Früher war das Internet spannender

Vielleicht zerstreiten wir uns im Netz, weil es nichts mehr zu entdecken gibt.

Als ich im Jahr 1998 Internet bekam, suchte ich mit Altavista und Yahoo, und meist gab es ähnliche Ergebnisse. Las und schrieb das Judo-Forum voll. Filesharing war eine great exploration, riesig, und die Tricks, damit es im Uni-Netz weiterhin funktioniert, machten mich zur Hackerin. Alleine die Filesharing-Zeit war ‘ne geile Zeit.

Doch das war nicht alles. Mit dem Programm Dreamweaver erstellte ich Webseiten mit Frames, die ich dann auf Kostenlos-Webspace hochlud. So richtig verstand ich nicht, wie das Programm funktionierte, aber es erstellte Seiten, die so ähnlich aussahen, wie sie aussehen sollten.

Und ich machte mir eine E-Mail-Adresse. Nein, ich machte mir in kurzer Zeit mehrere Adressen – zuerst eine bei Hotmail, dann bei GMX und web.de. Ob wohl heute jemand anderes [email protected] benutzt? Nie ausprobiert. E-Mail-Adressen waren eine wichtige Möglichkeit, mit Internet-Namen (Identitäten?) zu experimentieren. Das war nicht gut für die Erreichbarkeit, aber manchmal machte ich Weiterleitungen. Ständig konnte ich meinen Freunden eine Neuigkeit verkünden – eine neue E-Mail-Adresse.

Jetzt habe ich schon seit einigen Jahren dieselbe Adresse. Das ist für Menschen ohne Facebook wichtig.

Facebook habe ich nicht mehr. Durchgespielt. Twitter war damals, 2008, 2009, als ich noch abends mit plomlompom und anderen Berliner Bohemiens chattete, auch unschuldiger. Überhaupt war es schöner, als die Berliner Bohème noch so etwas wie eine Verheißung war. Twitter ist zwar immer noch ein schönes Spiel, aber man hat – nach den großen Stürmen – nun auch alles gesehen.

Wenn man ein neues Blog macht, macht man sich keine großen Gedanken mehr, sondern holt sich erst mal eines bei wordpress.com oder blogsport, oder lädt halt schnell ein WordPress auf den Server hoch und nutzt die fünf Templates, mit denen man die besten Erfahrungen hat, die sind doch die Besten. Ein neues Headerbild, und flugs ist die Individualisierung da.

Twitter, Blogs, Soundcloud (mit Flash) statt Filesharing – alles in gesitteten Bahnen. Nichts ist mehr aufregend und neu, und das Alte ist doch alles noch da.

Und jetzt, nach Snowden, da will man doch eigentlich nur noch in den Garten.

Im Grunde sollte Snowden einen ja gar nicht so aufregen, man sieht, dass man im Grunde die Gespräche mit den Drogendealern auch in Klar-Sprache hätte führen können, aber weil alle Freunde aufgeregt und resigniert sind, bin ich es auch.
 

DER TOD DES INTERNETFLANEURS OR THE MOROZOFICATION OF REALITY

 
schreibt mir Pavel. Ein Morozov-Artikel aus dem Jahr 2012.

Hätte man lesen müssen, vielleicht. Vor Snowden. Oder nach Snowden.

Ist ja alles wie gehabt. Nur, dass es sich jetzt alles nicht mehr neu und aufregend anfühlt.
 
Crosspost von Julia Seeliger.