Facebook zahlt für jeden von euch 47,50 Dollar

Kritische Anmerkungen zur Whatsapp-Übernahme

Am Mittwochabend wurde bekannt: kauft für insgesamt 19 Milliarden Dollar. Das ist eine astronomische Zahl, die nun wirklich jedem endgültig klar machen sollte: Daten sind die Währung des 21. Jahrhunderts.

Facebook, mittlerweile zehn Jahre alt, hat ein Problem: Jugendliche finden das größte soziale Netzwerk nicht mehr ansprechend genug. Da auch Eltern, Lehrer und Großeltern dabei sind und Facebook über die Jahre umfangreicher geworden ist, fehlt die Einfachheit und Coolness der Anfangsjahre. Um dem Trend entgegenzuwirken, hat sich Facebook im Jahr 2012 den populären Bilderdienst Instagram für gut 1 Milliarde Dollar gekauft. Peanuts, verglichen mit dem, was Facebook nun auf den Tisch legt.

Whatsapp, vor gut 5 Jahren gestartet, wird häufig als SMS-Ersatz beschrieben. Sicherlich lässt sich die Funktionalität auf den ersten Blick so zusammenfassen. Es ist möglich, (scheinbar) kostenlos Nachrichten oder Bilder an Freundinnen und Freunde zu schicken. Gruppenchats, viele bunte Smileys und Hintergrundbilder sprechen insbesondere Jugendliche an.

Die Verbreitung ist rasant: Nach eigenen Angaben hat Whatsapp allein in Deutschland 30 Millionen Nutzer.

Ein großer Bestandteil des Erfolgs ist die Einfachheit des Dienstes – oder anders ausgedrückt: die extreme Faulheit der Nutzerinnen und Nutzer. Nach der Installation von Whatsapp werden großzügige Zugriffsrechte auf das Betriebssystem verlangt (u. a. Zugriff auf Bilder, das Mikrofon, die Kontakte) und die eigene Mobilfunknummer als Identifikation verwendet. In einem Rutsch wird auch das Adressbuch an den Hersteller gesendet – ein Vorgang, der im analogen Zeitalter eine Welle der Empörung hervorgerufen hätte.

Kleines Beispiel: Wir sind im Jahr 1990 und im Urlaub in einem fernen Land. Ferngespräche sind teuer, aber man trägt dennoch sein kleines Adressbuch mit allen Telefonnummern und sonstigen Daten seiner Kontakte in der Jackentasche. Man stelle sich nun ferner vor, ein Unbekannter würde einem anbieten, dass man von seinem Telefon kostenlos alle Freundinnen, Freunde und Familienangehörigen anrufen könnte. Die einzige Gegenleistung wäre, dass sich dieser Unbekannte eine Fotokopie eures Adressbuchs machen dürfte.

Niemand würde wohl ernsthaft auf das Angebot eingehen. Nichts anderes – und noch viel mehr – macht Whatsapp.

Über das Entwicklerteam von Whatsapp ist kaum etwas bekannt, die offizielle Firmenadresse gibt es nicht (siehe “Ist Whatsapp eine Briefkastenfirma?“). So hörte man auch kaum eine Stellungnahme zu den erheblichen Sicherheitslücken, die teilweise bis heute nicht geschlossen worden sind.

Adressbuchdaten wurden unverschlüsselt übertragen, die gesamten Konversationen ebenso, und als Autorisierung wurde die Telefonnummer des Smartphones mit dessen WLAN-Gerätekennung verwendet. Das ist ungefähr so, als würde man auf der Straße einen Motorradhelm aus Esspapier verwenden.

Doch warum zahlt Facebook fast 14 Milliarden (noch einmal: 13.852.599.436,92) Euro für Whatsapp?

Weil Facebook selbst Daten sammelt. Weil es nun Zugriff auf jede private Kommunikation zwischen den Nutzerinnen und Nutzern hat; Zugriff auf jeden Gruppenchat über den neuesten Film im Kino. Ebenso kann es jede romantische Konversation zwischen zwei Verliebten (und die dazugehörigen Bilder) oder jedes gesundheitliche Problem, über die ihr mit eurem besten Freund über Whatsapp schreibt, mitlesen. Und Whatsapp verlangt auch den Zugriff auf eure Ortsdaten, also Infos, wo ihr gerade oder häufig (= eure Wohnung) seid.

Denkt dran: Eure Daten sind Facebook viel wert. Und rechnet man die Kaufsumme auf die 400 Millionen Nutzerinnen und Nutzer um, dann ergibt sich: 47,50 Dollar für eure Geheimnisse und euer Adressbuch. Da war der unbekannte Typ im Urlaubsparadies 1990 doch ein Samariter.
 
Crosspost von henning-tillmann.de

 

  • Die New York Times berichtet von einem “16 Billion Deal”, Reuters von 19 Milliarden (Techcrunch 19, Mashable 16 …). Wir haben uns – da wir keine schlüssige Antwort erhielten – für 19 Milliarden entschieden: