Start-ups im US-Journalismus: Sei das Medium!

Wer hierzulande selbständiger Journalist wird, bekommt Tipps, Medien vom eigenen Bauchladen zu überzeugen. In den USA wird ein anderer Ansatz gelehrt.

Haben Sie mal ein Journalismus-Studium belegt? Geradezu klassisch ist dort zur Begrüßung eine Litanei: Wie wahnsinnig schwierig das spätere Überleben im Job geworden sei, wie dünn die Personaldecken in den Verlagen, wie hart die Konkurrenz unter Freien. Später kommt Innovation tendenziell eher von oben, große Verlage denken sich die deutsche Huffington Post aus und probieren Snowfall-Lookalikes aus. An der Basis gestartete Projekte wie Der Postillon, Jung und Naiv, Lokalblogs oder Special-Interest-Angebote bleiben immer noch selten. Und so fragen sich Kollegen wie Martin Giesler zu Recht, wo in dieser deutschen Realität Platz für Menschen mit Lust auf Neuerungen à la Vice News ist.

Es gibt zwar durchaus in den besseren Journalistenschmieden Unterstützerkurse zum Start in die Selbstständigkeit. Doch deren Inhalt ist meistens gleich: Die Studierenden erfahren, wie sie ein belastbares Profil aufbauen und einen attraktiven Bauchladen zusammenstellen, um damit dann dauerhafte Geschäftsbeziehungen zu Medien aufzubauen. Der Gedanke, selbst das Medium zu werden, steht seltener auf dem Lehrplan – dabei ist gerade das leichter als je zuvor.

In den USA versuchen einige Programme, diese Lücke systematisch zu schließen. In New York unterrichtet beispielsweise der auch häufig deutsche Medienhäuser beratende Jeff Jarvis im „Tow-Knight Entrepreneurial Journalism Fellowship Program“. Was erst einmal nach aufgeblähtem Begriffsmonster klingt, folgt in rund vier Monaten einem logischen Konzept: Was ist deine Idee? Wer erstellt dafür wie den Content? Wer programmiert dir die Seite? Wie finanziert sich das Ganze?

Ich bin Fellow im Jahrgang 2014 dieses Programms. Schon vor Beginn fallen mir im Bewerbungsprozess und im Grundton der vorbereitenden Literatur drei wesentliche Unterschiede zur deutschen Debatte auf.

 

Starten, nicht planen

Businesspläne sind schön und gut, aber die Wahrheit liegt auf dem Platz. Das Ergebnis eines Gründerkurses sollte nicht ein Plan sein, sondern am Ende der vier Monate steht das fertige Projekt online. (Ernsthaft über ein Printprojekt scheint in den letzten Jahren niemand nachgedacht zu haben.) So trivial es klingt: Wer nicht anfängt, wird nie auf die wahren Praxisprobleme stoßen.

Auch die Bedeutung formaler Abschlüsse tritt hinter den Erfolg mit dem eigenen Start-up zurück. Ganz hübsch spürte ich das an der Reaktion auf meine Frage: „Gibt’s denn Abschlussprüfungen und ein Zeugnis?“ Studiengangsdirektor Jeremy Caplan schaute mich schweigend an. Ich schaute zurück, sammelte mich und sah ein: „Das war eine sehr sehr deutsche Frage, nicht wahr?“

 

Ideen hat jeder – auf das Machen kommt es an

In vielen deutschen Gründerkursen für freie Journalisten geht irgendwann die Hand eines Teilnehmers hoch, verbunden mit der klammen Frage: Was ist, wenn mir die Redaktion meine Idee klaut und selber schreibt? Auch in Start-up-Seminaren steht diese Frage oft im Raum. In dem Gedanken, als Allererster eine absolut exklusive Idee zu haben, steckt aber auch eine große Überheblichkeit.

Venture-Capital-Geber erzählen, dass sie 99,9 Prozent aller Pitch-Ideen schon einmal gehört haben. Die Spreu trenne sich aber nicht im Ideengenerieren vom Weizen, sondern in der Ausführung. Auch Facebooks Marc Zuckerberg wird auf den Ideenklau-Vorwurf der Winklevoss-Zwillinge der Konter zugeschrieben: „Aber ich habe sie umgesetzt.“ Das mag menschlich für Deutsche immer noch rüde sein, doch sicher hat Zuckerberg schließlich mehr Durchhaltevermögen gezeigt und Engagement in Facebook gesteckt.

 

Die Zeiten sind super, leg los

Wer ein Medienunternehmen gründen will, braucht keine Druckerpressen mehr, kein Papier, keinen Zeitungsjungen. Es reichen ein vergleichsweise günstiges Equipment, eine Website und Tatendrang. Die Hürden waren nie niedriger, um unterm Strich mit einem Plus aus dem Projekt zu gehen.
 
Christian Fahrenbach ist 2014 Fellow im Tow-Knight Entrepreneurial Journalism-Programm an der CUNY Graduate School for Journalism. In loser Folge stellt er hier Köpfe, Ideen und Debatten daraus vor.