Ohne staatliche Interventionen als Fundament für einen besseren Journalismus geht es nicht

Für die US-Autoren John Nichols und Robert W. McChesney ist die Kommerzialisierung des Journalismus an sein Ende gekommen. Ohne weit reichende politische Intervention sei die Substanz des Journalismus nicht zu retten. Es ist Zeit, über gezielte politische Aktionen zugunsten des Journalismus - aber auch über seine Schwächen und Probleme - nachzudenken.


In den USA präsentiert sich die Situation der publizistischen Massenmedien heute noch besorgniserregender als etwa in Deutschland oder der Schweiz. Bankrotterklärungen prestige- und geschichtsträchtiger Presseunternehmen häufen sich, der dominante private Rundfunk ist zu einer weitgehend „journalismusfreien“ Zone geworden, sogar Millionenstädte sind zunehmend journalistisch verwaist. Dies vor Augen, sehen John Nichols und Robert W. McChesney nicht einfach die Medien, sondern die für eine Demokratie zentrale Institution des Journalismus in der Krise. Ihr auf dem Netz vorveröffentlichter Artikel „The Death and Life of Great American Newspapers“ (erscheint am 6. April in der Wochenzeitschrift „The Nation“) zeigt aber auch Perspektiven für einen fundamentalen Wandel hin zu einer anderen, einer besseren Medienordnung auf. Diese für die USA typische Dialektik, das direkte Aufeinandertreffen von Albtraum und Hoffnung, machen es auch aus europäischer Sicht wichtig, die Entwicklungen und Diskussionen jenseits des Atlantiks mitzuverfolgen und die eigenen Schlüsse daraus zu ziehen.

Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist bei Nichols und McChesney konstitutiv an die Politik geknüpft. Sie habe durch Gesetze und Subventionen dafür zu sorgen, dass landesweit jede Region mit qualitativ hochwertigem Journalismus versorgt werde. Als Voraussetzung jeglicher Art politischer Intervention sehen die Autoren die Einsicht, dass es sich beim Journalismus, ähnlich wie etwa bei der Bildung, um ein öffentliches Gut handelt und der Staat letzten Endes die Verantwortung dafür trägt, dass die zur Herstellung dieses Gutes benötigten Ressourcen vorhanden sind. Sich nur auf kommerzielle Interessen, den „freien“ Markt und den einen oder anderen philantropischen Mäzen zu verlassen, ist fatal – das haben die letzten Jahre gezeigt.

Von zentraler Bedeutung ist somit, dass hinsichtlich der „journalistischen Grundversorgung“ die einseitige Abhängigkeit der Gesellschaft von profitorientierten Medien durchbrochen werden kann. Ziel sei ein pluralistisches System unterschiedlicher institutioneller Strukturen. Das bedeutet konkret: Es braucht eine ausgeglichene Vielfalt von Eigentumsverhältnissen im Medienbereich, also vermehrt auch Genossenschaftsmodelle, unabhängiges Non-profit- oder öffentliches Eigentum.

Die Frage nach dem Kommunikationskanal ist dabei zweitrangig. Vorerst geht es sicherlich darum, dem Journalismus in den „alten“ Medien und der Gesellschaft Luft zu verschaffen. Darüber hinaus sollen die medienpolitischen Eingriffe aber auch die Gelegenheit bieten, sich darüber klar zu werden, wie Qualitätsjournalismus im bereits angebrochenen digitalen Zeitalter vermittelt werden kann. Worauf es letztlich ankommt, das sind gut ausgestatte Redaktionen, in denen fair bezahlte professionelle Journalisten möglichst unabhängig ihrer Arbeit nachkommen können – im Idealfall in produktiver Symbiose mit emanzipatorischem Bürgerjournalismus.

Eine grundlegende und nachhaltige Abkehr vom dominanten Modus, wie sie Nichols und McChesney propagieren, ist nicht umsonst zu haben. Es braucht nicht nur den politischen Willen zu einer konzentrierten Aktion, die Autoren sprechen auch von rund 60 Milliarden Dollar für die nächsten drei Jahre, die der Staat aufbringen müsste. Mit Hilfe dieses Geldes soll eine demokratisch legitimierte Politik mit durchdachten und aufeinander abgestimmten Interventionen das Fundament für einen besseren Journalismus legen und die zukünftige Medienlandschaft in ihren Grundzügen gestalten.

Viele Praktiker, Medienwissenschaftler und sonstige Experten sind gegenüber dem Staat nach wie vor äußerst skeptisch. Diese Skepsis wird von den beiden Autoren begrüsst. Gleichzeitig ist aber auch genügend intellektuelle Redlichkeit angezeigt, um zuzugeben, dass eine aufgeklärte und gezielte politische Aktion zugunsten des Journalismus keinesfalls mit einer staatlichen Kontrolle über den Journalismus gleichgesetzt werden kann.

Natürlich sind die USA nicht Deutschland oder die Schweiz. Führt man sich aber die Veränderungen der letzten Jahre in den hiesigen Medienmärkten vor Augen, ist es absolut angebracht, dass sich die Zivilgesellschaft und die Politik auch hierzulande – und besser heute als morgen – ernsthaft mit den substantiellen Schwächen und Problemen des Journalismus auseinandersetzen. Nichols und McChesney bezeichnen die staatlichen Investitionen in den Journalismus als Infrastruktur-Projekt zur Bewahrung der Demokratie. Angesichts der gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesellschaftskrise seien informierte und engagierte Bürger das wichtigste Kapital der USA. Spätestens an dieser Stelle lösen sich die Unterschiede zwischen den USA und Europa im Nichts auf.