarrazin und sein Buch gepasst. Die öffentlich-rechtlichen Sender müssen auch vom öffentlich verordneten Mainstream abweichende Meinungen anhören. Das ist Demokratie. Würgen sie Sarrazin ab, beweist dies seine These vom ‚Tugendterror’.“ („Hartz IV für alle: Sind wir das Sozialamt Europas).

„In unserem Land ist seit Jahren zu beobachten, daß Meinungen, die nicht dem politisch korrekte[n] LEITBILD entsprechen, unterdrückt werden. Eine unausgesprochene, heimliche Zensur. Man kann es besonders deutlich feststellen, wenn man beobachtet, wie die neue €-kritische Partei AFD in den Medien behandelt wird. Für eine DEMOKRATIE ein Skandal!“ (ARD lädt Sarrazin aus).

 

Lagerbildung wie in den USA?

Von Kommentaren mit dieser Stoßrichtung gibt es noch erheblich mehr, aber es gibt auch viele kritische Anmerkungen zu Sarrazin und dessen Thesen. Weshalb dann mein Artikel? Die Antwort findet sich ebenfalls in den Leserkommentaren:

„Ein weiterer müßiggängerhafter Blick in die Foren erhellt dann aber, was der Plebs so denkt [D]ieses Dummvolk ist doch glatt näher am Thema, kann das auch begründen und schlägt sich, das jedenfalls war zu erwarten, doch mehrheitlich auf die Seite des Autors.

Unserer Presse täte es gut, hinterfragte sie endlich die Ursachen dieser sich zwischen ihr und dem Dummvolk doch aufgetanen Kluft. Fürs Dummvolk scheint die Presse bei manchen Themen nicht mehr zu schreiben, für wen bitte dann?“(QED!)

„Aber da ist etwas passiert, etwas, das unsere Demokratie gefährdet… Man sehe sich einige Tausend Foren an. Völlig unabhängig voneinander werden die Medien von vielen nur noch als Desinformationsschleudern wahrgenommen.“ (ein tatsächliches Problem)

Das letzte Zitat ist das wesentliche. Sarrazin hat mit seiner Schrift bzw. mit der von ihm ausgelösten Debatte ein Unwohlsein getroffen, das gewaltig an der Legitimität der Medien kratzt. Ganz unabhängig davon, ob seine These von der linksliberalen Medienmeinung stimmt oder nicht.

Man kann leider nicht sagen, dass die Medien selbst an der Situation unschuldig wären. Damit widerspreche ich der These von der linken Medienmeinung. Die angeführten Beispiele sind exemplarisch für einen zunehmend unreflektierten Umgang mit pauschalen Zuschreibungen aller Art (Gutmenschen, Sprachhygieniker etc.) – und zwar nicht nur in Kommentaren, sondern auch in Medien. Dieses kulturalistisch aufgeladene ideologische Ringen könnte zu einer Lagerbildung führen, die wir in den USA seit längerem beobachten.