Live-Ticker: Sitzend in den Abgrund

Aktuelle Berichterstattung fast in Echtzeit ist im Prinzip ja nicht verkehrt - aber muss sie zur Banalitätenshow verkommen?

Die Abgründe an Niedertracht und Nichtsnutzigkeit, die sich regelmäßig hinter +++ Live-Tickern +++ auftun, sind ja inzwischen legendär. Doch die Online-Medien lieben sie weiter. Die Frage ist: Ob sie es trotz des erwiesenen Nichtnutzens tun – oder gerade deswegen?

Jedenfalls hätte es bei den Medien nach den beliebten wie gesellschaftlich doch eher irrelevanten „Aufregern“ der vergangenen Wochen – ADAC, Lanz, Dschungelcamp – langsam möglicherweise mal wieder Butter bei die Fische geben können. Eine Regierungserklärung stand ins Haus. Immerhin eine der, so heißt es doch ständig, mächtigsten Frau der Welt. Klar, im Angela-Merkel-Deutschland weiß inzwischen jeder, dass das in etwa so spannend zu werden verspricht wie ein herumliegendes Wollknäuel.

Doch der Live-Ticker kann noch mehr, er strickt so was rituell bis zur völligen Sinnlosigkeit weiter. Weil sich Kanzlerin Merkel beim Wintersport bekanntlich verletzt hat, sollte sie am Mittwoch im Bundestag auf einem Stuhl sitzend reden. Es ist mir nicht ganz klar, ob es eher unsagbar lächerlich oder tieftraurig ist, dass daraus im Live-Ticker bei Spiegel Online prompt doch tatsächlich die Schlagzeile wurde: „Merkel spricht als erste Kanzlerin im Sitzen“. Na sowas.
 

Spiegel online vom 29.01.2014, Screenshot

Spiegel online vom 29.01.2014, Screenshot

 

Ihrem Wesen am nächsten

Am wahrscheinlichsten ist, dass Spiegel Online und all die anderen, die ähnliche Banalitäten getickert haben, sich und ihrem Wesen damit nun endlich am nächsten gekommen sind. Sollte es von einer Agentur stammen, ist’s noch schlimmer, weil niemand es getilgt hat. Eine sinnlosere Mitteilung lässt sich im Journalismus jedenfalls kaum denken. Außer, wir sind schon auf dem Weg zu Standards wie: „Vizekanzler Gabriel trägt ein Jackett.“

Mit den Worten des gestrengen Journalistenausbilders Wolf Schneider im Hinterkopf könnte man schon bei der Kanzlerin horchen und spitzfindig fragen: Und welcher Kanzler war der erste? Aber das hat vermutlich wirklich schnell jemand recherchiert.

Erfreulicherweise haben die Ticker-sozialisierten Journalisten trotz ihres Hangs zur Banalität bisher immerhin darauf verzichtet – jedenfalls so weit ich das sehe –, bei Holocaust-Gedenkveranstaltungen im Bundestag dem Publikum mitzuteilen: „XY spricht als erster Überlebender im Sitzen.“ Wenn man es recht bedenkt: Das grenzt fast an ein Wunder.

 

Wen soll diese abgeschmackte Form des Entertainments interessieren? 

Selbst wenn nach dem Vermelden von Merkels geglücktem Niederlassen hinter dem Rednerpult noch alle möglichen Plattitüden ihrer Rede brav heruntergetickert wurden: Was für ein Bild von ihren Lesern haben solche Redaktionen? Noch genauer gefragt: Glauben all die Medien eigentlich noch ernsthaft, dass es diese abgeschmackte Form von versuchtem Entertainment ist, die Leser an ein Thema heransaugt?

Georg Seeßlen hat in seinem so wunderbar betitelten Blog „Das Schönste an Deutschland ist die Autobahn“ kürzlich geschrieben:
 

„Das Geschwätz, wir wissen es und sind deshalb nicht gleich überheblich, gehört zum Zusammenhalt einer Gesellschaft und ihrer Subsysteme. Aber stellen wir uns eine Gesellschaft vor, die nur noch durch das Geschwätz zusammengehalten wird!“

 
Mit dem Live-Ticker arbeiten jedenfalls etliche Medien sehr hart daran, nur noch Geschwätz zusammenzutragen. Fragt sich, was für eine gesellschaftliche Bedeutung das noch haben soll, und wozu die Presse dafür eigentlich ihren Platz ziemlich weit vorne in der Verfassung benötigt?

Ob stehend oder sitzend: Es scheint nicht so, als ob darüber in Redaktionen mit Live-Ticker-Funktion viel nachgedacht würde.
 
Crosspost vom debattiersalon