CARTA: Autorenblog oder “grundlegende Urkunde”

Carta ist interessant und informativ. Nicht immer ungewöhnlich, nicht immer wirklich anders und alles andere als ein Bewegungsmedium. So what? Man sollte nur seinen eigenen Auftrag kennen.

Meine Verbindung zu Carta ist erst mal eine persönliche. Ich habe mit Vera Bunse am Rande eines Kongresses das gleiche Hotel bewohnt und nebenbei ein paar anregende Gespräche geführt. So bin ich als Leser zu dem Medium gekommen, von dem ich gedacht hatte, es sei offen, politisch breit und aus dem Netz fürs Netz.

 

Blog für “digitale Öffentlichkeit, Politik und Ökonomie”

Seinem eigenen Anspruch nach befasst sich dieser Autorenblog “mit dem Strukturwandel der medialen Öffentlichkeiten, Medienökonomie, Medien- und Internetpolitik sowie allgemeinen Fragen des politischen Feuilletons”.

Dem dahinter stehenden Verein geht es um die “Darstellung unterschiedlicher Argumente und Positionen, Wahrnehmungen und Erfahrungen vor dem Hintergrund des digitalen Strukturwandels in Politik, Ökonomie und Medien”.

So ganz deckungsgleich sind die Aussagen nicht. Böse könnte man sagen, das einzig Gemeinsame dieser Aussagen ist allein der feste Glaube an den Strukturwandel. Positiv kommentiert, heißt dies: alle Themen sind möglich, skeptischer: so einen richtigen Begriff dafür, um was es geht, haben auch die Betreiber nicht. Wandelt sich die Öffentlichkeit, wandeln sich die Medien, oder werden Politik und Ökonomie digital?

“Es fehlt nicht an Theorien des Internets, es fehlt eine Theorie des Internets im Kapitalismus. Erst dann gibt es einen realistischen Zugang, erst dann wird man die Technik, die Strukturen und die Beteiligten in einem anderen Licht sehen können.” So lautete die radikale Antwort von Wolfgang Michal auf einen meiner Beiträge. Wenn Carta also der Zettelkasten für die Arbeit an einer solchen Theorie sein sollte, dann gälte es erst recht, das Profil zu schärfen, und es gäbe noch einiges zu tun, es sei denn, eine solche Großtheorie ist an mir vorbeigehuscht.

 

Die Autoren des Autorenblogs

Nun hat Michal am Dienstag einen provokanten Artikel geschrieben, der im Grunde ein Thema aufgreift, das er bereits in anderen Artikeln angerissen hat: Je mehr Blogs zu reinen Beobachtern der Medien und zu Kommentatoren der Kommentatoren werden, desto weniger unterscheiden sich Blogs von Leserbriefen.

Erst kürzlich ist ihm nachlesbar der Kragen geplatzt: “Leider gehen die Leute aus der Netzszene diesem Konzept voll auf den Leim. Bei Twitter laufen sie Abend für Abend zu Hochform auf. Mit beißendem Spott und fanclubartigem Jubel begleiten sie ihre ‚Spiel-Figuren‘. Denn die Talkshow ist das Dschungelcamp für die Mittelschicht.”

In den Kommentaren sieht sich Joss aufgerufen: „Und [Michal] forderte von uns Bloggern: ‚Macht euer eigenes Programm. Die Mittel dazu habt ihr ja.'“

Für Carta als “Autoren-Plattform” ist die Vielfalt und die Eigenständigkeit der Meinungen wichtig, entsprechend negativ wirkt sich eine Anlehnung der BlogautorInnen an den herkömmlichen Massenmedien auf Carta aus. Ohne die Ressourcenfrage zu stellen, geht es genau hierum, um unser eigenes Programm, für das Jürgen Fenn Vorschläge macht.

Eine andere Sache ist es, dass der Autorenblog, von dem es heißt, dass ganz viele AutorInnen für ihn schreiben, doch von einigen Wenigen dominiert wird. So verdienstvoll das ist, umso seltsamer mutet es an, wenn diese selbst zum Teil in jenen Dschungelcamps der Mittelschicht sitzen. Wenn Carta nicht „ein Blog weniger“ werden soll, muss die AutorInnenbasis vergrößert werden. Dass eine Einfrauredaktion damit an Grenzen stößt, ist verständlich, aber dies ist zugleich eine Richtungsentscheidung.

Michal hat erneut das Arbeitsprogramm formuliert, alle hätten genug zu tun. Aber auch Carta muss Entscheidungen treffen, sonst wird es irgendwann zur Urkunde.
 
Crosspost von Punkgebete