Gelesen: Wolfgang Sternsteins „Atomkraft – nein danke“ · Der lange Weg zum Ausstieg

| 22.02.2014 | 2 Kommentare

Vierzig Jahre Auf- und Abstieg aus der Perspektive eines reflektierten Aktivisten: Wolfgang Sternstein untersucht die Erfolgs-Architektur der AKW-Bewegung.

Wyhl, Grohnde, Kalkar, Brokdorf und Wackersdorf sind Symbolbegriffe der Nachkriegsgeschichte und Fahnenworte für eine – wenn nicht die erfolgreichste – Protestbewegung der Nachkriegszeit. Wolfgang Sternstein (74) hat nun den „langen Weg zum Ausstieg“ rekonstruiert und vier Jahrzehnte erlebter Protestkultur reflektiert.

Das autobiografisch gefärbte Lebensbuch „Atomkraft – nein danke“ zeichnet sich durch einen besonderen Hybrid-Charakter aus. Sternstein, der seinen Beruf mit „Friedensforscher und Friedensaktivist“ angibt, macht aus beiden Rollen das Beste.

 

Ein Buch der geglückten Paradoxie

Die Nähe des Akteurs verbindet sich mit der Distanz des Analytikers, der aus einem prallen internen und externen Wissensfundus schöpfen kann. Sternstein war nicht nur sechs Jahre Vorstandsmitglied des untergegangenen, einst sehr einflussreichen BBU (Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz). Diese Erfahrungen wertet der Autor aus. Klarer und informierter wurde der Niedergang des BBU und die Fallstricke der (richtigen) Institutionalisierung noch nicht beschrieben.

Gleichzeitig war der Stuttgarter Friedensforscher gewaltfreier Aktivist in der ersten Reihe zahlloser Protest- und Widerstandsaktionen. Er berichtet aus der Perspektive des reflektierten Akteurs, aber – und das ist wohl das solitäre ‚Kunststück‘- mit dem Handwerkszeug des distanzierten, abgeklärten, suchenden Forschers. Rollenkonflikte, die der Protagonist des strikt gewaltfreien Flügels der Bewegung erlebt hat, markiert er mit kalter Distanz. Diese Rollen-Ambivalenz zieht sich durch die acht Kapitel, die oft an die sprachliche Flughöhe renommierter amerikanischer Historiker heranreichen.

Sternstein, „organischer Intellektueller“ (Gramsci) oder „Drehpunktperson“ (Schwendter), liefert einen historischen Wissensspeicher, der als Anti-These zu den klassischen Zeitzeugen-Berichten gelesen werden kann. Sternsteins AKW-Protestgeschichte ist weit entfernt von der `me-myself-and-I-Folklore`, die manche Betroffenen-Berichte so stumpf macht, gerade für die oft geschichtsvergessenen und forschungsdistanzierten sozialen Bewegungen ein analytisches Geschenk und eine Animation, Erfolge und Niederlagen sauber(er) zu sortieren und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Trotz der späten Ausstiegserfolge – beginnend mit dem historischen Kompromiss des rot-grünen Konsenses mit der Atomindustrie im Jahr 2000 – erzählt Sternstein keine schlichte Erfolgsstory, sondern eher die Etappen eines Konfliktbündnisses.

 

Zwischen K-Gruppen-Egoismus und den Verlockungen der Gewalt

Im historischen Rückgriff ist nach Einschätzung Sternsteins die 68er-Revolte vornehmlich aus zwei Gründen gescheitert: „Ideologischen Spaltungen und das Abdriften in die Gewalt. Beides hatte zur Schwächung, Zersplitterung und schließlich zum Zerbröseln der Bewegung geführt.“

Diese „Hinterlassenschaft“ aus KBW, KPD-AO, KPD/ML, KB, Spontis, Autonomen und anderen schleppte sich in die aufsteigende Anti-AKW-Bewegung der beginnenden siebziger Jahre ein. Deren Militanz-Fantasien samt Ideologie-Ballast stießen nicht nur in Wyhl auf traditionsbewusste Winzer im Kaiserstuhl, die den unbeherrschbaren Technologien nicht trauten. Die sich daraus entwickelnden Dauerkonflikte um die Gestaltung des Widerstands und die Wahl der geeigneten Protestformen werden erstmals aus einer Binnensicht greifbar und mit ihren Folgewirkungen nachvollziehbar.

Besonders eindrucksvoll wird hier die Rolle der ‚Mediatoren‘ aus der Bewegung beschrieben, die immer wieder den Konflikt zwischen Militanz und Gewaltfreiheit ausbalancierten. Sein Fazit: Es gab keinen Königsweg im Dauerspagat zwischen Engagement und Enttäuschung. Zur DNA der Anti-AKW-Bewegung gehören – so ein wesentliches Ergebnis des Autors – die wechselvollen Phasen des Aufschwungs und Abstiegs der Atomkraftgegner, die in aller Schärfe durchbuchstabiert werden. „Auf den furiosen Aufstieg am Oberrhein (…) folgte der Abstieg in Brokdorf und Grohnde infolge der gescheiterten Platzbesetzungsversuche.“

Nach dem Krisenjahr 1978 erlebte die Bewegung „förmlich eine Wiedergeburt mit der Verhinderung der WAA Gorleben …“ „Auf diesen Aufschwung folgte der Abschwung der
Bewegung in dem zunehmend von militanten Gruppen getragenen Widerstand gegen die WAA Wackersdorf.“ Aus der Analyse der Protestzyklen der Anti-AKW-Bewegung wird so deutlich, dass Lernprozesse offenbar kaum an die kommende Generation zu vermitteln sind, Erfolg und Niederlage stets dicht beieinander liegen.

 

Merkels Kehrtwende aus „machttaktischem Kalkül“?

Nach der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke durch die schwarz-gelbe Koalition „schien alles verloren. Dann kam Fukushima. Aus machttaktischem Kalkül vollzog daraufhin die Bundeskanzlerin eine Kehrtwende.“ Ob dieser Zusammenfassung des Autors so gefolgt werden kann, scheint zweifelhaft. Denn der (langsame) Ausstieg aus der sogenannten Brückentechnologie hatte nach persönlicher Aussage des früheren Umweltministers Peter Altmaier eine andere Ursache.

Demnach war die Kanzlerin vor allem von den extremen Katastrophen-Bildern aus Fukushima beeindruckt. Ihr Instinkt brachte sie in einer Krisensitzung im Kanzleramt zu der Überzeugung, dass sie gegen „diese Bilder nicht regieren“ könnte. Ohnmacht hat die Kanzlerin wohl eher getrieben, als Machttaktik. Aber befördert wurde diese Kehrtwende auch durch die 40 Jahre lang vorgetragene Gegenexpertise zu einer nicht beherrschbaren Technologie. Dazu kamen erste Zweifel und Einsichten von Managern der Atom-Industrie, die nach Fukushima Kosten und Risiken einer Technik, „die keine Fehler verzeiht“, rationaler zur Kenntnis nahmen.

Der Ausstieg aus der Atomkraft und der holprige Einstieg in ein alternatives Energiekonzept wären jedoch ohne den jahrzehntelangen Kampf der AKW-Bewegung undenkbar gewesen. Sternsteins Bilanz: „Die Anti-Atomkraftbewegung gehört damit zu den wenigen erfolgreichen sozialen Bewegungen in der an gescheiterten Emanzipationsversuchen so reichen deutschen Geschichte.“

Ein besonderes Kennzeichen von Bewegungen ist zudem, dass die indirekten, nicht sofort sichtbaren Erfolge im Schatten eines Lebensgefühls der permanenten Gegenwart kaum wahrgenommen werden. Wer das ‚kulturelle Kapital‘ der AKW-Bewegung im Ganzen zur Kenntnis ausmessen will, sollte die vom Energiekonzern RWE 2012 herausgegebene Studie „Akzeptanz für Großprojekte“ parallel zu Sternsteins historischer Reflexion lesen. Hier sind ergänzend die indirekten Erfolge nach vier Jahrzehnten AKW-Protest gut wieder aufbereitet. Aber noch nicht endgelagert.

 

Wolfgang Sternstein, »Atomkraft – nein danke!« Der lange Weg zum AusstiegWolfgang Sternstein
„Atomkraft – nein danke!“
Der lange Weg zum Ausstieg

Frankfurt/M, 2013, Brandes & Apsel Verlag
1. Auflage 2013
240 S., Paperback, 19,90 €
ISBN 978-3-95558-033-9